Römerberg / Heilbronn
Europas KI-Quartier in Heilbronn: Pfälzer Unternehmen bringt Energie-Know-how ein
„Ich trage ein Foto vom KI-Hub in die ganze Welt“, sagt Nicole Graf. Die Diplom-Ökonomin ist Rektorin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn und Vorsitzende des Beirats von INP – einer inhabergeführten Ingenieurgesellschaft mit Hauptsitz in Römerberg. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 700 Mitarbeitende und erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von über 80 Millionen Euro. Wenn Graf vom „KI-Hub“ spricht und darüber auf internationalen Kongressen berichtet, meint sie den Innovationspark Künstliche Intelligenz (IPAI), der in Heilbronn entsteht. Auf einem 30 Hektar großen Areal wird ein KI-Quartier gebaut, das Forschung, Anwendung und industriellen Transfer im Bereich Künstliche Intelligenz auf europäischer Ebene maßgeblich vorantreiben soll. Es sollen mehr als 5000 Arbeitsplätze entstehen. Ziel sei, möglichst hochkarätige Wissenschaftler, Unternehmen und Investoren zu vernetzen. „Im Silicon Valley in Kalifornien wurden Maßstäbe gesetzt, China investiert massiv in Künstliche Intelligenz, und wir haben in Heilbronn das große Glück, dass die Dieter Schwarz Stiftung Millionen investiert, damit hier, quasi vor der Haustür von Speyer, das europäische Epizentrum für KI entstehen kann“, sagt Graf.
Die Dieter Schwarz Stiftung ist nach eigenen Angaben eine der größten gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland und beschreibt sich als „Möglichmacher“: „Wir fangen dort an, wo staatliche Organe an ihre Grenzen kommen.“ Dieser Geist fußt auf dem Wirken des Unternehmers Dieter Schwarz, der Bildung als „unseren wichtigsten Rohstoff“ ansieht. Der heute 86 Jahre alte Geschäftsmann aus Heilbronn ist Gründer der Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem die Supermarkt-Ketten Lidl und Kaufland gehören. Die Schwarz-Gruppe gilt als einer der größten Handelskonzerne Europas. Der als öffentlichkeitsscheu bezeichnete Schwarz zählt mit seinem Milliarden-Vermögen zu den reichsten Menschen Deutschlands. Er hat sich seiner Heimatstadt Heilbronn als Mäzen verschrieben und fördert dort vor allem zukunftsweisende Projekte in den Bereichen Bildung, Forschung und Unternehmertum. In den KI-Campus investiert die Schwarz-Stiftung laut Mitteilung mindestens 50 Millionen Euro. Das Land Baden-Württemberg steuert die gleiche Summe bei.
INP an vielen Projekten zur Energiewende beteiligt
„KI hat den Charme, dass sie in nahezu allen Branchen eingesetzt werden kann, um Abläufe zu verbessern und effizienter zu machen. Es ist großartig, dass wir bei einer solchen Zukunftstechnologie von Anfang an dabei sein können“, sagt Nicole Graf. Sie spricht nicht nur als Hochschulprofessorin und Rektorin, sondern auch für das Römerberger Unternehmen INP, das von Georg Jester, Knut Mertens, Stephan Diehl und Andreas Haaß geführt wird. Die Ingenieurgesellschaft ist im Kraftwerks- und Großanlagenbau tätig und ist an mehreren Großprojekten in Deutschland beteiligt, die die Energiewende betreffen: darunter die Hochspannungs-Gleichstrom-Trassen Südlink und Südostlink, das Gleichstrom-Umspannwerk auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks bei Philippsburg, die Modernisierung des Gemeinschaftsmüllheizkraftwerks in Ludwigshafen und die derzeit größte Flusswärmepumpe in Deutschland im Großkraftwerk in Mannheim. INP ist aber auch international tätig und arbeitet unter anderem mit namhaften Partnern wie der Siemens AG zusammen – etwa in Ägypten, wo die beiden Unternehmen innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren drei Gas- und Dampfkraftwerke gebaut haben, um die Widerstandsfähigkeit des ägyptischen Stromnetzes zu verbessern.
In Heilbronn ist INP an ersten Projekten beteiligt. Ingenieure des Römerberger Unternehmens beschäftigen sich mit der zukünftigen Energieversorgung. Laut Geschäftsführer Georg Jester geht es dabei unter anderem um die Nutzung von Abwärme, da der Energiebedarf am KI-Campus hoch sein werde. Jester erhofft sich von dem Vorhaben sowie der dortigen Forschung und Zusammenarbeit mehrerer namhafter Unternehmen „wertvolles Wissen“, auch für seine Firma „für die eigene Projektabwicklung“. Der geschäftsführende Gesellschafter bezeichnet KI als „Gamechanger“ in der Ingenieurbranche, weil sie Unternehmen ermögliche, wesentlich schneller auf Kundenanforderungen zu reagieren. Jester rechnet durch diese Effizienzsteigerung damit, dass gerade in der Planung rund 30 Prozent der Zeit eingespart werden kann. Das wiederum könne dabei helfen, dass die angestoßene Energie- und Wärmewende in Deutschland Fahrt aufnimmt.
„Wir brauchen in Europa eine KI-Vision“
Gerade in diesem Bereich, bei der kritischen Infrastruktur, zu der solche Vorhaben zählen, sei eine gemeinsame Entwicklung und Zusammenarbeit mit Industrieanwendern wichtig, um sich unabhängig von anderen Nationen zu machen. „Wir brauchen in Europa eine KI-Vision für die Zukunft. Wir sind nicht nur geopolitisch, sondern auch bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz abhängig von anderen Ländern geworden. Deren KI-Anwendungen laufen auf deren Servern im Ausland“, macht Nicole Graf deutlich. Sie unterstreicht damit noch einmal, wie wichtig der Aufbau einer eigenen KI-Innovationsplattform in Heilbronn für unser Land und unseren Kontinent sei, damit Unternehmen und Institutionen hierzulande von der KI-Revolution profitieren können.