Speyer
Blick in die Kläranlage: So wird Speyers Abwasser wieder sauber
4,2 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser fließen im Jahr durch die Kläranlage der Entsorgungsbetriebe Speyer (EBS) im Nordosten der Stadt. Regenwasser und das Abwasser von Haushalten und Firmen aus Speyer, Otterstadt, Waldsee, Dudenhofen und Harthausen wird in drei Stufen gereinigt – rund einen Tag dauert das.
„Es ist noch früh am Tag und Wochenende, da haben wir weniger Zulauf“, sagt der kommissarische Werkleiter Jürgen Wölle. Er führt eine Gruppe mit Interessierten, die sich über die Volkshochschule zu einer Führung an diesem Samstag angemeldet haben, zum hinteren Teil der Anlage, weit weg vom Eingang. Hier rauscht das Schmutzwasser aus der Kanalisation herein. Voll mit allem, was eben so angespült wird, setzt sich eine braune Masse ab. An diesem Samstagmorgen ist nur eine der großen Schneckenpumpen in Betrieb, die das Abwasser in Bewegung bringen. Die Pumpe ist frequenzgesteuert, erläutert Wölle: Wenn mehr Wasser ankommt, läuft sie schneller. Wenn eine Pumpe nicht mehr ausreicht, schaltet sich eine zweite hinzu, um die Masse zu bewältigen. Für starke Regenfälle steht ein eigenes riesiges Becken bereit, das bei Bedarf vollgepumpt werden kann. Auch im Hochwasserfall schalten sich Pumpen hinzu.
Zehn Mitarbeiter haben die Anlage im Griff
Alle Anlagen werden regelmäßig gewartet, erklärt Wölle. Vom Elektriker bis zum Schlosser über den Verfahrenstechniker sind zehn Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Aufgaben auf der Speyerer Kläranlage beschäftigt. „Sie müssen die Anlage im Griff haben“, sagt Wölle. Die Experten überwachen zum Beispiel, wie das verschmutzte Nass ankommt und zunächst in ein Gebäude direkt nebenan gepumpt wird. Hier beginnt die mechanische Reinigungsstufe.
„Geruchstechnisch etwas anspruchsvoll“, warnt Wölle vor. Aber als er die silbernen Klappen öffnet und sich ein Blick auf die Anlage offenbart, hält sich der Gestank in Grenzen – es riecht nur leicht faulig. Im Inneren wird das Schmutzwasser von festen Inhaltsstoffen befreit. „Wie ein Sieb“ funktionierten die Rechen, durch die das Abwasser auf mehreren „Straßen“ hindurchfließt, erläutert der Werkleiter. Toilettenpapier, Äste, kleine Steine: Was angespült wird, bleibt hängen und wird über eine Querverbindung in einen großen Container befördert und später verbrannt.
Sand und Fett sollen möglichst nicht in dem Abfallcontainer landen, sie werden noch gebraucht. Im zweiten Teil der mechanischen Reinigung, dem Sand- und Fettfang, werden sie herausgefiltert. „Das folgt dem Prinzip der Dichtetrennung“, sagt Wölle. Es blubbert in dem Becken, in dem Luft zugeführt wird. Der Sand – schwerer als Wasser – sinkt zu Boden, und an der Oberfläche bildet sich eine Fettschicht, die abgeschöpft und an den Eingang der Anlage geleitet wird. In zwei Faulgasbehältern wird Klärgas gesammelt und im eigenen Blockheizkraftwerk verbrannt. Rund die Hälfte der drei Millionen Kilowattstunden Strombedarf pro Jahr werde so erzeugt. Der Sand wird gesammelt und kommt im Straßenbau zum Einsatz – immerhin rund 80 Tonnen im Jahr.
Proben des Schmutzwassers
Das Schmutzwasser – nun schon deutlich sauberer – fließt dann in ein Vorklärbecken, wo sich weitere organische Flocken am Boden absetzen und auch dieser Schlamm abgepumpt wird. Zuvor werden Proben genommen, erläutert der Werkleiter und öffnet einen kleinen Kasten neben dem Becken. In der Pandemie sei die Anlage als eine von 20 in Rheinland-Pfalz ausgewählt worden, um die Konzentration von Corona-Viren im Abwasser messen zu können. Inzwischen werde das Projekt für eigene Messungen verwendet.
Das Abwasser setzt seinen Weg in Belebungsbecken fort. Ein Teil der Flüssigkeit hat es nicht weit, ein anderer bahnt sich seinen Weg aber erst ans andere Ende des Geländes: Rund um die Jahrtausendwende ist die Anlage um eine zweite Beckenstraße erweitert worden. „Zur Kapazitätsvergrößerung“, wie Wölle verdeutlicht. Um alles geordnet nebeneinander zu bauen, fehle schlicht der Platz. „Das ist das Schicksal jeder kommunalen Kläranlage“, erzählt er. Wenn die Anlagen erweitert würden, müsse sich nach geeignetem Platz und passenden Grundstücken umgeschaut werden. Für eine mögliche vierte Reinigungsstufe, die den Großteil der Spurenstoffe aus dem Abwasser entfernen soll, wäre auch eine Fläche gefunden. Allein: Das Projekt wird erst einmal zurückgestellt. Die Anlage zählt nicht zu den ersten 66 im Land, die die vierte Reinigungsstufe einführen sollen.
So bleibt es zunächst bei drei Stufen. Die biologische zweite und dritte Reinigungsstufe funktioniert ebenfalls in räumlich getrennten Becken: 40 Prozent des Abwassers fließen ins eine, 60 Prozent ins andere Becken. Das Prinzip ist in beiden dasselbe: „Letztlich sind es Selbstreinigungsprozesse der Natur“, sagt der Werkleiter. Die Arbeit übernimmt der sogenannte Belebtschlamm voller Mikroorganismen, der mit dem Wasser durch große Rührwerke vermischt wird. In wechselnd belüfteten und unbelüfteten Becken werden so Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen, aber auch Phosphor aus dem Abwasser abgebaut. Mit chemischen Fällmitteln kann zusätzlich Phosphor gebunden werden.
In Nachklärbecken trennen sich Schlamm und gereinigtes Wasser wieder. Ein Teil der Biomasse bleibt im System, erklärt Wölle. „Die hegen und pflegen wir.“ Schließlich würden die Mikroorganismen in den Belebungsbecken wieder gebraucht. Ein anderer kleiner Teil fließt in eine Pilotanlage, mit der Wasserstoff gewonnen wird. Rund 5000 Tonnen Klärschlamm im Jahr werden allerdings auch verbrannt. Nicht in Speyer, sondern derzeit in der Müllverbrennungsanlage der BASF. Das gereinigte Wasser fließt in den Rhein, zurück in den natürlichen Kreislauf.
