Speyer
Keine Existenznöte: Darum stehen Speyers Krankenhäuser gut da.
Beim Westpfalz-Klinikum müssen die kommunalen Träger mit Finanzhilfen einspringen, in der Stadtklinik Frankenthal gibt’s Probleme, und in Landau prüfen zwei Klinikstandorte, ob sie gemeinsam schlagkräftiger wären. In Neustadt bittet der private Träger des Hetzelstifts die Stadt um Hilfe. Im Landesorden sind schon Krankenhäuser in die Insolvenz gerutscht. Ganz anders in Speyer. Hier investiert das St.-Vincentius-Krankenhaus gerade mehr als 40 Millionen Euro in mehreren Abschnitten in seine Infrastruktur, und beim Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus sind die 16 Millionen Euro für die aktuell anlaufende Erweiterung des OP-Bereichs nur eines von mehreren Großprojekten in jüngerer Zeit. Das Land schießt jeweils mehr als die Hälfte zu, aber Millionensummen tragen beide Häuser selbst.
„Wir haben über Jahrzehnte stabil an unseren Angeboten gearbeitet.“ Wenn Stiftungsvorstand Wolfgang Schell über den Erfolg des St.-Vincentius-Krankenhauses Speyer spricht, zeichnet er lange Linien. Es sei immer wieder auf das richtige Pferd gesetzt worden. Im guten Jahrzehnt, das er überblicken könne, seien etwa Spezialisierungen in der speziellen Pneumologie, in der plastisch reproduktiven Chirurgie, in der konservativen Orthopädie und im Weaning (Entwöhnung von der Beatmung) hinzugekommen. „Wir sind mit dem medizinischen Fortschritt gegangen, und wir haben die passenden Ärzte gefunden“, sagt Schell. Die Urologie und die Unfallchirurgie gehören zu den weiteren Schwerpunkten, mit denen sich die Klinik gut aufgestellt – und mit dem Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus als Speyerer Mitbewerber abgestimmt – sieht.
Träger stimmen sich ab
Für die Leistungsklassen, die künftig nach der Krankenhausreform für jeden Klinikstandort freigegeben werden müssen, marschierten die beiden Speyerer Krankenhäuser Seit’ an Seit’: Sie haben laut Schell in einem gemeinsamen Brief nach Mainz erläutert, wie sie sich die Versorgung für Speyer und Umgebung aufteilen wollten. „Wir sind guter Hoffnung, dass wir so weiterarbeiten können wie bisher“, betont der Manager.
Das „Vincenz“ messe seinen Erfolg vor allem an der Patientenresonanz – und könne zufrieden sein: „Das Haus ist voll.“ Dass mit den jüngsten Investitionen „gegen den Landes- und Bundestrend“ ein Zuwachs um 37 Betten genehmigt worden sei, spreche Bände. Zuletzt seien mit rund 800 Mitarbeitern fast 20.000 ambulante und 10.000 stationäre Patienten pro Jahr betreut worden. Mehrere defizitäre Jahre nach der Corona-Krise seien unvermeidbar gewesen, aber grundsätzlich halte die kompakte Größe des Hauses Aufwand und Ertrag in einem gesunden Verhältnis.
