Speyer Gesichter der Kulturszene: Angela Pfenninger

Veranstaltungsmanagerin und Autorin: Angela Pfenninger.
Veranstaltungsmanagerin und Autorin: Angela Pfenninger.

Mit seinen unter www.speyer.de/kulturgesichter und in Facebook vorgestellten Menschen aus der Kultur- und Veranstaltungsbranche beteiligt sich die Stadt Speyer an einer bundesweiten Initiative. Die RHEINPFALZ stellt die Kulturgesichter seit Anfang Dezember ebenfalls vor. Auf der Internetseite der Stadt gibt es die kompletten Interviews mit Kultur-Fachbereichsleiter Matthias Nowack.

Angela Pfenninger ist Veranstaltungsmanagerin und Autorin. Seit 20 Jahren ist sie in der Branche. Wie erlebt sie die Corona-Krise? „Ich habe zwei Standbeine: eine Teilzeitanstellung im Bereich Veranstaltungen und meine Freiberuflichkeit, in der ich mit meiner kleinen Agentur ,Museum-Theater-Events’ Inszenierungen für Museen, Denkmäler und Jubiläen plane, schreibe und umsetze. In beiden dieser Welten war dieses Jahr für mich die reinste Achterbahn. Nach dem ersten Lockdown, wo es Absagen hagelte und nicht viel passiert ist, haben sich die Ereignisse überschlagen: Projekte, bei denen bis kurz vor knapp nicht klar war, ob sie umgesetzt werden oder nicht, haben gefühlt zehnmal so viel Zeit und Energie verschlungen wie normal. Ständig umplanen, Hygienekonzepte aktualisieren, Voranmeldungen einloggen, dann doch ,virtuell gehen’ … Und am Ende waren so gut wie alle Vorbereitungen für die Katz.“

Eine Kraftanstrengung

Insgesamt erlebte sie die Krise als eine permanente Kraftanstrengung. Im Vergleich zu vielen Kollegen aus der freien Szene hatte sie das große Glück, ihren Lebensunterhalt über die Anstellung decken zu können. Statt künstlerischer Auftritte seien mehr Projektmanagement- und Konzeptions-Aufträge reingeflattert. „Beim Schreiben waren die Kontaktverbote kein Hindernis, sodass ich unterm Strich ausgelastet war und keine Existenznöte hatte.“

Von den Hilfspaketen wäre keines für sie in Frage gekommen. Als im Sommer das neue Fördermodell des Landes mit Stipendien an den Start ging, habe sie einen Projektvorschlag für eine Stückentwicklung eingereicht und auch bewilligt bekommen. Es tue ihr allerdings in der Seele weh, dass viele Leute aus der Branche jetzt indirekt dafür abgestraft würden, dass sie vor der Krise alles richtig gemacht haben. „Das Wenige, was man sich in unseren unsicheren und unterbezahlten Berufsfeldern überhaupt fürs Alter ansparen kann, dann aufbrauchen zu müssen, obwohl für andere Branchen Unterstützung durchaus da ist, das empfinde ich als eine große Ungerechtigkeit“, sagt sie.

„Wir werden kreativ bleiben“

Es falle ihr schwer, die Tragweite der Krise abzusehen. So manche Eventfirma, nicht-subventionierte Theater, private Museen, Clubs und Kleinkunstbühnen würden vermutlich schließen müssen. Viele Künstler würden irgendwas anderes machen (müssen) und uns nach der Krise nicht mehr mit ihrer Kunst erfreuen. Von der Depression darüber, so klaglos „verzichtbar“ zu sein, mal ganz abgesehen, sagt sie.

„Klar ist die Kulturszene von jeher ein gut vernetztes, resilientes Völkchen, und es wird nicht alles untergehen. Wir werden kreativ bleiben, Wege finden, uns neu sortieren.“ Aber wenn das Geld knapper werde und Kultur wie üblich zur Streichposition, sieht sie einen harten Verteilungskampf auf uns zukommen.

Unselige Kategorien

Die Krise habe gezeigt, dass die Kulturpolitik in Deutschland keinen guten Stand hat. Der Vernetzungsgrad, der zwischen Künstlern auf der Arbeitsebene so ausgeprägt ist, verliere sich „nach oben“ hin. „Wir konnten lange keinen politischen Druck aufbauen, und scheitern nach wie vor an unseligen, urdeutschen Kategorien, wie der Einordnung von Kultur als freiwillige Leistung statt Pflichtaufgabe, oder an der Unterscheidung zwischen U-(Unterhaltungs-) und E-(ernster) Kultur. Diese Art Wahrnehmung, die uns in der Krise in eine Kategorie mit Schwimmbad, Bordell oder Biergarten geworfen hat, ist tief verwurzelt und muss kulturpolitisch langfristig konterkariert werden.“

Auch wenn man sich über Fehlentwicklungen aufregen könne und solle: Sie ist dennoch froh, zu dieser kritischen Zeit in einem Land zu leben, wo es immerhin einen funktionierenden Rechtsstaat gebe, wo man die Menschen nicht ohne medizinische Versorgung links liegen lasse oder neu entwickelte Überwachungstechnologien flugs anderen Zwecken zuführe – ohne öffentliche Diskussion.

80 Millionen Virologen

Wo es früher 80 Millionen Bundestrainer bei uns gab, sind es jetzt plötzlich ebenso viele Virologen und Bundeskanzler. Aber angesichts der großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verwerfungen durch Corona möchte ich nicht in der Haut der Entscheidungsträger stecken und fände es fatal, übermenschliche Maßstäbe anzulegen“, sagt sie.