Speyer
Die Weinfluencerin an der Ruländer-Akademie
Die Idee zur Gründung der Ruländer-Akademie hatte 1982 der damalige Speyerer Oberbürgermeister Christian Roßkopf (SPD). Ein Jahr darauf war Gründungsversammlung, 1985 folgte der Eintrag ins Vereinsregister. Seit zwei Jahren ist Gabriele Roth-Dietrich Mitglied der Akademie. Ihr Mann Christian, nach ihren Worten ein Ur-Speyerer aus einer Gastronomen- und Rheinfischer-Familie, erzählte ihr irgendwann von diesem „Zirkel“. „Ich habe bis dahin nichts gewusst davon“, berichtet die bei Karlsruhe geborene Abiturientin des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums, die heute Diplom-Physikerin und Professorin ist.
Vom Speyerer Kaufmann Johann Seeger Ruland, der 1683 die nach ihm benannte Rebe in seinem Garten entdeckt und kultiviert hatte, hatte sie da aber schon gehört. Heute fordert sie: Seine Person, seine Leistung, sein Leben sowie das Kulturgut Wein und die damit verbundene Arbeit sollten in der einst bedeutenden Weinhandelsstadt Speyer angemessen gewürdigt werden. Außer der Akademie und deren Aktivitäten erinnern derzeit nur eine Gedenktafel an der Ecke Ludwig-/Marienstraße – dort war sein Garten – und der mit Ruländer bestockte Wingert am Tafelsberg an den Namensgeber. Roth-Dietrich überlegte, wie Vermächtnis, Name und Geschichte seines Entdeckers und des Weins, der mal „Speyerer“ und „Rulandswein“ hieß, bevor er als Ruländer, Grauburgunder, Pinot Gris oder Pinot Grigio verkauft wurde, sichtbarer werden könnten.
Bildung und Geselligkeit im Mittelpunkt
„Die Ruländer Akademie Speyer e. V. fördert die reiche Weinkultur in der Region“, heißt es in der Satzung der Akademie. Als Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Mannheim, Fakultät für Informatik, nimmt die 57-Jährige den damit verbundenen akademischen Auftrag der 124 Mitglieder zählenden Vereinigung ernst. Das persönliche Interesse an allem, was mit Wein zu tun hat, und ihr wissenschaftlich ausgebildetes Bestreben, die Dinge zu verstehen und ihnen auf den Grund zu gehen, fördern ihr Engagement in der Akademie.
Der Bildungsansatz stehe außer der Geselligkeit immer im Mittelpunkt der Akademiearbeit, erklärt Roth-Dietrich. Zehn bis elf Events veranstaltet die Akademie jährlich. Der Ruländer-Wettbewerb, der Besuch im Siegerweingut, das Sommerfest, aber auch Fachvorträge und informative Exkursionen zur Weiterbildung wie Anfang Juni nach Burgund gehören dazu. Hinzu kommt, dass sich das Ehepaar dort vom ersten Moment an sehr gut aufgenommen fühlt. „Wir gehen gerne zu allen Veranstaltungen. Mein Mann fotografiert, ich texte und so dokumentieren wir die Aktivitäten.“ Inzwischen hat Roth-Dietrich die Homepage der Ruländer-Akademie neu gestaltet. Unter dem Reiter „Weinwissen“ finden Nutzer den Weg zu ihren Filmen. Das Ehepaar soll in der Sitzung im Juli zu „Präsidiumsbeauftragten für Medien und Kommunikation“ berufen werden.
Bewusster Konsum statt besinnungsloses Trinken
„Ich weiß nix, auf jeden Fall viel zu wenig über Wein“, erkannte sie nach ihrem Beitritt schnell im Austausch mit Akademiemitgliedern. Das zu ändern ist der Auslöser für ihre Online-Wein-Aktivitäten. Die Antworten auf ihre Fragen um das Produkt zeigt sie in maximal drei Minuten langen Filmen. Selbst geschrieben, gefilmt, fotografiert und gesprochen. „Das Handy macht es möglich“, sagt sie. Ein paar Tricks im Umgang mit der Technik verraten ihr auch ihre Söhne.
Von „Ruländer – Grauburgunders Speyerer Wiege“ über „Rebsorten – was ist verboten“, „Jungfernwein – erste Ernte im neuen Weinberg“ und „Fassprobe – Check-Schluck aus der Pulle“ bis zu „Avinieren – die Profi Geschmacks-Schwenke“, „Weinstein – natürliche Weinbrillanten“ und „Weinschorle – Pfälzer Kult im Dubbeglas“ heißen die Filme. Es geht nie um eine Aufforderung zum besinnungslosen Trinken. Im Gegenteil. Unter „Wine in Moderation – moderater Weingenuss“, geht es bei Roth-Dietrich in einem Film um verantwortungsbewussten Konsum, um alkoholbedingte Schäden zu verhindern.
Weitere und jüngere Mitglieder rekrutieren
Auf der Homepage tritt das Ehepaar als „Winemasters – Die Weinfluencer“ auf. Jede Woche – freitags ab 9 Uhr – stellt Roth-Dietrich seit einem Jahr einen Film online. Wenn sie im Urlaub ist, produziert sie vor. Die Themen findet sie bei ihren Reisen, Vorträgen, Besuchen bei Winzer, aber auch im Alltag. „Nein, ich trinke nicht nur Ruländer. Ich liebe auch Champagner brut“, erklärt sie. Mehr als 130 Abonnenten folgen ihr. Kommerzielle Interessen verfolge sie keine.
„Das ist toll, kurz, knackig, locker, vielfältig, informativ und immer aktuell. Das hilft uns sehr in der Außendarstellung“, sagt Willi Behr, Geschäftsführer und Präsidiumsmitglied der Ruländer-Akademie. Seine Vereinigung wolle sich offensiver präsentieren, möglichst weitere und jüngere Mitglieder rekrutieren. Außer den thematischen Veranstaltungen steigere das über die Online-Kanäle verbreitete Weinwissen die Attraktivität und die Relevanz der Akademie. Der Vorbereitungsfilm zur kommenden Tour nach Dijon ist schon abrufbar; er heißt „Kir Royal – Cassis-Kult aus den 1980ern“.
Im Netz
Website rulaender-akademie-speyer.de, Youtube www.youtube.com/@WineMasters-DieWeinfluencer/shorts, Tiktok www.tiktok.com/@winemasters_weinfluencer.