Stiftung als Eigentümer
Investiert wird ohnehin – auch aus über die Jahre zurückgelegten Überschüssen. Das „Vincenz“ und der „Gute Hirte“ als Ludwigshafener Schwesterbetrieb gehörten einst direkt zum Orden der Niederbronner Schwestern, wurden 1992 aber in eine kirchliche Stiftung des öffentlichen Rechts überführt. Diese müsse schauen, wie sie mit ihren Eigenmitteln zurechtkomme (Jahresetat knapp 100 Millionen Euro) und könne sich nicht wie kommunale Kliniken auf einen Defizit-Ausgleich aus öffentlicher Hand verlassen oder wie private Träger im Notfall in die Insolvenz flüchten. „Es kann sein, dass diese Konstellation auch unsere Arbeit prägt“, sagt Schell. „Wir haben ein bisschen das Unternehmertum im Haus dabei, machen aber trotzdem ein gutes medizinisches Angebot und eine werteorientierte Arbeit.“
Und da wäre der Vorstand auch bei seinem wichtigsten Punkt: „Es gelingt uns, die Stellen zu besetzen.“ Viele Krankenhäuser in wirtschaftlicher Schieflage hätten Fixkosten, müssten aber einzelne Angebote wegen Personalmangels streichen. Am St.-Vincentius-Krankenhaus sei das auch dank der eigenen Pflegeschulen nicht der Fall, sodass an der Qualität gearbeitet und wiederum in langen Linien gedacht werden könne: „Das Vertrauen in unser Krankenhaus ist in Speyer nie abgerissen.“
„Diak“ setzt auf Spezialisierung
„Wir konzentrieren uns auf einzelne Leistungsbereiche und geben in diese alles hinein, was geht.“ Für Wolfgang Walter, Sprecher der Geschäftsführung des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhauses, ist das ein zentrales Erfolgsrezept an der Klinikspitze. Man müsse „nicht alles machen“. Aber in den ausgewählten Fachgebieten seien Universitätskliniken der Maßstab. „Von dort kommen auch unsere Chefärzte“, sagt Walter stolz. Zertifizierungen von Fachgesellschaften bezeichnet er als „Steckenpferd“: Es gebe wohl bundesweit kein anderes Klinikum dieser Größe mit einer längeren Liste. Die Onkologie, die Viszeralchirurgie und die Gynäkologie seien wichtige Bereiche, dazu kämen etwa die Geburtshilfe und die Kinderklinik – jeweils mit hohen jährlichen Patientenzahlen.
Walter erklärt den Erfolg des „Diak“ mit „exzellenter medizinischer Betreuung in halbwegs familiärem Umfeld“. Das habe den Standort über die Jahre wachsen lassen. 526 Betten zählt er heute inklusive der geriatrischen Tagesklinik und macht laut Diakonissen einen jährlichen Umsatz von 200 Millionen Euro. Seine fast 2000 Mitarbeiter betreuten voriges Jahr 27.000 stationäre Patienten, übernahmen aber auch rund 2000 ambulante Operationen. Die Anzahl der Stationären sei um vier Prozent gestiegen und liege wieder über den Werten von 2019 – für viele Krankenhäuser eine wichtige Marke nach den pandemischen Krisenjahren. Über die Schwierigkeiten bei der Finanzierung hat der im Vorstand der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz vertretene Walter vielfach geklagt. 2026 werde wieder ein ausgeglichenes Ergebnis erwartet, 2024 und knapp auch 2025 seien jedoch rote Zahlen verbucht worden.
Wachsende Onkologie
Dennoch seien die Weichen richtig gestellt. Die OP-Erweiterung habe damit zu tun, dass die Nachfrage größer sei als die Kapazität. „Unsere Zahlen sind sehr expansiv in der Onkologie. Die Tumormedizin entwickelt sich explosionsartig“, erklärt Walter. Hier wirke sich auch die Vernetzung auf dem Diakonissen-Campus positiv aus: Mit den Fachärzten zum Beispiel der angrenzenden onkologischen Schwerpunktpraxis und der Strahlentherapie werde gut zusammengearbeitet. Auch die Nachbarschaft zur Bereitschaftsdienstzentrale mache den Standort bekannt, die 37 Prozent Patienten aus dem badischen Raum erhöhten die Auslastung, und der Status als Akademisches Lehrkrankenhaus mit bester Lage in der Metropolregion helfe bei der Personalsuche. An den eigenen Fachschulen kämen 300 Ausbildungsplätze hinzu.
Das „Diak“ müsse finanziell auf eigenen Beinen stehen, wisse mit der evangelischen Diakonissenanstalt aber eine starke Muttergesellschaft in seinem Rücken. Die sei breit aufgestellt, was in schwierigen Zeiten für Sicherheit sorge, sagt Walter. Das sei wichtig, aber keine Garantie gegen Einschnitte durch die anstehenden Reformen des Bundes: „Es gilt abzuwarten, wie diese ausgestaltet werden.“ Und Sicherheit sei letztlich auch der Faktor, der für das Land als Zuschussgeber entscheidend sei: „Wir müssen aufzeigen, dass wir wirtschaftlich erfolgreich sind und dass es uns dauerhaft geben wird.“
