Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Deutschlands drittgrößte Geburtsklinik: So arbeiten Hebammen in Speyer

Im Besprechungsraum: Anna Baron (im Vordergrund) mit ihren Kolleginnen von der Hebammengemeinschaft Speyer Katharina Laux, Altea
Im Besprechungsraum: Anna Baron (im Vordergrund) mit ihren Kolleginnen von der Hebammengemeinschaft Speyer Katharina Laux, Altea Barbieri und Laura Hoffmann (von links).

Seit Januar 2026 kamen im Diakonissen-Krankenhaus in Speyer 500 Kinder auf die Welt. 2025 waren es 3612. Die Geburtsklinik ist die drittgrößte Deutschlands.

„Da hat der Storch viel zu tun“, sagt eine Frau zu einem alten Mann mit Rollator, der das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus betritt. Sie schauen auf die Tafel am Haupteingang, auf der jeden Tag die Namen der Kinder geschrieben werden, die am Vortag in der Klinik auf die Welt gekommen sind: Romy, Kenan, Clara, Jona, Mira, Bogdan, Nele, Clara, Jakob und Tusu stehen dort an diesem Tag.

Ein Stockwerk darüber sind die Frauen im Einsatz, ohne die eine Geburt nur schwer möglich ist. Anna Baron ist 27 Jahre alt, arbeitet seit sechs Jahren als Hebamme im „Diak“ und gehört der Hebammengemeinschaft Speyer an. Das bedeutet, dass sie freiberuflich tätig ist und nicht nur im Krankenhaus arbeitet, sondern Frauen vor und nach der Entbindung auch zu Hause begleitet. Baron hat eine duale Ausbildung absolviert und ist ebenso berechtigt, Hebammen auszubilden.

Rekordtag: bis zu 17 Gebärende gleichzeitig

Barons Spätschicht beginnt um 14 Uhr. Zum Schichtwechsel kommen alle Hebammen in einem Raum zusammen. Der Frühdienst war seit 6 Uhr aktiv und betreute neun Schwangere in der Geburtsvorbereitung. Die Geburtsklinik des Diak besitzt acht Kreißsäle, einen OP, eine Wochenstation mit 46 Betten und eine große Ambulanz. Es gab einen Rekordtag, an dem sich die Hebammen um 17 Gebärende gleichzeitig kümmerten. Damals wurde ein Aufnahmestopp verhängt: „Wir haben die Station abgemeldet, um eine gute Betreuung zu gewährleisten“, erklärt Baron. Im vergangenen Jahr begleitete das Team 3612 Geburten und belegte Platz drei unter Deutschlands größten Geburtskliniken. Seit Jahresbeginn 2026 kamen rund 500 Kinder zur Welt.

Nach Angaben von Chefarzt Florian Schütz braucht es dafür ein „hochprofessionelles Team“ aus Ärzten, Hebammen, medizinischen Fachangestellten, Kinderärzten, Anästhesisten, OP-Schwestern, Pflege- sowie Hauswirtschaftskräften und ein gutes Zusammenspiel, das richtig gelebt, aber auch bezahlt werden müsse. „Wir haben gesetzliche Anforderungen, damit wir Patientinnen betreuen dürfen, und wir wollen Hochleistungsmedizin bieten. Das muss sich eine Klinik leisten wollen“, verdeutlicht Schütz angesichts der viel diskutierten Finanzierung von Krankenhäusern.

Wunsch nach familienfreundlicher Politik

Zufriedene Mitarbeiter und die Erfüllung der Ansprüche der Frauen seien entscheidend. Die Frauen seien heute besser vernetzt, die Erwartungshaltung sei eine andere als früher. Es werde erwartet, dass die Geburt etwas Besonderes ist, erzählt Schütz und nennt zum Beispiel die Familienzimmer mit Übernachtungsmöglichkeit für Angehörige als Angebot, das vermehrt nachgefragt werde. Sein Team bemühe sich sehr, den Ansprüchen gerecht zu werden, sagt der Chefarzt. Von der Politik wünscht sich Schütz angesichts der sinkenden Geburtenrate eine familienfreundliche Politik mit Unterstützungsangeboten sowie mehr Aufmerksamkeit für Frauen im gebärfähigen Alter und deren Bedürfnisse. Dem Chefarzt sind die Selbstbestimmung der Frau – vor, während und nach der Geburt – sowie eine adäquate Aufklärung wichtig.

Bereitet eine Wanne im Kreißsaal vor: Hebamme Anna Baron.
Bereitet eine Wanne im Kreißsaal vor: Hebamme Anna Baron.

Dazu tragen auch die Hebammen bei: Zum Schichtwechsel informieren sich Anna Baron und ihre Kolleginnen gegenseitig über den Zustand der Frauen auf ihrer Station. Es geht unter anderem um Vorerkrankungen, Medikamente und wichtige Rahmenbedingungen. So hilft bei Sprachbarrieren, wenn eine Schwangere und ihr Partner kein Deutsch sprechen, eine Übersetzer-App. Die Kommunikation mit den Schwangeren sei essenziell, erklärt Baron. „Es ist wichtig, dass wir gut kommunizieren und die Frauen vor, während und nach der Geburt aufklären können. Wir möchten wissen, was sie als Mensch ausmacht, um sie optimal bei diesem besonderen Ereignis begleiten zu können.“

Anna Baron kümmert sich um Marietta Török, eine 38 Jahre Frau aus Hatzenbühl, die ihr erstes Kind erwartet. Sie liegt im Kreißsaal 3 in den Wehen und schlägt sich trotz der Schmerzen tapfer. Die Hebamme hat ertastet, dass der Muttermund sechs bis sieben Zentimeter geöffnet ist und gibt die Information per Telefon an die Ärztin weiter. Noch muss die Gynäkologin nicht dazukommen. Baron kommt allein zurecht. Die Hebamme und ihre Kolleginnen schätzen den vertrauensvollen Umgang mit den Ärzten im Diak. „Hier gibt es keine Hierarchien. Die Ärztinnen und Ärzte erkennen unseren Sachverstand an und begegnen uns auf Augenhöhe. Das macht die Arbeitsatmosphäre besonders“, sagt Baron. Die Ärztin kommt erst hinzu, wenn die Patientin ärztliche Hilfe benötigt oder das Köpfchen des Babys fast da ist.

