Speyer Auch an Samstagnachmittagen

Wer vor 70 Jahren einen der wichtigsten Briefe in der heute 125-jährigen Speyerer Geschichte der Deutschen Rentenversicherung (DRV) geöffnet hat, ist nicht überliefert. Dabei hat das Schreiben an die damalige Landesversicherungsanstalt der Pfalz für einen der größten Betriebe der Domstadt und viele Speyerer historische Bedeutung.

Denn in diesem zweiseitigen Brief vom 12. Juni 1945 teilte der damalige französische Militärkommandant General Boulay mit, dass „am Montag, den 18. Juni 1945, die Wiederaufnahme des Dienstes der Sozialversicherungsträger“ zu beginnen habe. Was Tausenden von Pfälzern schon mehrere Jahrzehnte vor dem Minister-Blüm-Spruch zur freudigen Erkenntnis verhalf, dass nunmehr „die Rente sicher ist“. Sie war seit März 1945 nicht mehr ausgezahlt worden. Der Zweite Weltkrieg endete am 8. Mai. Ende 1940 zahlte die LVA Pfalz rund 44.000 Renten, durch Gebietserweiterungen des Dritten Reiches waren es bei Kriegsende 70.000. Wie viele Rentenanträge es im Jahr 1945 gab, ist nicht zu ermitteln. Bekannt ist aber, dass zum Jahreswechsel 1945/46 zirka 7200 Anträge unbearbeitet blieben. Im Jahr 1946 kamen an die 13.3000 Rentenanträge hinzu, von denen rund 11.500 erledigt wurden. 1939, im letzten Geschäftsjahr vor Kriegsbeginn, hatte die LVA in Speyer 50 Beamte und 40 Angestellte. Kriegseinflüsse verminderten diese Werte auf 29 und 15, aber bereits anfangs 1946 gab es wieder 138 Beamte, Angestellte und Arbeiter. Sie arbeiteten im heutigen „Domhof“ in der Großen Himmelsgasse 6 und einer in dessen Hof aufgestellten Holzbaracke. Das Versicherungs-Hauptgebäude Maximilianstraße 100 – heute das Stadthaus – gab die französische Besatzungsmacht erst 1956 wieder frei. Noch 1945 hatte die LVA Pfalz auch Rheinhessen übernommen, 1946 kamen die Regierungsbezirke Koblenz, Trier und Montabaur hinzu. Nach der Gründung von Rheinland-Pfalz 1947 wurde die LVA am 21. Juli für das gesamte Bundesland zuständig. Dementsprechend stieg in der Zentrale Speyer die Anzahl der Beschäftigten auf 100 Beamte und 330 Angestellte. Heute bearbeitet die DRV in Speyer jährlich rund 56.000 Rentenanträge. 1945/46 waren es 11.500. Nach Anordnung der französischen Militärregierung davon ausgenommen waren „die Kriegspensionen und besonderen Zulagen für Mitglieder der NSDAP und angegliederter Verbände“. 2015 wirken rund 1300 der insgesamt 2300 rheinland-pfälzischen Beschäftigten (davon 30 Prozent Beamte) in den 14 Etagen des 1960 bezogenen DRV-Hochhauses, den später gebauten zwei dreigeschossigen Seitentrakten, den angrenzenden Gebäuden und dem 2004 eingeweihten Erweiterungsbau im Westen der Stadt. Sie sind von Montag bis Freitag tätig. Das war nach dem Beginn 1945 anders. Ein bürgerfreundlicher Befehl der Franzosen lautete: „Wie in allen deutschen Verwaltungsstellen ohne Ausnahme ist auch an Samstagnachmittagen in vollständiger Besetzung zu arbeiten. Am Sonntag genügt ein Bereitschaftsdienst von 9 bis 12 Uhr.“

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