Speyer
Absagen und Abwarten: Wo Fasnacht gefeiert werden soll und wo nicht
Eine fünfte Jahreszeit ohne Schunkelrunden, Tusch, Büttenredner, Elferräte und nicht zu vergessen Tollitäten? Geht doch gar nicht. Die Corona-Lage legt nahe: Es muss gehen. Die ersten Entscheidungen in den örtlichen Fastnachtsvereinen waren bereits gefallen, bevor der Dachverband in einem offiziellen Schreiben am 29. Mai seine Empfehlung zur Absage ausgesprochen hatte.
Zwei Tage zuvor hatte der Gesamt-Vorstand des Carneval Clubs Speyer 2000 beschlossen, keine Veranstaltungen auszurichten. Zumindest nicht 2020. „Für das nächste Jahr halten wir uns die Option offen, eventuell eine Prunksitzung in anderer Form anzubieten, beispielsweise als Ball mit Programmeinlagen“, teilt Präsident Hartmut Oppinger mit. Auch über Kinderfasching und den Gaudi-Abend – ein Turnier für Schautanzgruppen – muss nachgedacht werden. Mit einer endgültigen Entscheidung soll noch gewartet werden, zumal die Stadthalle bereits gebucht wurde.
Einnahmen fehlen
Keinerlei Veranstaltungen wird der Tanzverein Kaiserfunken anbieten. Auch dieser entschied sich bereits vor der Vereinigung für diesen Weg. Die Gesundheit der Mitglieder und Gäste nennt die Vorsitzende Iris Klimek – wie alle anderen Verantwortlichen – als Hauptgrund für die Absage. Sie sagt aber auch: „Die Kampagne ist finanziell nicht zu stemmen, da die Einnahmen aus Siedler- und Altstadtfest fehlen.“ Das bestätigen die anderen. Oppinger ist froh, dass der CCS gut dasteht und das Kampagnen-Aus überleben wird. Auch die Präsidentin der Speyerer Karnevalgesellschaft, Eva Wöhlert, betont, dass es gerade jetzt wichtig sei, von Vorgänger Daoud Hattab einen „gesunden Verein“ übergeben bekommen zu haben.
Den Kopf in den Sand stecken will die SKG generell nicht. „Zurzeit planen wir eine Kampagne ohne einen Ausfall und überlegen uns parallel Alternativen, wie die Fasnacht für alle Besucher präsent bleibt“, betont Wöhlert. Bei den Aktiven seien das Interesse und die Motivation „sehr groß“: „Man sollte versuchen, dieses auch in dieser besonders unbegreiflichen Zeit aufzugreifen und in Kontakt zu bleiben.“ Die SKG will den weiteren Verlauf der Pandemie abwarten, um eine verlässliche Entscheidung zu treffen. Das Präsidium will laut Wöhlert über Sommer kreative Ideen sammeln und auf die Umsetzbarkeit 2021/21 hin prüfen.
Keine Glaskugel
Analog sieht es beim KV Uno Waldsee aus. „Ich kann nicht in die Glaskugel schauen“ – so begründet Präsident Klaus Krieg, warum es aus seiner Sicht zu früh ist, Termine abzusagen. Und er sagt: „Entweder zu 100 Prozent oder gar nicht.“ Alternativen seien derzeit nicht geplant. „Sollten sich die Absagen fortsetzen, werden wir im August oder September entscheiden, ob auch wir die Kampagne ausfallen lassen.“
Nichts Endgültiges gibt es von den Burgfunken Blau-Weiß Hanhofen zu vermelden. Die Kampagneeröffnung fällt voraussichtlich aus, Kinderfasching und Prunksitzung 2021 sind offen. „Wir bereiten momentan eine Kampagne vor, die im Absagefall auf 2021/22 verschoben werden kann“, erklärt Präsident Stefan Kopf. Dazu gehörten Motto und Orden. Ob dieser in Auftrag gegeben wird, hänge vom Pandemie-Verlauf ab.
Dass ausgerechnet die Jubiläumskampagne 44 Jahre ins Wasser fällt, schmerzt Präsidentin Lena Hög, Präsidentin des Karnevalclubs Otterstadt (KCO), sehr. „Ich kenne seit 28 Jahren nur ein Leben mit Fasnacht, und vielen Aktiven geht es ähnlich“, untermauert sie. Die Ungewissheit in der aktuellen Lage und Szenarien wie Prunksitzungen mit Atemmasken hätten zur Entscheidung gegen Veranstaltungen beigetragen.
