Speyer
Katharina Franck am Abend und Morgen
Es war einer jener Abende, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Katharina Franck, einst Stimme und Seele der Rainbirds, stand mit ihrer Gitarre auf der Bühne des Philipp Eins in Speyer und spannte den Bogen über fast vier Jahrzehnte Musikgeschichte. Ihr großer Hit „Blueprint“ machte sie Ende der Achtziger über Nacht zum Star – doch Franck wäre nicht Franck, würde sie sich auf Nostalgie verlassen.
Einen ganz anderen Akzent setzten am Freitagabend die Traumvagabunden in „Ulis Wohnzimmer“. Das Duo aus Dresden – Pianist und Sänger Yiannis Brauweiler und Cellistin Dörte Drieschner – präsentierte ein Programm, das sich den leisen Dingen des Daseins widmet. „Liebeslieder an das Leben“ heißt ihre aktuelle CD, und tatsächlich verschiebt sich der Fokus bei den Traumvagabunden auf das Kleine, das plötzlich groß wird: Alltäglichkeiten, Zwischentöne, jene Momente, die man sonst kaum wahrnimmt.
„Platz im Herzen“
Musikalisch segeln die Traumvagabunden zwischen Chanson, Liedermachertradition und kammermusikalischer Poesie. Brauweilers sanfter Bariton führt durch überwiegend melancholische Stücke wie „Platz im Herzen“ oder „Spätsommer“ – Songs, die nicht erzählen, sondern bekennen. Seine Melancholie drückt nicht, sie weitet: eine freundliche Nachdenklichkeit. Drieschner antwortet darauf mit einem Cello, das nicht begleitet, sondern kommentiert. Gelegentlich kommt auch ein Glockenspiel zum Einsatz. In Liedern wie „Blutsbruder“ und „Glühwürmchen“ begeben sich die beiden auf die Suche nach der verlorenen Leichtigkeit ihrer Kindheit. Piano und Cello unterstützten die emotionale Herangehensweise: Ein glitzernder Pianoton, ein intensiver Bogenstrich – manchmal sagt ein Klang mehr als jede Pointe.
Dennoch bleibt Katharina Franck der unbestrittene Publikumsliebling des Abends: ein Energiebündel auf der Bühne, das die hohen Töne schillern lässt und im nächsten Moment konzentriert Prosa liest. Sie erzählt Geschichten aus vierzig Jahren Bühnenleben und wechselt mühelos von derben Kommentaren – „Frieden bricht aus, wenn Arschlöcher abtreten“ – zu zarten Miniaturen über Liebe und Sehnsucht. Geboren 1963 in Düsseldorf, aufgewachsen in Portugal und Brasilien, schreibt sie dort mit zwölf ihre ersten Songs – kein Wunder, dass ein brasilianisches Stück in portugiesischer Sprache an diesem Abend nicht fehlen darf. Keine Pose, keine Manierismen: Franck singt, wie sie ist – klar, kompromisslos und mit einer Stimme, die hörbar noch immer etwas Dringliches mitzuteilen hat.
Einfühlsam gerät das Zusammenspiel zwischen Gastgeber Uli Zehfuß und Katharina Franck. Wenn bei „Blueprint“ die Gitarrenriffs umeinander kreisen oder beide die „Magnolienzeit“ – ein Text von Uli Zehfuß - besingen, scheint der Raum zu flirren. Und weil der Abend längst ausverkauft war, folgt am Samstagmorgen im Speyerer Zimmertheater eine spontane Zugabe im Format eines Matinée-Konzertes: ein persönliches, humorvolles Konzert in Liedern und Texten, bei dem sich Zehfuß und Franck lässig und spontan die Bälle zuspielen. Man spürt das gute Einvernehmen zwischen beiden Künstlern. Beide suchen mit ihren Liedern nach dem „Salz in der Suppe der Sehnsucht“ – ein Lied von Katharina Franck.
Ein Raum, der verbindet
„Ulis Wohnzimmer“ erweist sich einmal mehr als idealer Ort für Begegnungen dieser Art: Ein Raum, der nicht trennt, sondern verbindet – Musiker, Stile, Temperamente. Zufriedene Gäste verlassen den Saal mit dem kaum fassbaren, aber unverkennbaren Gefühl: Da war etwas, das bleibt.