Schwegenheim / Obrigheim
Israel-Reise prägt junge Politiker aus der Pfalz: Zeugnisse von Terror, Alltag und Hoffnung
„Diese Reise war nicht nur sehr emotional, sondern auch eine Begegnung mit der Geschichte, sowohl mit der Zeitgeschichte, als auch mit der Antike und jüngeren deutschen Geschichte“, sagt Christopher Hauß. Der 29-Jährige aus Schwegenheim hat im November mit seinem Parteifreund Niklas Dejung an einer Reise der israelischen Botschaft in das mehrheitlich jüdisch geprägte Land teilgenommen. Anlass ist das 60-jährige Bestehen der deutsch-israelischen Beziehungen. Zur Reisegruppe gehörten 160 Menschen, die von den Bundesländern benannt worden waren und aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft kamen. Die politische Heimat der beiden jungen Männer ist die CDU: Hauß ist Landesvorsitzender der Jungen Union (JU) Rheinland-Pfalz, Dejung ist Vorsitzender des JU-Bezirksverbands Rheinhessen-Pfalz. Was die beiden in Israel erlebt haben, beschäftigt sie noch heute.
Hauß und Dejung, denen bewusst ist, dass die Programmpunkte von der israelischen Botschaft gezielt ausgewählt wurden, lernten ein Land mit zahlreichen Gegensätzen kennen. Auf der einen Seite das moderne Tel Aviv mit einem starken Fokus auf neue Technologien, Start-ups und junge Menschen, „die wissen, wie man feiert“. Auf der anderen Seite für das Judentum, das Christentum und den Islam heilige Orte wie die Klagemauer, der Tempelberg, die Grabeskirche und die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Die Stadt sei auf engstem Raum voller Weltgeschichte, sagt Hauß. Dejung beeindruckt, dass dort so viele Religionen wirken. Er empfand den Aufenthalt in Israels Hauptstadt „kulturell unheimlich bereichernd“.
Augenzeugen schildern Angriff der Hamas
Die beiden jungen Männer aus der Pfalz hatten das Privileg, auf den israelischen Staatspräsidenten Jitzchak Herzog zu treffen – „ein charmanter, netter Mann“ –, Oppositionspolitiker und Gegenkandidat des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu bei der Parlamentswahl im März 2015. Außerdem sprachen sie in Jerusalem in der Knesset mit Parlamentssprecher Amir Ohana, einem Mitglied der Regierungspartei, sowie dem Oppositionspolitiker Mickey Levy. Laut Hauß und Dejung wurde gerade im Kontrast beider Gespräche und auch im Austausch mit einem ehemaligen Verfassungsrichter deutlich, dass Teile der israelischen Regierungspolitik von Premier Netanjahu, die in Deutschland kritisiert werden, in Israel ebenso kritisch diskutiert werden. Auch wenn in Teilen der deutschen Öffentlichkeit ein anderer Eindruck kultiviert werde, habe Israel eine starke Zivilgesellschaft und eine lebendige Demokratie, schlussfolgern beide. Diese stünde, wie in zahlreichen anderen westlichen Staaten, vor Herausforderungen, habe aber ein starkes Fundament.
Dem Schwegenheimer und seinem Freund bleibt von der Reise noch etwas anderes: die eindrücklichen Schilderungen von Augenzeugen und die Rede des israelischen Außenministers, wie der Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 das kleine Land verändert hat. „Das jüdische Volk ist nicht groß. Jeder kennt jemanden, der von dem Angriff betroffen war“, sagt Hauß. Der 29-Jährige schildert immer noch bedrückt, wie der Reisegruppe der Film „We will dance again“ gezeigt wurde. „Ein Film, den ich nicht allein anschauen würde“, sagt Hauß. Die Dokumentation rekonstruiert den grausamen Terrorangriff der Hamas auf das „Nova“-Musikfestival, bei dem allein dort mehr als 350 Menschen starben. Der Film zeige ungeschönte Aufnahmen von Besuchern des Festivals sowie der Hamas. Es seien Menschen, die so alt sind wie Hauß und Dejung.
Die beiden brauchten Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten – auch weil sie einen Tag später an den Ort des Verbrechens fuhren. Das Gelände ist voller Kreuze mit Fotos der Ermordeten. „Das macht etwas mit einem“, sagt der 24-jährige Dejung. In den Baumstämmen seien noch die Einschusslöcher zu sehen.
Widerstandsfähigkeit der Israelis beeindruckt Deutsche
Hauß und Dejung beeindruckt, mit welcher Resilienz die Israelis angesichts ihres jüngsten Schicksals den Alltag bestreiten. „Bei uns haben die Menschen Angst, weil mehrere Flugstunden entfernt Krieg herrscht. In Israel ist die Gefahr nur wenige Kilometer entfernt“, beschreibt Hauß die Situation. Er und Dejung fühlten sich immer sicher – auch auf dem Festivalgelände, auf dem auf großen Plakaten informiert wird, dass bei einem Luftangriff nur 15 Sekunden Zeit blieben, um in einen Schutzraum zu fliehen. Die Israelis leisteten drei Jahre Militärdienst und ließen sich nicht unterkriegen. In Gesprächen vor Ort haben die beiden Deutschen erlebt, dass sich die Menschen Frieden wünschen: „Es bringt nichts voller Hass zu sein. Das muss ein Ende haben.“
Den Pfälzern imponiert die Einstellung – das Verzeihenkönnen, und zwar auch gegenüber den Deutschen angesichts des Holocausts. Hauß erinnert in diesem Zusammenhang an die Rede des israelischen Außenministers Gideon Sa’ar, der der Reisegruppe aus Deutschland laut den Schilderungen des Schwegenheimers Folgendes mitgab: Der Israeli könne nachvollziehen, dass die junge Generation in Deutschland mit der Vergangenheit abschließen wolle. Er könne diese Haltung verstehen, sie aber nicht akzeptieren. Ihm zufolge treffe die junge Generation keine Schuld, aber sie trage dennoch Verantwortung. Die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland blieben besonders.
Niklas Dejung und Christopher Hauß finden es daher besonders erschreckend, wenn israelbezogener Antisemitismus und Judenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft rechts wie links wachsen. Wenn er sogar an Universitäten immer dominanter werde und zugleich auch „importierter Antisemitismus“ eine immer größere Rolle spiele. Es sei legitim, die israelische Regierung zu kritisieren. „Aber alles, was das Sicherheitsgefühl von Juden stört, darf in Deutschland keinen Platz haben“, sagt Hauß.
Seiner Meinung nach zeigt sich schon deutlich, dass Grenzen überschritten sind, wenn Synagogen in Deutschland polizeilich geschützt werden müssen oder Juden angefeindet werden. „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern es ist schon 12 Uhr“, sagt Hauß.