Speyer
Frischluft durch den Schlauch: Drausy lässt Russenweiher aufatmen
Der Schlauch gleitet über die Bordwand ins kalte Wasser und sinkt rasch ab. Nach kurzer Zeit ist von ihm nichts mehr zu sehen. Nur eine Spur aus Luftblasen an der Wasseroberfläche lässt seinen Verlauf erahnen. Meter um Meter verschwindet in der Tiefe des Russenweihers, während das Motorboot seine gemächliche Fahrt auf dem rund 1,2 Hektar großen See im Speyerer Süden fortsetzt. Am Ende dieses Donnerstagnachmittags werden 1250 Meter Schlauch spiralenförmig auf dem Grund des Gewässers im Neuland ausgelegt sein, wo sie beständig vor sich hin blubbern.
„Das kann man sich vorstellen wie bei einer Fußbodenheizung“, erläutert Olaf Jäger das Verlegemuster. Der Geschäftsführer der Firma Drausy aus dem hessischen Offenbach hat geplant, wie die Anordnung des Schlauchs aussehen muss, damit dieser seinen Zweck möglichst effektiv erfüllt. Nur, dass er nicht heizt, sondern lüftet.
Luftschlangen am Seeboden
„Drausy“ heißt die patentierte Konstruktion und damit so wie die Firma, die es erfunden hat. Vereinfacht ausgedrückt, besteht sie aus einem Kompressor und einem angeschlossenen System von Schläuchen. Einer Bewässerungsleitung aus dem Garten nicht unähnlich, sind diese perforiert. Wird Frischluft ins System gepresst, entweicht sie aus einer Vielzahl kleiner Öffnungen in der Schlauchwand ins umgebende Wasser, sodass es sich mit Sauerstoff anreichert. Die feinen Luftbläschen durchdringen allmählich immer größere Bereiche des Wasserkörpers. Das System läuft permanent, im Fall des Russenweihers mit einem Arbeitsdruck von um die 0,6 bar.
Die anhaltende Zufuhr frischer Luft am Seegrund sorge dafür, dass stets genügend Sauerstoff vorhanden sei, um abgesunkenes organisches Material zu zersetzen, verdeutlicht Jäger. Dadurch könne sich kein weiterer Faulschlamm bilden, vorhandener werde sukzessive abgebaut: „Es stinkt nicht mehr, und die Fische überleben den Sommer.“ Also die kritische Zeit, in der der zwischen zwei und vier Meter flache Weiher infolge seiner hohen Wassertemperatur ohnehin kaum Sauerstoff aus der Luft aufnehmen kann. Die künstliche Beatmung soll zudem die natürliche Schichtung des Seewassers wiederherstellen, damit den Fischen sommers wie winters ein sauerstoffreicher Rückzugsort bleibt. Ein angeschweißtes Stahlseil sorgt dafür, dass der Belüftungsschlauch nicht auftreibt.
Kein Fischsterben mehr?
Mediziner wissen: Muss ein Patient künstlich beatmet werden, ist sein Zustand ernst. Mit einem See verhält es sich ähnlich. Enthält er zu wenig Sauerstoff, droht den meisten Wasserlebewesen, allen voran Fischen, der Erstickungstod. So geschehen Mitte September 2024, als der Russenweiher „umkippte“: Übermäßiger Nährstoffeintrag in Kombination mit hohen Wassertemperaturen bewirkte ein starkes Wachstum von Algen. Annähernd der gesamte im Wasserkörper vorhandene Sauerstoff wurde verbraucht – der Russenweiher verwandelte sich binnen Stunden in eine faulig stinkende Giftbrühe. Rund 1,8 Tonnen an toten Fischen wurden von Helfern aufgesammelt.
Drausy-Macher Jäger ist zuversichtlich, dass das nicht wieder passiert. Allein in den vergangenen fünf Jahren habe er bis zu 30 unterschiedlich dimensionierte Systeme verlegt. Die Anschaffungskosten sind beachtlich. Speyer muss rund 190.000 Euro investieren. Allerdings seien die Folgekosten sehr gering, meint Jäger. Er rechnet mit wenigen Hundert Euro im Jahr. Das System könne ferngewartet werden und brauche wenig Strom. In zwei bis drei Jahren sei zu empfehlen, die Schläuche geringfügig zu verlagern. Mehr sei nicht nötig.
In Deidesheim ist Drausy seit 2018 im Einsatz, offenbar mit Erfolg. „Der Stadtweiher dort ist mittlerweile in einem guten Zustand“, urteilt Anja Rausch. Die Speyererin und Präsidentin des Sportfischerverbandes Pfalz hat es sich nicht nehmen lassen, der Installation des neuen See-Beatmungsgeräts beizuwohnen. „Das ist ein tolles Projekt. Das kann den Weiher noch viele Jahre lang erhalten“, ist sie überzeugt. Vorbildlich sei vor allem, dass hier alle Akteure an einem Strang zögen, von den Anwohnern über die Kommune bis hin zu den Anglerfreunden Speyer, die den Russenweiher als Angelgewässer gepachtet haben.
Angler müssen sich umgewöhnen
Bei der Ausübung ihres Hobbys müssen die Angler jedoch Einschnitte hinnehmen. Vereinsvorsitzender Siegfried Steinbrenner hatte bereits angekündigt, dass der Russenweiher kein klassisches Angelgewässer mehr sein wird. Schon deswegen, weil die Fischerei-Aufsicht nur noch einen Fischbesatz in der Größenordnung von 200 bis 400 Kilogramm zulasse. Und auch die Zusammensetzung der Fischarten wird begrenzt. Eingesetzt würden wohl „Rotaugen, Rotfedern und Brachsen“, meint Franz Wetternach vom Anglerfreunde-Vorstand. Alles nicht gerade optimale Beute für Sportfischer. Dazu kämen als Räuber wohl noch einige Hechte. Doch keine Karpfen mehr, die man früher massenhaft im See fand.
Doch auch hier zeichnet sich eine Lösung ab: Wer weiter ambitioniert seinem Hobby nachgehen wolle, könne dies zu vergünstigten Konditionen beim Angelsport- und Fischzuchtverein Speyer im Binsfeld tun, berichtet Steinbrenner. „Wir dürfen dort angeln und können trotzdem als Verein selbstständig bleiben.“ Viel besser gehe es nicht.