Noch keine Entscheidungen gefällt haben der Karnevalverein Dudenhofen und der Carnevalverein Rheinfunken Speyer, wie es auf Anfrage heißt. Beim Mechtersheimer Karnevalverein sind alle Termine im Internet angekündigt. Der Bund Deutscher Karneval ordnet ein: „Die Kampagne 2020/21 findet statt, genauso wie Weihnachten, Aschermittwoch und Ostern. Die Frage wie, kann jetzt noch nicht seriös beantwortet werden.“
Zur Sache: Wie geprobt wird
Ein großer Teil der ab November geplanten Fasnachtstermine fällt wegen der Corona-Krise aus. Das ist schade für die Besucher der lustigen Sitzungen, aber noch mehr für die Mitglieder der Fasnachtsvereine, die unter anderem in Tanzgruppen aktiv sind. Ihre Motivation zu erhalten sei die größte Aufgabe, sagt zum Beispiel Klaus Krieg, Präsident des KV Uno Waldsee. Deshalb haben sich die Vereine einiges einfallen lassen.
Bei der Speyerer Karnevalsgesellschaft (SKG) hat Trainerin Annika Höfer hat ein Video gedreht und Schritte zum „gardetraining@home“ zusammengestellt, wie die Vorsitzende Eva Wöhlert berichtet: „Seit Anfang Juni trainieren wir unter Einhaltung der Hygieneregeln bei gutem Wetter im Freien auf einer Fläche in der Nähe vom Judomaxx.“ Die Kinder und ihre Eltern freuten sich über das Angebot.
Bei den Burgfunken Hanhofen laufen derzeit Gespräche zum Einstieg in den Trainingsbetrieb. Präsident Stefan Kopf sorgt sich um die Garden und Tanzgruppen. „In den vergangenen Jahren sind wir wieder gewachsen, haben mittlerweile fünf aktive Gruppen, die eigentlich seit Wochen trainieren würden“, erklärt er. Seine Befürchtung: Die Aktiven suchen sich andere Freizeitbeschäftigungen, falls sich bei seinem Verein nichts tut.
Darum, die Aktiven aller Altersklassen bei Laune zu halten, geht es auch beim CCS 2000 in Speyer. Am Mittwoch fand ein Treffen der Trainer und Betreuer statt, bei dem Ideen entwickelt werden sollten. Bei der Uno in Waldsee findet Training seit April online statt. „Investitionen für Kostüme sind bereits getätigt“, berichtet Präsident Klaus Krieg. Und: „Ab dem 15. Juni werden Garden und Tanzgruppen unter Einhaltung des Hygienekonzeptes in der Kulturhalle üben.“ Vom Ordnungsamt sei das Konzept abgesegnet. Beim Tanzverein Kaiserfunken in Speyer fällt bis September das Training definitiv aus, da die Hallen für den Schulbetrieb benötigt würden. „Es ist auch schwierig, einen Gruppentanz einzustudieren, wenn alle Abstand halten müssen“, so Vorsitzende Iris Klimek. Die Motivation leide sehr: „Schwer ist es, gerade Teenager bei der Stange zu halten.“
Langsam ans Training heran wagt sich der Karnevalclub Otterstadt. Dieses werde individuell gestaltet. Dehnen, Sprünge, Räder – darum gehe es bei den Garden, Fitnesstraining und Tanzschritte stünden bei den Showgruppen obenan. Es sei aber schwierig, kein Ziel zu haben, auf das alle hinarbeiten, so Präsidentin Lena Hög.
RHEINPFALZ-Kommentar von Susanne Kühner
Die Freude bleibt
Die Fasnachter leiden. Nicht nur unter der empfohlenen Absage der Kampagne, sondern auch unter der Entscheidungsfindung, ob sie in die Bütt gehen. Guter Rat ist da teuer. Tatsache ist: Corona hat vieles unplanbar gemacht. Gerade deshalb ist den Vereinen Respekt zu zollen, die offensiv mit der Situation arbeiten. Onlinetraining, Sitzungen per Video, Infoschreiben an die Mitglieder – Stillstand darf es nicht geben. Kreativ planen ist angesagt. Für Karnevalisten müsste das zu machen sein. Sie sollten das Signal setzen, dass ein Ausfall von Veranstaltungen nicht das Aus der Fasnachtsfreude bedeutet.