Speyer Brutaler Anschlag als Probefall
Drei Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht fahren am Samstagmorgen auf das Gebäude des Rheinblick-Verlags in Ludwigshafen zu. Auf dem Rasen vor dem Haus liegen zwei Menschen – höchstwahrscheinlich tot. Acht Polizisten in schwerer Schutzkleidung steigen aus, sprechen sich kurz ab und gehen in leicht gebückter Haltung im Gänsemarsch auf den Eingang des Gebäudes zu. Kaum sind die ersten drin, fallen Schüsse. „Alles okay, ihr könnt rauskommen, danke“, ruft der Einsatzleiter kurze Zeit später. Das Szenario ist zum Glück nur ein Probefall, und geübt wird nicht in einem Ludwigshafener Verlagshaus, sondern auf dem Wasserübungsplatz Reffenthal bei Otterstadt. Es handelt sich um eine Großübung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz, der Feuerwehr des Rhein-Pfalz-Kreises und des Rettungsdienstes Vorderpfalz zur Bewältigung einer lebensbedrohlichen Einsatzlage – die bisher größte dieser Art in Rheinland-Pfalz. Der Sturm auf das Gebäude wird für Pressevertreter nachgespielt, die echte Übung ist zu dem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Aus naheliegenden Gründen fand sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der angenommene Fall: Zwei Täter haben im Verlagsgebäude um sich geschossen, etliche Personen wurden verletzt oder sogar getötet. Polizeibeamte der Schutzpolizei, Männer wie Frauen, sind mit spezieller Ausrüstung gegen die Täter vorgegangen. Einer wurde erschossen, der zweite konnte fliehen. Ihm sind nun Angehörige des Spezialeinsatzkommandos auf der Spur – ebenfalls nicht öffentlich. Was man dagegen gut sehen kann, ist die Rettung der Verletzten aus dem Gebäude durch die Feuerwehr. Erst jetzt, da die Lage sicher ist, dürfen sie sich um die Opfer kümmern. Wer noch gehen kann, wird geführt, andere werden auf Tragen hinausgebracht. Opfer, für die alle Hilfe zu spät kommt – das sind bei der Übung Puppen –, bleiben liegen, wo sie sind. Ein paar Meter weiter haben Malteser und das Deutsche Rote Kreuz Zelte aufgebaut, in denen sie sich um die Verletzten kümmern. Besonders schwer Verletzte werden in einen Großraumrettungsbus gebracht – davon gibt es zwei in Rheinland-Pfalz. Andere kommen vorerst ins Lazarettzelt. Im Zelt der Psychosozialen Notfallversorgung dagegen sammeln sich Menschen, die mit dem Schrecken davon gekommen sind. Unter den herumliegenden Toten ist der Täter. Kripoleute in weißen Overalls sichern Spuren und machen Fotos. Nach Angaben von Polizeisprecher Thorsten Mischler sind an der Übung 354 Personen beteiligt. Mehr als 100 Beobachter, darunter Polizeibeamte aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, dem Saarland, Bayern und dem Elsass, verfolgen den Ablauf. Den größten Teil der Einsatzkräfte stellt die Polizei, hinzu kommen Mitarbeiter von Technischen Hilfswerk, Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Zoll. Lebensbedrohliche Einsatzlagen seien Vorfälle mit unklarer Gefährdungslage, aber mit hohem Gefährdungspotential für Opfer, Unbeteiligte und Hilfskräfte, erklärt Thorsten Mischler. Beispiele seien Amoklauf, Terroranschlag und Geiselnahme. 18-mal seien im vergangenen Jahr im Bereich des Polizeipräsidiums Rheinpfalz Einsatzkräfte zu derartigen Verdachtsfällen gerufen worden, in der Regel die Polizisten des Schichtdienstes. In den vergangenen zwei Jahren sind laut Mischler 550 der 700 Beamten im Schichtdienst speziell für solche Extremsituationen geschult worden. Dazu gehöre der Umgang mit der rund 20 Kilogramm schweren Schutzausrüstung. In der Großübung Reffenthal gehe es nicht nur um das taktische Vorgehen, das auch im polizeiinternen Training geprobt wird, sondern auch um die Kommunikation und das Zusammenwirken aller beteiligten Kräfte. Nach der Übung ziehen die Verantwortlichen Bilanz: Notarzt Christoph Schmitt findet, dass es auf der medizinischen Schiene gut geklappt habe, allerdings müsse man technische Möglichkeiten wie Digitalfunk noch besser kennenlernen. Der Eindruck von Kreisfeuerwehrinspekteur Patrick Janz ist, dass die Absprachen und Abläufe gut funktioniert haben, die Übung müsse aber noch detailliert ausgewertet werden.