Speyer
Erster Brückenteil des Viadukts in Speyer montiert (mit Bildergalerie)
Vielen Menschen, die am Dienstagmorgen in der Nähe des Bahnhofs unterwegs sind, fällt er sofort ins Auge: An der Baustelle des Viadukts steht ein riesiger blauer Kran. In der Morgensonne transportiert er schon einen Stahlträger, als würde er sich warmmachen für das, was noch kommen soll. Unter dem Kran tummeln sich Bauarbeiter in gelben und orangefarbenen Warnwesten und Schutzhelmen. Je höher die Sonne steht, desto mehr werden es.
Es ist ein Moment, auf den viele in Speyer seit Jahren warten. Das Viadukt – im Volksmund „Schipka-Pass“ genannt – verbindet das Burgfeld mit der Innenstadt. Seit März 2021 ist die Brücke verschwunden, damals wurde sie wegen starker Rost- und Korrosionsschäden abgebaut. Die Stahlkonstruktion aus dem Jahr 1890 war so stark beschädigt, dass sie als nicht mehr tragfähig galt. Nun kehrt sie Stück für Stück zurück – ein technisches Großmanöver.
Die Kosten explodierten
Einer der Männer auf der Baustelle ist Florian Benner von der Stadt Speyer, Leiter der Abteilung Tiefbau. Er erklärt das Vorgehen: „Der Ballast wurde auf den Kran geladen, wir können also mit dem ersten Überbau beginnen.“ Mit „Überbau“ meint er den ersten der vier großen Stahlträger, die die Brücke tragen. Diese Bauteile wurden seit Sommer 2024 bei einer Stahlbaufirma im südbadischen Meißenheim grundlegend saniert – entrostet, neu vernietet und beschichtet. Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass die Überbauten gereinigt und neu gestrichen werden könnten. Doch erst beim Zerlegen zeigte sich das ganze Ausmaß der Schäden; viele Elemente mussten ersetzt werden. Die Folge: Die Kosten stiegen von ursprünglich rund 4,4 Millionen Euro auf mittlerweile 7,9 Millionen. Zwei Millionen davon trägt das Land Rheinland-Pfalz.
Um 9.38 Uhr passiert dann, worauf alle gewartet haben: Mit dicken Seilen wird das erste Brückenteil in die Höhe gezogen. Während der Überbau langsam, aber sicher seiner neuen Heimat entgegenschwebt, können Fahrgäste der Deutschen Bahn das Treiben aus den Zugfenstern beobachten. Der Bahnverkehr läuft am Dienstag weiter; nur die Gütergleise sind gesperrt. Die weiteren Arbeiten finden laut Benner in den kommenden Tagen nachts statt – dann müssen die elektrischen Oberleitungen des S-Bahn-Verkehrs abgeschaltet werden.
„Lang genug hat es gedauert“
9.50 Uhr: Das Brückenteil ist an seinem Platz angekommen, schwebt aber noch leicht. Jetzt beginnt die Millimeterarbeit. Die behelmten Arbeiter rufen sich Kommandos zu, justieren Spanngurte, diskutieren.
Zuschauer bleiben immer wieder stehen. Einige sind mit dem Hund unterwegs, andere fahren mit dem Fahrrad vorbei. Manche halten nur kurz, andere bleiben länger und schauen dem Geschehen fasziniert zu.
Einer von ihnen ist Michael Kessler aus Speyer. Der 82-Jährige ist mit seiner Kamera angerückt und macht Fotos. Kein Wunder: Kessler ist Architekt, und auch mit über 80 arbeitet er noch. „Lang genug hat es ja gedauert“, sagt er und schüttelt den Kopf. Die stark gestiegenen Kosten und die lange Verzögerung sieht er kritisch.
Endlich wieder ohne Umweg?
Das Viadukt war in den vergangenen Jahren zum Reizthema geworden: Erst der Abbau, dann ein Streit zwischen der Stadt und den Eigentümern des benachbarten „Guesthouse“, auf dessen Grundstück ein Teil der Brücke steht. Die Eigentümer befürchteten Einschränkungen ihres Hotelbetriebs durch die Bauarbeiten. Die Stadt erließ daraufhin eine Duldungsverfügung, da die Arbeiten „dem besonderen öffentlichen Interesse“ dienten. Mehrere Gerichte – zuletzt das Oberverwaltungsgericht Koblenz – bestätigten diese Entscheidung. Der Stadtrechtsausschuss hat allerdings noch nicht endgültig über den Fall entschieden.
Für die Menschen im Burgfeld aber war vor allem eines entscheidend: Der Weg in die Stadt war seit vier Jahren beschwerlicher geworden. Viele mussten Umwege über die Obere Langgasse oder die Schneckennudelbrücke nehmen. Die Rückkehr des Viadukts bedeutet für sie auch ein Stück Lebensqualität.
11 Uhr: Das Brückenteil muss wieder ein Stück angehoben werden. Es will nicht gleich in die exakte Position rutschen – „Fuddelarbeit“, sagt Benner später. Nachjustieren, millimetergenau. Um 11.18 Uhr senkt der Kran das Teil ein zweites Mal. Dieses Mal sitzt es. Wenige Minuten später lösen die Arbeiter die Seile vom Überbau. Der Stahlträger steht nun aus eigener Kraft. Um 11.43 Uhr betritt Florian Benner zum ersten Mal den frisch montierten Abschnitt und überzeugt sich von der gerade erledigten Arbeit.
Für die andere Seite einen kleinen Kran
Im Nachgang zeigt er sich zufrieden mit dem ersten der vier Einhebungen. „Wenn es bei den anderen drei auch so gut klappt, sind wir sehr zufrieden“, sagt er. Die nächsten Teile sollen in den kommenden Tagen folgen – nachts, wenn die Bahnstrecke gesperrt ist. Danach werden die Rampen an Burg- und Bahnhofstraße fertiggestellt.
Benner kündigt an: „Der große Kran bleibt nur auf dieser Seite. Auf der anderen brauchen wir einen kleineren – da ist kaum Platz.“ Wenn alles nach Plan läuft, soll die Brücke bis Anfang Dezember wieder begehbar sein. Dann hätte Speyer nach fast fünf Jahren seine historische Fußgängerverbindung zurück.