Harthausen
Komödiantische „Tabakernte“ im Tabakschuppen Harthausen
Gefühlt hatte sich mindestens das halbe Dorf im Tabakschuppen versammelt. Dem Harthausener Kultur- und Heimatverein ist es gelungen, die Tabakernte fest im Veranstaltungskalender zu etablieren. Mit Speisen und Getränken sorgen Mitglieder für das leibliche Wohl, Gabriel „Gabs“ Salzmann für die Künstler und ihre Auftritte. Der Tabakernte-Erfinder und Moderator bereitete die Fans auf seinen Abschied von der Bühne in vier Jahren vor.
Schon vor Beginn könnte die Stimmung im Tabakschuppen nicht besser sein. Dass der Ludwigshafener Comedian Giuseppe Como und Gitarrist Alex Fari hier bereits zum zweiten Mal auftritt, ist für die Zuschauer kein Problem, auch wenn Como nicht immer über der Gürtellinie bleibt. Eigentlich habe er keine große Lust auf Comedy, beschreibt er seinen Gemütszustand, den er den vielen Geschehnissen zuschreibt. Wer jetzt die Einordnung der Weltlage und ihrer Protagonisten erwartet, wird enttäuscht. Como geht es um den Valentinstag, um Haare und ihre Entfernung und um Lactose-Intoleranz, der er eine musikalische Uraufführung widmet. Zuschauer Stefan lässt sich fürs Lied über Auto fahrende Nasenbohrer eine Perücke aufsetzen, bevor Como seinen Cannabis-Song anstimmt. Seine Behauptung, dass in Harthausen sogar die Hunde kiffen kann er zwar nicht belegen, das Publikum hat dennoch Spaß an der Geschichte.
Poesie der Pantomime
40, Single, kinderlos, glücklich: So stellt sich die Mannheimer Comedienne Pia G. King den Zuschauern vor. Die einzige Frau des Abends bekennt sich zu ihrer Vorliebe für Süßigkeiten und für Sexspiele aller Art. „Ich will Liebe haben und machen“, erklärt die gelernte Industrie-Mechanikerin, die über Gabelstapler- und Lkw-Führerschein verfügt.
Klaus Lavies hat exzellente Kleinkunst aus seinem Darmstadter Theater Pädagog mitgebracht. Im weißen Gewand mit angedeutetem Pierrot-Gesicht begrüßt der Pantomime die Zuschauer mit Handkuss. Seinen imaginären Hund streichelt der zehnjährige Oskar aus dem Publikum liebevoll. Lavies hält mit seiner Kunst runde 20 Minuten lang die Zeit im Tabakschuppen an. Seine Poesie berührt die Herzen, wenn er zur „Matrix“-Filmmusik versucht, aus dem Hamsterrad auszubrechen oder mit einer Zuschauerin tanzt. Seine Pantomime wagt den Weg der Gefühle. Als Hommage an Charles Aznavour und eine kürzlich gestorbene Freundin malt Lavies Farben in die Luft, die zu leuchten beginnen. Der Beifall für den Kleinkünstler will nicht enden.
Guter Stimmenimitator
Auch Chris Visione ist Wiederholungstäter im Tabakschuppen, auch wenn er hier eine Bühne, wie der Comedian sie kennt, vermisst. Die ist in Harthausen zwar nicht zu besteigen, nimmt aber dafür die gesamte Längsseite des Tabakschuppens ein. Also auch Platz genug für Visione und seine diversen technischen Requisiten. Aus seiner politischen Positionierung macht er keinen Hehl und wundert sich, dass Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag wiedergewählt wurde. „Seine Politik ist so schrecklich wie seine Frisur“, kanzelt Visione den Kanzler ab.
Er ist Radio-Journalist mit umfangreichem beruflichem Vorleben inklusive fast gelungener Fußball-Karriere. Verantwortlich für das frühe sportliche Aus ist nach Ansicht des Comedians sein Zigaretten- und Bier-Konsum, woraus er auch seine starke Verletzungsanfälligkeit erklärt. Visione erweist sich als guter Stimmenimitator, der mit den sprachlichen Störungen von Udo Lindenberg, Til Schweiger und Herbert Grönemeyer keinerlei Mühe hat.
Nach seiner wahrhaft magischen Zauberei kündigt Salzmann vorsorglich schon einmal die zwölfte Harthausener Tabakernte 2027 an. Auf die Besucher der elften Ausgabe kann der Kultur- und Heimatverein sicher wieder rechnen.