„Es ist ein Privileg, Frauen bei diesem einschneidenden Erlebnis zu begleiten“

– Hebamme Anna Baron

Dafür ist es aber noch zu früh – auch wenn sich die werdende Mutter wünscht, dass ihr Sohn bald auf die Welt kommt. Ihr Muttermund müsse mindestens zehn Zentimeter geöffnet sein und danach müsse sich das Kind noch den Weg durch das Becken bahnen. Töröks Partner, Zsolt Varga, hat Bedenken, dass seiner Frau die Kraft für die Geburt ausgeht, doch Baron kann ihn beruhigen. Die Schwangere erhält Schmerzmittel über einen Katheter in den unteren Rücken, damit die Schmerzsignale blockiert werden, sie bei vollem Bewusstsein bleibt und bei der Geburt aktiv mitschieben kann.

„In welcher Position kann ich gebären“, fragt Török – auch um sich von dem starken Druck im Unterleib abzulenken. „Das testen wir aus“, antwortet ihr Baron und streichelt den Arm der Schwangeren, um ihr Mitgefühl auszudrücken. In sechs Jahren als Hebamme hat Baron schon viele Geburten begleitet. Ihre erste, ein Junge, war die achte Geburt der Mutter und verlief rasch. Besonders erinnert sich die Hebamme auch an eine Zwillingsgeburt in der 32. Schwangerschaftswoche, die ohne Kaiserschnitt gelang. „Es ist ein Privileg, Frauen bei diesem einschneidenden Erlebnis zu begleiten“, sagt Baron.

Anna Baron muss alles dokumentieren, was sie tut: Hier nutzt sie dafür den Computer im Kreißsaal.
Anna Baron muss alles dokumentieren, was sie tut: Hier nutzt sie dafür den Computer im Kreißsaal.

Freude und Leid liegen nah beieinander

Hebammen verbinden ihren Beruf mit positiven Erlebnissen, erleben aber auch schwere Schicksale: Totgeburten oder schwere Geburtsverletzungen. Anna Baron und ihre Kolleginnen nehmen solche Erfahrungen oft mit nach Hause, zweifeln jedoch nicht an ihrer Berufswahl. „Das macht mich menschlich – bei Geburten zählt der menschliche Umgang“, erklärt Baron.

Das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus in Speyer ist Perinatalzentrum Level I, die höchste Versorgungsstufe. Hier werden auch besonders Frühgeborene intensivmedizinisch betreut. Chefarzt Schütz hebt die wachsende Bedeutung der Pränataldiagnostik hervor, die während der Schwangerschaft Hinweise auf Komplikationen oder genetische Abweichungen und Fehlbildungen liefern kann. Dafür gibt es am Diak bereits einen eigenen Bereich.

Die Geburtsklinik genießt einen hervorragenden Ruf, auch über Speyer hinaus. Marietta Török und Zsolt Varga haben sich bewusst für das Diak entschieden: „Uns wurde gesagt, dass hier viele nette Leute arbeiten“, sagt Török lächelnd. Baron kommt immer wieder zu ihr in den Kreißsaal und kontrolliert den Zustand der werdenden Mutter. Außerdem kümmert sie sich um eine weitere schwangere Frau, bei der die Geburt eingeleitet wird. Die 29-Jährige ist an ein Kardiotokografie-Gerät angeschlossen, mit Hilfe dessen die kindliche Herzfrequenz und die mütterliche Wehentätigkeit über Gurte am Bauch aufgezeichnet werden.

Finanzielle Einbußen machen Hebammen zu schaffen

Die Hebamme muss alles, was sie tut, dokumentieren – nicht nur um sich abzusichern. Frauen fordern den Bericht auch an, um das Geschehene während der Geburt einordnen zu können, erläutert Baron. Die Dokumentation erfolge teilweise auch nach Schicht-Ende. „Das ist dann Zeit, die mir niemand vergütet“, sagt sie. Viele Beleghebammen haben in den vergangenen Monaten auf ihre finanzielle Situation aufmerksam gemacht. Seit die Krankenkassen deren Leistungen anders abrechnen, haben die Geburtshelferinnen nach eigenen Angaben erhebliche finanzielle Einbußen.

Anna Baron lässt sich dazu nichts anmerken. Sie konzentriert sich wieder auf ihre schwangeren Frauen. Bei Marietta Török hat sich der Muttermund weiter geöffnet. Die 38-Jährige sehnt die Geburt herbei: Sie bringt ihren Jungen zwei Stunden später um 18.51 Uhr zur Welt. Er erhält den Namen David Varga. David steht am nächsten Tag auch auf der Tafel am Haupteingang – neben acht weiteren Namen. Die Hebammen am Speyerer Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus hatten viel zu tun.

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