Harthausen
Kiebitz als Lockvogel: Projekt setzt auf Rückkehr seltener Arten
Die Ganerb zwischen Hanhofen, Harthausen und Gommersheim festigt ihren Ruf als Hochburg der in Rheinland-Pfalz vom Aussterben bedrohten Vogelart Kiebitz. Der Bruterfolg von Vanellus vanellus, so der lateinische Name des Bodenbrüters, auf den Wiesen und Äckern nordwestlich von Harthausen ist weniger dem Zufall zu verdanken, als dem von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) getragenen und von der Landesregierung wesentlich finanzierten Kiebitz-Schutzprojekt.
„Im vergangenen Jahr haben zehn Kiebitzpaare in Harthausen gebrütet. 17 Jungvögel wurden flügge. Das ist mehr als ein Viertel des Kiebitz-Nachwuchses in ganz Rheinland-Pfalz“, sagt Gerardo Unger Lafourcade Anfang März bei einer Fachexkursion in der Ganerb. Den zunehmenden Erfolg des Projekts, das 2019/2020 begann, führt dessen Leiter bei der Gnor nicht zuletzt auf die Auswilderung von im Zoo Landau geschlüpften Kiebitzen zurück.
55 Jungvögel im vergangenen Jahr ausgewildert
Die Kooperation der Gnor mit dem Zoo, die dessen Direktor Jens-Ove Heckel tatkräftig unterstützt, begann 2024. Die beiden Gebiete, in denen im Zoo geschlüpfte Kiebitze ausgewildert werden, sind ein Gelände beim Südzuckerwerk Offstein und die Harthausener Ganerb. Vor zwei Jahren wurden insgesamt 47 Kiebitze ausgewildert, informierte Unger Lafourcade. 2025 stieg die Anzahl der ausgewilderten Jungvögel auf 55 an. Und schon im vergangenen Jahr sind laut dem Projektleiter 16 der Ausgewilderten aus dem Winterquartier in unsere Region zurückgekehrt.
Seit Ende Februar/Anfang März haben Gerardo Unger Lafourcade und seine Mitstreiter von der Gnor sowie des Natur- und Vogelschutzvereins Harthausen und des Vereins der Vogelfreunde Hanhofen ungefähr 30 Kiebitze in der Ganerb gesichtet. Unter diesen tragen drei Vögel ein gelbes Fähnchen an einem Bein, eines davon mit der Kennung „AYL“. „Diesen Kiebitz haben wir 2024 in Harthausen ausgewildert“, sagt der Projektleiter. Ein gelbes Fähnchen tragen alle ausgewilderten Vögel und die jeweilige Kennung verrät unter anderem, wo genau das Tier in die Freiheit entlassen wurde.
Ehrenamtliche suchen Gelege
Das Einsammeln von Kiebitzeiern aus verlassenen Gelegen durch Ehrenamtliche, das Ausbrüten im Zoo und die Auswanderung ist nur ein Baustein des Schutzprojekts, wie bei der Fachexkursion deutlich wurde. Würden die Gelege nicht bis zum Ausschlüpfen des Nachwuchses mit Körben aus Stahl vor dem Zugriff von Beutegreifern wie dem Fuchs geschützt, und würden nicht Zäune, die unter Strom stehen, eine zusätzliche Barriere für vierbeinige Fressfeinde des Kiebitz darstellen, kämen deutlich weniger Jungvögel in freier Wildbahn zur Welt, unterstreicht Unger Lafourcade.
Ehrenamtliche der Gnor und der beiden Naturschutzvereine gehen deshalb ab Ende Februar bis weit ins Frühjahr hinein täglich in die Ganerb, um festzustellen, wo ein Kiebitzpaar ein Gelege anlegt. Sobald dort Eier vorhanden sind, versuchen die Naturschützer einen Schutzkorb darüber anzubringen, ohne dabei das Brutgeschäft zu stören. Zu dem Team an Ehrenamtlichen gehören Dieter und Ute Hoffmann sowie Christian, Michaela und Sophie Kühner (Harthausen) und Thomas sowie Otfried Dolich (Hanhofen/Gnor).
Acht Hektar großes Projektgelände
Der Vorsitzende des Natur- und Vogelschutzvereins Harthausen, Jochen Groß, sagt bei der Fachexkursion: „Wir sind stolz darauf, dass wir Teil dieses Schutzprojekts sind.“ Sein Verein stellt zahlreiche eigene Flächen dafür zur Verfügung und hat weitere Grundstücke dazu gepachtet. Ein Teil des ungefähr acht Hektar großen Projektgeländes gehört dem Rhein-Pfalz-Kreis.
Thomas Dolich unterstreicht als Vizepräsident der Gnor, dass es sich bei dem Kiebitz-Schutzprojekt um eines der größten und wichtigsten Projekte dieser Art unter der Regie des Naturschutzverbands handele. Nach dem Vorbild eines ähnlichen Vorhabens in Hessen strebe man in Harthausen mittelfristig die Errichtung eines sogenannten Festzauns an. Ein solcher hoher und stabiler Zaun, wie es ihn schon nahe des Zuckerwerks Offstein gibt, schütze den Kiebitz noch zuverlässiger vor Fressfeinden. Die Gnor bemühe sich bereits um eine Förderung für einen solchen Zaun.
Hoffen auf Rückkehr weiterer Watvögel
Ein weiterer Baustein des Schutzprojekts ist das Mahd- und Beweidungsmanagement für die Grundstücke, das Unger Lafourcade als Projektleiter, Reinhard Steiger vom Harthausener Naturschutzverein und die Biotopbetreuerin Petra Jörns im Auftrag von Land und Kreis gemeinsam bewältigen. Biologin Jörns informiert bei der Exkursion über die Pflegemaßnahmen, von denen auch etliche gesetzlich geschützte Biotope nach Paragraf 30 Bundesnaturschutzgesetz profitierten. Dazu leiste der Rinderhalter Thomas Strubel aus Böhl-Iggelheim einen wichtigen Beitrag, in dem er seine Tiere ab Mitte März in der Ganerb das Gras weiden lässt.
Unger Lafourcade hofft derweil auf die Rückkehr weiterer Watvögel, auch Limikolen, genannt. Denn Biotope, in denen sich der Kiebitz wohlfühlt, seien auch für Arten wie Bekassine, Großer Brachvogel, Flussregenpfeifer und Uferschnepfe geeignet. Exemplare dieser Arten haben Dieter und Ute Hoffmann vor 20, 30, 40 oder 50 Jahren noch in der Ganerb brüten gesehen, wie sie sich erinnern. Und der Strukturreichtum des Gebiets komme auch anderen seltenen Arten wie Grauammer und Feldlerche zugute, so der Biologe Jürgen Walter.