Speyer
„Fühlen uns verarscht“: Was eine Mitarbeiterin von Mann + Hummel zum Aus in Speyer sagt
Simone Schulze ist ein wenig müde. Sie sei nicht so der Morgenmensch, sagt sie. Hätte sie die Wahl, würde sie liebend gern später ihr Tagwerk beginnen. Schulze ist bei Mann + Hummel in der Brunckstraße im Industriegebiet-West beschäftigt, und bis vor Kurzem war ihre kleine Arbeitswelt noch völlig in Ordnung: alle Hände voll zu tun, nette Kollegen, eine gute Stimmung untereinander, ein toller Zusammenhalt, Lob aus der Chefetage, Chancen auf den beruflichen Aufstieg.
Alles im Lot also. Bis der Filterhersteller mit Sitz im schwäbischen Ludwigsburg die Belegschaft am 16. April unvermittelt darüber in Kenntnis setzte, dass der traditionsreiche Speyerer Standort gänzlich geschlossen werden soll. Die Produktion in der Domstadt sei langfristig nicht wirtschaftlich und solle zu anderen europäischen Niederlassungen verlegt werden. Spätestens 2028 sei Schicht im Schacht. Die meisten der rund 600 Angestellten werden gehen müssen.
„Das war ein schwerer Schlag“, sagt Schulze, die anders heißt, aber ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will, da sie berufliche Nachteile befürchtet. Denn die Hoffnung, dass das Schlimmste noch abzuwenden ist bei Mann + Hummel und dass es weitergeht bei „ihrer“ Firma, hat sie nicht aufgegeben. „Ich will bleiben bis zum Schluss“, betont die Pfälzerin. Auch wenn es gerade schwerfalle, sich zu motivieren, wie immer zur Arbeit zu gehen und Leistung zu bringen.
Keine Anzeichen, keine Vorwarnung
Und Leistung hätten sie wahrlich gebracht, sagt Schulze, die sich bisweilen beherrschen muss, um ihre Verärgerung zu verbergen: „Niemand versteht diese Entscheidung, auch nicht unsere Vorgesetzten. Wir haben volle Auftragsbücher, schreiben schwarze Zahlen, arbeiten teilweise in drei Schichten.“ Zumal die Produktpalette in Speyer weniger von der darbenden Automobilbranche abhänge, sondern sich eher für Baumaschinen, Landwirtschaft und Schifffahrt gedacht sei. Noch vor wenigen Wochen sei der Standort von der Konzernzentrale ausdrücklich gelobt worden. Der neue Werkleiter, seit Anfang des Jahres an Bord, habe sich darauf vorbereitet, mit seiner Familie in die Region zu ziehen, schildert Schulze. Es habe überhaupt keine Anzeichen gegeben, dass etwas nicht stimmen könnte. Und nun das.
„Als ich davon erfahren habe, dachte ich, das ist ein schlechter Scherz“, erinnert sich Schulze an die erste Info vom baldigen Aus. Auch nach der Betriebsversammlung am 21. April mit 450 Teilnehmern, zu der das Management aus Ludwigsburg angereist war, fühle sich die Belegschaft „komplett verarscht“, berichtet sie: „Am Anfang haben die Chefs noch gelacht und Fragen beantwortet. Aber dann haben sie irgendwann nicht mehr gelacht und nichts mehr gesagt. Sie haben einfach abgebrochen und sind gegangen.“ Die Stimmung sei im Keller.
Beschäftigte fühlen sich hilflos
Viele Kolleginnen und Kollegen hätten kleine Kinder, seien am Bauen oder hätten es gerade getan und müssten Kredite abzahlen. „Die haben nackte Existenzangst“, schildert Schulze die Sorgen und Nöte der Angestellten. Andere seien Quereinsteiger oder bereits im fortgeschrittenen Alter und wüssten nicht, wie es weitergehen solle.
Man versuche, die dunklen Gedanken bei der täglichen Arbeit zu überspielen und weiter Scherze zu machen. „Doch das Ende 2028 ist immer im Hinterkopf“, schildert Schulze. Sie selbst habe sich noch nicht nach neuen Möglichkeiten umgesehen, sagt die Mitarbeiterin, die sich an die Hoffnung klammert, in den anstehenden Verhandlung zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat werde es zu einer annehmbaren Lösung für Speyer kommen: „Es ist klar, dass es Abstriche gibt. Aber vielleicht dürfen wir trotzdem weitermachen.“
Schulze liebt ihre Arbeit. Stolz sei sie gewesen, es nach einigen Umwegen zu Mann + Hummel geschafft zu haben: „Ich dachte mir damals: Hier bin ich und hier bleibe ich.“ Stolz trägt sie ihre Arbeitskleidung mit dem Firmenlogo. Dass laut Management das Ende für Speyer angeblich nichts mit der Leistung der Mitarbeiter zu tun habe, es aber dennoch für die allermeisten keine Aussicht auf Weiterbeschäftigung bei Mann + Hummel gebe, klinge in den Ohren der Beschäftigten wie Hohn.
Welt bricht zusammen
Für die Betroffenen sei eine Welt zusammengebrochen, sie fühlten sich hilflos und wirkten zunehmend verbittert, beschreibt Schulze ihre Eindrücke aus vielen Bereichen des Werks, in die sie Einblick hat. Die Empfindung, in der Luft zu hängen, sei schlimm. Viele Kollegen litten wie sie selbst unter Schlafstörungen.
„Wir stehen alle unter einer großen psychischen Belastung“, erläutert Schulze: „Was ist, wenn das Werk noch früher schließt? Was ist, wenn ich gekündigt werde? Das nagt an einem.“ Sie unterstütze auch noch ihre Eltern, die keine üppige Rente bezögen, erzählt Schulze. Natürlich mache sie sich Sorgen. Sie denke aber auch an die Beschäftigten der Fremdfirmen, die am Standort tätig seien. Auf diese werde sich die Schließung ebenfalls auswirken, vermutet sie.
Immerhin zeigten sich die Belegschaften anderer Standorte von Mann + Hummel sowie anderer Unternehmen solidarisch, sagt Schulze: „Dann hat man zumindest das Gefühl, nicht ganz allein zu sein.“ Einen Termin für Verhandlungen gebe es ihres Wissens noch nicht. Wie das Ganze bisher abgelaufen sei, sei ein „Armutszeugnis“ für das Unternehmen. Das Schlimmste sei, dass die Nachricht vom endgültigen Aus ohne Vorwarnung gekommen sei, klagt Schulze: „Wir hatten nicht einmal Gelegenheit, für unsere Arbeitsplätze zu kämpfen.“