Speyer Ausstellung zur Deportation nach Gurs im Historischen Museum

825 Pfälzerinnen und Pfälzer wurden deportiert: Eine alte jüdische Frau wartet in Ludwigshafen auf den Abtransport.
825 Pfälzerinnen und Pfälzer wurden deportiert: Eine alte jüdische Frau wartet in Ludwigshafen auf den Abtransport.
Die Gedenktafel mit den Opfern der in von Landau aus gehenden Züge am Landauer Bahnhof.
Die Gedenktafel mit den Opfern der in von Landau aus gehenden Züge am Landauer Bahnhof.
Auch der 14-jährige Hans Kahn (Mitte) aus Ludwigshafen wird zunächst nach Gurs und dann nach Auschwitz deportiert.
Auch der 14-jährige Hans Kahn (Mitte) aus Ludwigshafen wird zunächst nach Gurs und dann nach Auschwitz deportiert.
Im Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen erwarteten die Ankömmlinge entsetzliche Zustände.
Im Lager Gurs am Fuße der Pyrenäen erwarteten die Ankömmlinge entsetzliche Zustände.
Im Oktober 1940 wurden Tausende Jüdinnen und Juden aus der Pfalz nach Südwestfrankreich deportiert.
Im Oktober 1940 wurden Tausende Jüdinnen und Juden aus der Pfalz nach Südwestfrankreich deportiert.

Zu besuchen sie erst nach der Wiedereröffnung des Historischen Museums der Pfalz. Online aber ist schon jetzt viel zu erfahren über die Ausstellung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz Berlin zur Deportation der pfälzischen, badischen und saarpfälzischen Jüdinnen und Juden im Oktober 1940. Es gibt einen eigenen Teil in Speyer.

Die Deportation von mehr als 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland ist Thema der Ausstellung. Bei den Verschleppungen am 22. und 23. Oktober 1940 handelt es sich um eine der ersten systematischen Deportationen durch die Nationalsozialisten. Ziel der Züge war das Lager Gurs, das am Fuße der Pyrenäen in Südfrankreich 1939 für Flüchtlinge aus Spanien errichtet worden war. Viele der Deportierten starben dort oder in anderen Lagern. Die in Gurs Internierten wurden ab Sommer 1942 nach Auschwitz-Birkenau und Sobibor verschleppt und ermordet. Nur wenige überlebten.

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz hat die 28 Tafeln umfassende Ausstellung in deutscher und französischer Sprache erarbeitet. Sie entstand im Auftrag und mit Unterstützung der Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland sowie der Arbeitsgemeinschaft zu Unterhalt und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs, in der badische Städte und Gemeinden sowie der Bezirksverband Pfalz zusammengeschlossen sind.

Kaddisch von Ehud Loebl

Kuratoren waren Christoph Kreutzmüller und Jennifer Heidtke. Sie haben die 28 Tafeln in fünf großen Themenblöcke unterteilt. Sie haben auch aktuellen Forschungsergebnisse einbezogen – und sie haben eine Tafel auch dem Kaddisch von Ehud Loeb gewidmet. Der als Herbert Odenheimer geborene Ehud Loeb wurde 1940 gemeinsam mit seinen Eltern nach Gurs deportiert. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet, er überlebte versteckt in mehreren Kinderheimen und bei französischen Familien. 1958 wanderte er nach Israel aus, 2018 starb er. Er schrieb sein Kaddisch auf seine ermordeten Verwandten am 19. Dezember 1999.

Die Ausstellung zeigt den Ablauf der Deportation und das Verhalten der lokalen Bevölkerung. Sie beschreibt die furchtbaren hygienischen Zustände im Lager Gurs anhand von Berichten, Fotos und Zeichnungen der dort internierten Menschen und beleuchtet die Zusammenarbeit der Vichy-Regierung und der Nationalsozialisten. Weitere Kapitel widmen sich der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung.

Gedächtnis der Pfalz

Es sei die erste nicht vom Haus initierte und kuratierte Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz, sagt dessen Direktor Alexander Schubert, aber er habe sofort des wichtigen Themas wegen zugesagt, als die Anfrage vom Bezirksverband gekommen sei. Sein Haus sei ja nicht zuletzt ein „Gedächtnis der Pfalz“.

In Speyer gehen neun weitere Stellwände auf das Schicksal pfälzischer Jüdinnen und Juden ein. Sie ergänzen zusammen mit Briefen von nach Gurs verschleppten Pfälzerinnen und Pfälzern die Schau im Historischen Museum. Roland Paul, ausgewiesener Fachmann von der Arbeitsstelle für „Geschichte der Juden in der Pfalz“, hat sie im Wesentlichen gestaltet. Sie stützt sich in erster Linie auf die die Biografien und Zeugnisse der verschleppten Jüdinnen und Juden. Unter anderem gibt es eine neue Karte zu sehen, die all die Orte in der Pfalz benennt, aus denen die Opfer kamen. Sie dokumentiert, vom wo wie viele der Deportieren stammten, die mit Zügen aus Ludwigshafen und Landau nach Gurs verschleppt wurden. Auch zu den Zuständen im Lager werden Dokumente pfälzischer Jüdinnen und Juden vorstellt, unter anderem die Briefe von Gretl Drexler aus Landau. Die Projekte von Hilfsorganisationen, die Verlegung in andere Lager, Rettungsaktionen und Emigration, aber auch die Deportation des größten Teils der nach Gurs Verschleppten in die Vernichtungslager im Osten sind Gegenstand dieses pfälzischen Teils der Schau. Auf der neunten Tafel geht es um Gedenken und Erinnern an den NS-Terror in der Pfalz.

