Harthausen RHEINPFALZ Plus Artikel Die Romane von Helen M. Sand

Die Autorin
Die Autorin

Ihre Lesung in Harthausen machte Eindruck. Nun hat Helen M. Sand nach „Im See der Himmel“ auch ihr Buch „Im Meer der Himmel“ vorgelegt.

Die Autorin Helen M. Sand aus Graben-Neudorf hat nach ihrem Roman „Im See der Himmel“ nun auch ihr Buch „Im Meer der Himmel“ vorgelegt.

1944 bis 1945: Maria lebt mit ihren neun Geschwistern in Mühlbach, einem kleinen Ort in der Pfalz. Die harte ländliche Arbeit, allem voran der Tabakanbau, bestimmt ihr Leben, aber auch die streng katholische Erziehung. Die wird ihr eines Tages zum Verhängnis: Soldat Michael, mit dem sie vorher regen Briefverkehr hatte, kommt zu Besuch. Die lebenslustige Maria zeigt ihm ihre geliebte Heimat und die beiden kommen sich näher. Allerdings bleibt es nicht bei harmlosen Küssen – Maria wird schwanger. Ihre Familie, vor allem ihr den Nationalsozialisten treu ergebener Großvater, rächt diese „Sünde“ schwer. Er tritt Maria in den schwangeren Bauch und verstößt sie. Als gefallenes Mädchen hat sie es schwer im Dorf und wird zusätzlich von anderen Soldaten so schwer vergewaltigt, dass sie ihr Kind verliert und beinahe stirbt. Der einzige Hoffnungsschimmer ist ein amerikanischer Soldat mit Namen Jack, der ihr in Amerika ein neues Leben ermöglichen könnte.

Als Maria nach Jahrzehnten wieder nach Mühlbach kommt, will sie ihre Vergangenheit aufarbeiten.

Optimistischer Grundton

Helen M. Sand alias Simone Schönung versteht es, schwere Themen so anzupacken, dass sie nichts von ihrer Dramatik verlieren, aber ein optimistischer Grundton trotz aller Traumata ihre Romane wie ein warmer Hoffnungsschimmer durchzieht.

„See im Himmel“ ist erschreckend aktuell. Präsent sind Themen wie Patriarchat, Faschismus und dessen schreckliche Auswirkungen wie Judenhass und die Schrecken des Krieges, aber auch eine frauenfeindliche klerikale Welt. Die Soldaten Michael und Jack, ebenso wie Marias Vater und Maria selbst, hinterfragen direkt oder indirekt gewaltsame Strukturen wie den Faschismus. Rollenklischees werden kritisch gesehen. Die allumfassende Stärke von Frauen – auch körperlich – wird ebenfalls anschaulich eingewoben. Mitmenschlichkeit, liebevolles Verhalten und Hilfsbereitschaft sind gerade in schlimmen Zeiten ein fester Anker und Gegenpol zu extremistischen Gewaltexzessen. Die Autorin gibt sich außerdem viel Mühe, die Sprache der damaligen Zeit anzupassen, und hat augenscheinlich bis in Details recherchiert, um unter anderem die Tabakernte, das Leben in den 1940ern oder die Zucht von Bienen anschaulich zu beschreiben. Natur- und andere Phänomene spiegeln Situationen und Gefühle wider. Der Roman selbst entfaltet sich in einem angenehmen Lesetempo, die Erinnerungen Marias tauchen ganz im Sinne eines guten Spannungsbogens auf und werden mit der Gegenwart verwoben.

Intensive Erinnerungen an die Vergangenheit

Der zweite Band „Im Meer der Himmel“ von Helen M. Sand, der lose an den Ersten anknüpft, ist ähnlich aufgebaut. Aktuelle Ereignisse werden durchbrochen von intensiven Erinnerungen an die Vergangenheit, die die beiden mutigen jungen Frauen immer wieder herausfordern und schmerzen, aber auch ihre Entwicklung und vor allem ihre Heilung vorantreiben. Ebenso wie im ersten Band spart Sand keine unglücklichen Erlebnisse aus, aber der insgesamt warm-optimistische Grundton hält die Hoffnung hoch und belohnt die Willensstärke und den Mut.

Juli 2023: Zoe und ihre Freundin Lily beschließen, nach Spuren von Lilys toter Mutter Gwynn in England zu suchen, damit Lily mit ihrer Vergangenheit Frieden schließen kann. Aber auch Zoe will sich über ihre eigene Vergangenheit und ihre Beziehung zu ihrem Ex-Freund klar werden. Der Roadtrip wird für beide sehr intensiv – nicht nur, was die psychische Aufarbeitung angeht, sondern auch wegen realer Gefahren durch das Meer.

Wertschätzung der Natur

Die obligatorischen Liebesbeziehungen und -verwicklungen fehlen zwar nicht, stehen aber auch nicht im Vordergrund. Die Bühne ist den Frauen und ihrer Selbstbestimmung vorbehalten. Wie auch im ersten Roman spielt die Wertschätzung der Natur eine entscheidende Rolle – als Lebensgrundlage, aber auch als Ort, um wieder zu sich selbst zu finden. Zentral ist auch hier die weibliche Freiheit, die Entwicklung erst ermöglicht. Die Natur eignet sich auch für zentrale Metaphern vor allem der Schlüsselereignisse und Stimmungen. Aber auch der Raubbau an Mutter Natur wird kritisiert und das Tierleid, sowie die Diskreditierung der Menschen, die sich für ein gutes Leben aller Lebewesen und für die Natur einsetzen.

Anschaulich geschildert wird auch, dass die Mutterrolle allein nicht glücklich macht, da die Frau zu oft ihr Selbst vergisst – der naturfremde Weg, die Mutter mit ihren Kindern allein zu lassen (egal ob mit oder ohne Mann), fordert seinen traurigen Tribut. Dem gegenüber steht die Sisterhood, vor allem in herausfordernden Situationen. Die entscheidende Transformation von Zoe und Lily erfolgt in der Höhle, in der Lilys Mutter umgekommen ist: Hier erkennen sie, dass frau gut so ist, wie sie ist, und im Hier und Jetzt ankommen darf. Spannung wird durch die verschiedenen gefahrvollen Situationen und durch die allmähliche Enthüllung der Vergangenheit aufgebaut. Insgesamt hochaktuell und eine runde Sache.

Lesezeichen

Helen M. Sand: Im See der Himmel. Bonifatius Verlag. 18 Euro. Im Meer der Himmel. Eine Reise ins Ungewisse – voller Mut, Vertrauen und Freundschaft. 18 Euro. https://www.helenmsand.de/

Die Cover
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