Speyer
Chai-Festival: Magie und eine Entdeckung
Daniel Kahn (Hamburg) und Christian Dawid (Berlin) haben das Speyerer Publikum schon im Chai-Festival des Vorjahres mit ihren Balladen verzaubert. Gemeinsam mit Cellistin Francesca Ter-Berg (London) sind sie der Tradition treu geblieben. Ihre Musik überschreitet oft zu enge Grenzen, klagt an, rebelliert gegen Zustände, die das Trio nicht hinnehmen will. Die drei Ausnahme-Musiker reißen mit, verbreiten Fröhlichkeit, Haltung und Unruhe im besten Sinne. „Umru/Unrest“ lautet der Titel ihrer jüngsten CD. Sie bildet die Basis für ein Konzert-Programm, das den Rahmen sprengt.
Welt bleibt für drei Minuten stehen
Gitarre, Akkordeon, Klarinette, Saxofon, Schlagzeug und Ter-Bergs wunderbares Cello erzählen vom Leben und Sterben, von Liebe und Hass, von Tragödien und Wundern. Wenn Kahn zur Waldzither greift und das von Steven Foster geschriebene „Hard Times Come Again No More“ so unnachahmlich singt, bleibt die Welt für drei Minuten stehen. Angst vor dem Ende des Konzerts kommt bereits nach dem ersten Set auf. Zunächst jedoch berichtet der Barde von der Entstehung des Albums in viereinhalb Taqen und von der Waldzither, die der Legende nach schon der Reformator Martin Luther gespielt hat. Kahns Sprachen sind Jiddisch, Englisch und die der Musik. Keiner singt „Dirty Old Town“ wie er, keiner nimmt den Speyerer Judenhof auf diese Weise ein. Dawids Musik passt sich perfekt an, hin und wieder verstärkt er einen Refrain mit seiner Stimme.
Das Trio singt und spielt für die Speyerer und die Juden, Palästinenser und Ukrainer unter ihnen. Als Kahn sich wie weiland Georg Kreisler nicht zu Hause fühlt bis er da ist, wo er herkommt, schämen sich die Zuhörer ihrer Tränen nicht.
Die Magie des Abends begleitet die Besucher nach Hause. Sie hoffen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr an der Speyerer Mikwe.
An Schicksal von Dichterin Anna Margolin erinnert
Jiddisch und Englisch geht es am nächsten Abend weiter. „Schtoltse Lider“ haben Ida Gillner und Livet Nord aus Schweden mitgebracht. Mit ihrem Projekt wollen sie 100 Jahre alte jüdische Dichtung und ihre Dichterinnen vor dem endgültigen Vergessen bewahren. Das Duo hat sie vertont, die Ergebnisse sind emotional, berührend und überraschend. Nord fängt die Lebensumstände der Autorinnen, ihre Zwänge und ihren Mut überaus authentisch mit der Violine ein, Gillner begleitet sie und ihre Stimme am Keyboard.
In den Mittelpunkt stellen die Frauen Anna Margolin, 1887 im russischen Kaiserreich geboren. Gillner hat die Schriftstellerin nach eigenen Angaben vor zehn Jahren entdeckt. Ihr Schicksal habe den Grundstein für das Projekt gelegt, mit dem das Duo weibliche jüdische Lyrik von vor 100 Jahren ins Jetzt holt. Demnach lebte Margolin einerseits nach den traditionellen Vorstellungen ihrer Zeit, andererseits war ihre Sehnsucht nach Gedichten so groß, dass sie 1919 nach New York ging.
Gillner zitiert eine Dichter-Kollegin Margolins so: „Ich möchte Dich hilflos, atemlos, tot sehen“. Das beschreibt den Zorn auf die Macht der Männer, der auch Margolin beherrscht. Nächte voller Tränen und Einsamkeit beklagen Gillner und Nord musikalisch großartig, singen aber auch von der Freiheit der Schmetterlinge, Seelen und Worte. Letztere wirken nach bei den Festival-Besuchern. Die ihnen bislang unbekannte jüdische Dichterin Anna Margolin haben Gillner und Nord an einem Abend dem Vergessen entrissen.