Ausstellung und Info

Weitere Informationen zur Ausstellung sowie ergänzende Materialien finden sich unter www.gurs1940.de, außerdem https://www.bv-pfalz.de/gedenken-erinnern/80-jahre-gurs/. Dort finden sich auch Informationen zum digitalen Begleitprogramm, das der Bezirksverband Pfalz zusammengestellt hat. Die Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer ist – sobald es wieder öffnen kann – dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eine Voranmeldung des Besuchs ist dann erforderlich, und zwar montags bis freitags zwischen 10 und 16 Uhr telefonisch unter der Nummer 06232 620222. Am Museum werden bei Wiederöffnung zusätzlich dienstags bis sonntags zwischen 10 und 17 Uhr Vorausbuchungen am Fenster neben dem Haupteingang entgegengenommen. Die Ausstellung ist als mobile Variante kostenfrei ausleihbar und in verschiedenen pfälzischen Städten und Gemeinden bis Ende 2022 zu sehen. Termine und Orte werden auf der Projekt-Website „Gurs 1940“ unter „Gedenken und Erinnern“ auf bv-pfalz.de fortlaufend aktualisiert. Leihanfragen, auch von Schulen, bitte an den Bezirksverband Pfalz.

Rahmenprogramm

  • Am Donnerstag, 15. April, 19 Uhr, ist der Vortrag „Josef Bürckel und die Deportation der pfälzisch-saarländischen Juden am 22. Oktober 1940“ von Walter Rummel, Leiter des Landesarchivs Speyer. Er wird per Livestream aus der Pfalzbibliothek Kaiserslautern auf dem YouTube-Kanal des Bezirksverbands übertragen. Bis heute sind die Entscheidungsprozesse, die die Ereignisse des 22. Oktober 1940 nach sich zogen, noch nicht hinreichend geklärt. Der Vortrag gibt einen Überblick über Ablauf und Folgen der Deportation und wird die Frage der politischen Verantwortung des Gauleiters Bürckel diskutieren.

  • Am Mittwoch, 21. April, 19 Uhr, ist der Vortrag „Die Deportation der pfälzischen Juden nach Gurs vor 80 Jahren“ von Roland Paul, Arbeitsstelle für „Geschichte der Juden in der Pfalz“. Auch er übertragen auf dem YouTube-Kanal des Bezirksverbands. Von den 6.487 Juden, die 1933 in der Pfalz wohnten, lebten im Herbst 1940 gerade noch etwa 900 hier. Am 22. Oktober 1940, wurden jüdische Männer, Frauen und Kinder festgenommen und mit rund 5.200 badischen und saarländischen Juden ins südfranzösische Lager Gurs deportiert. Der Referent berichtet über diese Verschleppung, die katastrophalen Zustände in Gurs und das Schicksal der Deportierten, von denen die meisten ab 1942 nach Auschwitz kamen und dort ermordet wurden.

  • Am Donnerstag, 22. April, 19 Uhr, ist dann das Gesprächskonzert „Der Glaube an das Schöne hinter Stacheldraht. Kunst im Lager Gurs – eine Erinnerung in Texten und Musik.“ Mehrere Jahre hat die deutsch-französische Musikerin Mélina Burlaud auf den Spuren der in Gurs internierten Musiker geforscht und deren Texte und Musik aus der Lagerzeit gesammelt. Gemeinsam mit der Mezzosopranistin Lena Spohn bringt sie ein eindringlich berührendes Gesprächskonzert auf die Bühne. Dieses Konzert wird per Livestream aus dem Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen übertragen dem YouTube-Kanal des Bezirksverbands Pfalz.

  • Der Zeitzeugenbericht „In Memoriam Margot Wicki-Schwarzschild (1931-2020). Bericht einer Zeitzeugin“ aus dem Jahr 2008 wird neu auf dem YouTube-Kanal des Bezirksverbands Pfalz gezeigt. Am 13. Mai wird er online gestellt. Am Donnerstag, 20. Mai, 19 Uhr, kann er sogenannte „Watchparty“ erstmals gesehen und im Live-Chat begleitet werden. Um daran teilzunehmen, muss man kostenfrei den YouTube-Kanal BVPfalz abonnieren und die Klingel aktivieren. Als Neunjährige erlebte Margot Wicki-Schwarzschild die Verschleppung und Deportation ihrer Familie von Kaiserslautern nach Gurs. Anlässlich einer Gedenkreise mit Jugendlichen nach Gurs berichtet sie, unter welch dramatischen Umständen ihr das Überleben mit ihrer Mutter Luise und ihrer älteren Schwester Hannelore gelang und wie sie die Deportation ihres Vater Richard miterleben musste. Während sie mit ihrer Mutter und Schwester 1946 nach Kaiserslautern zurückkehrte, wurde ihr Vater in Auschwitz ermordet.