Speyer Herbstgefühle

„Bunt sind schon die Wälder“ – so fängt ein Herbstlied an. Und tatsächlich verfärben sich bereits die Blätter der Buche. Allerdi
»Bunt sind schon die Wälder« – so fängt ein Herbstlied an. Und tatsächlich verfärben sich bereits die Blätter der Buche. Allerdings haben wir immer noch Sommer! Knautschtest: Selbst grüne Blätter fühlen sich trocken an.

«Schifferstadt/Dudenhofen.» Es raschelt unter den Füßen. Trockenes Laub bedeckt den Waldboden. Der Wald klingt nach Herbst und sieht auch schon danach aus. Dabei ist noch über einen Monat Sommer – wenn man dem Kalender folgt. Nach den sehr heißen Wochen hat uns Förster Volker Westermann ganz bewusst zu diesem Spaziergang eingeladen. Nicht unbedingt fürs Herbstfeeling. Sondern, um uns die Folgen von Hitze und Trockenheit zu zeigen. „Kaputt. Auch kaputt. Lebt noch – aber gerade so eben.“ Der Bildungsförster vom Forstamt Pfälzer Rheinauen, das auch für den Rhein-Pfalz-Kreis-Wald zuständig ist, steht auf einer Fläche mit jungen Bäumchen. Mit Schülern haben er und sein Kollege Georg Spang hier im Frühjahr Eichen gesetzt. Die meisten sind kaputt. Sie sind verdurstet. „Ihr könnt die Nagelprobe machen. Kratzt einfach an der Rinde, kommt darunter kein Grün mehr zum Vorschein, ist der Baum ausgetrocknet.“ Die Mini-Eichen sind aber nicht die einzigen Opfer dieses Hitze-Sommers. Eine alte Fichte hat es ebenfalls dahingerafft. „Sie war vorgeschädigt, die Trockenheit hat ihr den Rest gegeben“, sagt Westermann. Das Wäldchen, in dem sie (noch) steht, hat zum Glück noch ein paar mehr dieser stattlichen Bäume zu bieten. Durch ihre Zweige fällt Licht auf einen wunderbaren Moosboden. Der jedoch auch schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Selbst die ansonsten feuchten Mooskissen sind knochentrocken. Nur weil vergangene Nacht ein paar Regentropfen gefallen sind, ist die Waldbrandgefahr keineswegs vorbei, mahnt der Förster. „Das brennt hier alles wie Zunder.“ Das Moos wird sich erholen. Beim nächsten – hoffentlich ausgiebigen – Regen mit Wasser vollsaugen. Die Fichten werden sich nicht so einfach regenerieren. „Sie haben einen hohen Anspruch an die Wasserversorgung“, sagt Westermann. „Werden die Sommer so bleiben, werden sie es schwer haben. Vor allem hier in der Rheinebene.“ Wer Stress hat, bekommt Pickel – oder Borkenkäfer. Fichten werden bei für sie ungünstigen Klimabedingungen obendrein anfällig für Schädlinge. Der Kupferstecher ist ein Mitglied der Borkenkäferfamilie. Er befällt neben jungen Bäumen bevorzugt durch Trockenstress geschwächte Altfichten. Er beginnt sich im oberen Kronenteil auszubreiten. Der Schaden wird erst erkennbar, wenn sich die Krone von der Spitze aus rötlich verfärbt. Erneutes Rascheln unter den Füßen. Wir haben das Fichtenwäldchen mit dem Moosboden verlassen. Unter uns ist braunes Laub. Über uns stehen Buchen. Die Buche ist auch so ein Problembaum. Speziell die Rotbuche. Werden die Temperaturen steigen, und die Sommer trocken und heiß bleiben, wird sie bei uns in der eh niederschlagsarmen Rheinebene vermutlich nicht mehr vorkommen. Das prophezeien Klima-Eignungskarten, die das Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen für einzelne Baumarten erstellt hat. Das Kompetenzzentrum ist bei der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft angesiedelt. Um noch das Beste aus der derzeitigen Situation zu machen, entziehen die Buchen ihren Blättern das für sie so wichtige Chlorophyll, lagern es ein und lassen es Herbst werden. Die Folgen sehen wir. Überhaupt wird der Trockenstress der Bäume für uns am Boden sicht- und fühlbar. Kiefern entnadeln sich. Eichen werfen Eicheln weg. Aber da sind sie schon mittendrin im Überlebenskampf. Wie jede Zimmerpflanze, die wir vergessen zu gießen, lassen auch Bäume die Blätter hängen. Denn wird die Wasserversorgung schlechter, fällt der Druck ab, mit dem das Wasser von den Wurzeln in die Kronen transportiert wird. Die Bäume müssen jetzt hart arbeiten, um Wasser noch bis in die Blätter pumpen zu können. Haben sie dazu keine Kraft mehr, passiert’s – die Blätter hängen. Was nicht heißt, dass die Bäume aufgeben. Strategie eins: Die Bäume schließen die Spaltöffnungen ihrer Blätter. Dadurch verlieren sie weniger Wasser, können aber gleichzeitig auch weniger Kohlendioxid aufnehmen. Sie büßen damit Fotosyntheseleistungen ein, die sie für ihre Ernährung brauchen. Dann doch lieber Strategie zwei: gleich weg mit dem Laubzeug. Vor allem die Birke ist schnell bei der Sache und lässt ihr Blätterkleid fallen. Die Buche macht mit. Und Eichen, Weiden und Pappeln trennen sich im Notfall gleich von ganzen Ästen. Abgeworfen werden jeweils die untersten Seitenzweige eines Jahrestriebs. Dieses Phänomen nennen Botaniker Absprünge, auf die sich die Pflanzen aber gut vorbereiten. Bevor sie die Zweige abwerfen, haben sie in der Trennungszone Korkgewebe gebildet, sodass gar nicht erst groß eine Wunde entsteht. Ein dritter Baum-Trick: Während der Blätter- und Nadelzuwachs bei Trockenheit abnimmt, investieren die Bäume in neue Wurzeln, um die Wasseraufnahme zu verbessern. „Ich finde diese Überlebenstaktiken spannend“, sagt Volker Westermann. „Und der Kampf der Bäume gegen Hitze und Trockenheit ist zurzeit einfach überall zu sehen. Ob er sich lohnt, wird sich allerdings erst im Folgejahr zeigen.“ Der Förster verweist auf die Jahre 2003 und 2006 mit ebenfalls heißen und trockenen Sommern. „Im Hitzejahr selbst sind gar nicht so viele Bäume ausgefallen – erst ein Jahr später haben sich die Schäden gezeigt.“ Als Anti-Stress-Programm würden dem Wald und seinen Bäumen und Sträuchern ein regenreicheres und kühleres 2019 guttun. Doch wird es das noch geben: kühle Sommer? Volker Westermann hat da seine Zweifel. „Ich glaube, der Klimawandel macht sich immer mehr bemerkbar. Allerdings weiß eben auch keiner, wie die Sommer in zehn, 20 oder 50 Jahren aussehen.“ Könnten Förster in die Zukunft schauen, würden sie möglicherweise jetzt schon ihren Wald anders planen. „Sollten wir beispielsweise ein Mittelmeerklima bekommen, könnten wir die dazu passenden Bäume pflanzen – Mittelmeerkiefern etwa, wie die Pinie. Oder Flaumeichen“, sagt Westermann. Aber noch würden viele Bäume, die im Süden Europas wachsen, mit dem Spätfrost im deutschen Frühjahr nicht klarkommen. Den gibt es noch – Klimawandel hin oder her. Und hey! Spätfrost. Frost. Klingt doch gut. In den Ohren hitzegestresster Menschen, die im Sommer durch den Herbstwald rascheln. Die Rubrik Unter dem Titel „Dienstagsfrage“ beantworten wir Fragen, die im Alltag im Speyerer Umland auftauchen.

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