Speyer
Die Heimat verloren, eine neue gefunden: Von Nordböhmen nach Speyer
Als langjährige Geschichtslehrerin hat sich Dorothea Klette intensiv mit Ursachen, Folgen und Zusammenhängen von Fluchtbewegungen beschäftigt. Als Zeitzeugin hat die Speyererin selbst erlebt, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren und anderswo neu anfangen zu müssen. Geboren wurde sie im nordböhmischen Schluckenau, dem heutigen Šluknov, aber schon ab 1951 und nach Unterbrechungen wieder ab 1996 lebt sie in Speyer.
Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete, war Klette sechs Jahre alt. In den Monaten und Jahren danach wurden die deutschsprachigen Bewohner Nordböhmens und anderer sudetendeutscher Gebiete aus der neu formierten Tschechoslowakei vertrieben. Hintergrund waren die nationalsozialistische Besatzung des Landes von 1938 bis 1945, die Verbrechen des NS-Regimes und die weit verbreitete Auffassung, die deutsche Minderheit trage Mitverantwortung für die Zerschlagung der Tschechoslowakei.
Zunächst kam es zu sogenannten wilden Vertreibungen, später folgten organisierte Aussiedlungen. Viele deutschsprachige Bewohner der Region wurden enteignet, in Lager eingewiesen oder unter Gewaltanwendung gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Ab 1946 erfolgte die Vertreibung weitgehend auf Grundlage der sogenannten Beneš-Dekrete und mit Zustimmung der Alliierten. Insgesamt verloren mehrere Millionen Sudetendeutsche in Böhmen, Mähren und Schlesien ihre Heimat. Viele fanden später in Bayern, Hessen oder Rheinland-Pfalz eine neue Bleibe. Bis heute gilt die Vertreibung als tiefgreifendes historisches Trauma für zahlreiche Betroffene und deren Nachkommen.
Über West-Berlin nach Speyer
Dorothea Klette selbst beschreibt die Flucht ihrer Familie als vergleichsweise glimpflich. „Wir sind milde durch diese schlimme Zeit gekommen“, sagt sie rückblickend. Der erste Zufluchtsort war Waren an der Müritz auf dem Gebiet der späteren DDR. Zu sechst lebte die Familie dort in einem einzigen Zimmer, in dem gekocht, geschlafen und gewohnt wurde. Später fand sie eine kleine Zweizimmerwohnung. An ihre Schulzeit in der DDR erinnert sich die Gymnasiallehrerin im Ruhestand bis heute positiv. Insbesondere das hohe Bildungsniveau ist ihr in Erinnerung geblieben – ganz anders als ihre ersten schulischen Erfahrungen nach dem Umzug nach Speyer. 1951 gelang der Familie über West-Berlin die Übersiedlung in die Domstadt.
Auch Speyer war damals für viele Vertriebene und Flüchtlinge ein erster Anlaufpunkt. Im Historischen Rathaus, im heutigen Sitzungssaal des Stadtrates, wurde eines der ersten Flüchtlingslager der Stadt eingerichtet. Rund 134 Menschen fanden dort Unterkunft. Klettes Vater wurde zum Leiter dieses Lagers bestimmt, aber es war natürlich schwer, ein Einvernehmen zwischen so vielen Bewohnern auf engstem Raum herzustellen. Die ersten Aufrufe der Stadtverwaltung, Flüchtlinge aufzunehmen, stießen noch auf verhaltene Resonanz. Für die Familie Klette begann das neue Leben schließlich in einer Wohnung in der Schwerdstraße.
Dass Flucht und Vertreibung ihr Leben geprägt haben, bestreitet die Seniorin nicht. Zu einem persönlichen Trauma seien diese Erfahrungen jedoch nie geworden. Stattdessen empfindet sie heute vor allem Dankbarkeit: „Dankbarkeit dafür, dass unsere Familie in Speyer aufgenommen wurde und ein neues Zuhause fand.“
Jungen Iraner aufgenommen
1959 legte sie am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium ihr Abitur ab. Anschließend studierte sie Deutsch und Geschichte in Heidelberg und Mainz. Es folgte eine lange Laufbahn als Lehrerin an verschiedenen Gymnasien im Raum Koblenz. Berufliche Aufenthalte führten sie darüber hinaus nach Chile und Argentinien. Seit 1996 lebt sie wieder in Speyer.
Weil Flucht und Vertreibung bis heute nichts an Aktualität verloren haben, verbindet Dorothea Klette ihre eigene Geschichte mit einem Wunsch für die Gegenwart: Die Menschen, die heute vor Krieg, Verfolgung oder Not fliehen müssen, sollten bei uns ebenso offen aufgenommen werden, wie sie und ihre Familie einst in Speyer Schutz und ein neues Zuhause gefunden haben, sagt sie. Viele hätten es verdient, in Deutschland eine neue Heimat zu finden, sagte sie bei einem Bericht über ihre Lebensgeschichte in der Vortragsreihe „Mittwochabend im Stadtarchiv“. Dass ihr dieses Anliegen ernst ist, zeigt sie auch persönlich: Vor einiger Zeit nahm sie einen jungen Mann aus dem Iran in ihrer Wohnung auf.