Speyer Direkt ins Herz

Spielen in ihrer eigenen Liga: die französischen Musiker.
Spielen in ihrer eigenen Liga: die französischen Musiker.

Geheimtipp oder Kultband – das sind Etikette, die vielen Bands aufgeklebt werden, doch „Lazuli“ aus Südfrankreich hat es sicherlich verdient. Obwohl die Tonträger des Quintetts nur kurzzeitig einen regulären Vertrieb in Deutschland hatten, nämlich bei der in Speyer ansässigen „Pängg-Distribution“, und auch die Live-Präsenz außerhalb des Heimatlandes eher spärlich ausfällt, schafften es die Franzosen, über 200 Besucher in die Festhalle nach Dudenhofen zu ziehen.

Und die Anwesenden wurden Zeugen eines Auftritts, der in Erinnerung bleibt: Wer die Gruppe noch nie gehört hat, stelle sich am besten „Rush“ vor, gepaart mit Weltmusik – Folkanklänge, gelegentliche Hardrockelemente und eine sehr ungewöhnliche Instrumentierung. Neben Waldhorn und Marimba (eine Art Holzxylophon) spielt Claude Leonetti eine sogenannte Leode – eine Abwandlung eines Chapman Sticks mit zehn Saiten und verschiedenen elektronischen Effekten, die es ihm trotz eines durch einen Motorradunfall verletzten Armes erlaubt, weiterhin eine Art Gitarre zu spielen. Die Klangeffekte, die dieses Instrument kreiert, sind schwer in Worte zu fassen. Sphärische Klänge treffen auf harte Rock- und Heavy-Metal-Beats; verträumte Folkpassagen wechseln sich mit psychedelischen 70er Jahre-Elementen ab und ergeben ein harmonisches Ganzes, das direkt zu Herzen geht. Was aber leichter zu beschreiben ist, ist die große Qualität der Songschreiber in dieser Band – trotz Sprachbarriere; der Satz „Warum habe ich nur Latein gewählt?“ fiel allerorten. So konnten die überlangen Kompositionen die Anwesenden zu einer Stimmung aufpeitschen, die manche Rockheroen auch gerne geschafft hätten. Über zwei Stunden Spielzeit in Dudenhofen mit einer langen Zugabe ließen keine Zweifel aufkommen: Wenn die Band dieses Jahr auf großer Bühne in Finkebach auftritt, wird sie die Prog- und Psychedelic-Fans im Sturm erobern. Dabei hatte sie in den vergangenen Jahren alles andere als Glück in ihrer Karriere. Nach einem Zerwürfnis nur noch zu dritt musste „Lazuli“ quasi neu aufgebaut werden. Ohne Plattenvertrag (die alten CDs sind mittlerweile selbst bei der Band nicht mehr erhältlich), wenig internationale Aufmerksamkeit – doch wenn sich heute manche Rockfans fragen, wo noch potentielle Headliner herkommen sollen, die einen ähnlichen Status erreichen können, wie die langsam in Rente gehende alte Garde, dann sollte man „Lazuli“ definitiv nennen, auch wenn die französisch gesungenen Texte den internationalen Durchbruch sicher nicht erleichtern. Der Gesamtsound der Band, die musikalische Qualität und die Spielfreude, die die Saitenfraktion verströmt, hebt sie aus der Masse heraus. Dabei sieht man den Gitarristen Dominique Leonetti und Gederic Byar an, wie viel Spaß sie auf der Bühne haben. Da hüpfen beide schon mal zum Gitarrenduell von der Bühne – mitten unter die wild applaudierenden Zuschauer. Byar musste sich dann wieder hochhelfen lassen, während sein Duettpartner den bequemeren Treppenaufgang noch rechtzeitig entdeckt hatte – und die beiden auf der Bühne erstmal herzlich über die kleine Slapstickeinlage lachen konnten. Auch wenn die Bärte der Musiker schon angegraut sind, darüber waren sich die anwesenden Veteranen der hiesigen Rockszene einig, kann die Band noch einiges bewegen, – so denn im Umfeld die richtige professionelle Unterstützung vorhanden ist. Musikalisch spielen sie ohnehin bereits in ihrer eigenen Liga.

x