Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel 14. Orgelspaziergang

Bezirkskantor Kirchenmusikdirektor Robert Sattelberger (vorne) und Domorganist Markus Eichenlaub an der Rundorgel in der Christu
Bezirkskantor Kirchenmusikdirektor Robert Sattelberger (vorne) und Domorganist Markus Eichenlaub an der Rundorgel in der Christuskirche in Speyer-Nord.

Der 14. Speyerer Orgelspaziergang bringt auch Filmmusik und ein Finale mit allen drei Organisten. Der Erlös für die Telefonseelsorge beträgt 5300 Euro.

Am Sonntag veranstaltete der Ökumenische Kantorenkonvent Speyer zum 14. Mal den beliebten Orgelspaziergang. Neben Domorganist Markus Eichenlaub und Bezirkskantor Robert Sattelberger begeisterte der in Hockenheim tätige Koreaner Samuel Sungnam Cho mit seiner Improvisation über Charlie Chaplins Stummfilm „The Immigrant“. Im Anschluss an Konzerte im Dom, in St. Joseph und in der Gedächtniskirche endete das Programm erstmals an der Rundorgel der Christuskirche in Speyer-Nord als „Finale mit allen drei Organisten“.

Die Kollekte kam in diesem Jahr der TelefonSeelsorge Pfalz zugute, die sich unter Trägerschaft der Diözese Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz auf ehrenamtliche, geschulte Mitarbeiter stützt. 5300 Euro wurden erlöst. Für Markus Eichenlaub war es der letzte „Orgelspaziergang“ in seiner Funktion als Domorganist. An der Einführung der Institution war er nachhaltig beteiligt. Am 1. Junitritt er seine neue Stelle als Bezirkskantor der Jesuitenkirche in Heidelberg an. Zu diesem Anlass verabschiedete ihn Robert Sattelberger als Laudator im Rahmen einer knapp gehaltenen Einführung zum zweiten Programmteil in der Kirche St. Joseph. Bereits Eichenlaubs Konzert, um 14 Uhr im Dom, stand im Zeichen der Vielfalt – mit durchaus behutsamen Klängen und einer wachsamen Symbiose zwischen Timbre und harmonischer Fülle: Alle vier dabei versammelten Komponisten haben sich hauptamtlich als Organisten betätigt. Auf die „Orgelfantasie C-Dur über Motive aus Beethovens 5. Sinfonie“ (komponiert 1904) des Bruckner-Schülers Karl Borromäus Waldeck folgten die „Elegy“ in Es-Dur des 2015 verstorbenen Christopher Tambling sowie „La valse des anges“ von Julien Bret aus dem Jahr 1999 – beide in der Tonsprache eher „leichte Kost“, jedoch hierauf gekrönt vom monumentalen, bewegten Allegro vivace aus Charles Maria Widors sechster Orgelsinfonie g-moll op. 42 Nr. 2 von 1878.

Der sportliche Aspekt

Eine anspruchsvolle Ergänzung dazu, eingebettet in eine Tonartenlogik, schuf Robert Sattelberger um 15 Uhr in St. Joseph als Hommage an die norddeutsche Orgeltradition mit einem durchaus „sportlichen“, hochvirtuosen Aspekt. Als verbindendes Motto diente der Luther-Choral zum Abendmahl, „Jesus Christus, unser Heiland, der von uns den Gotteszorn wandt“. Zum Eingang erklang Heinrich Scheidemanns Choralfanstasie VW 10 aus dem Frühbarock, die das konstant fortlaufende Thema in einer komplexen Schichtung verarbeitet. Der solistische Kontrapunkt wandert frei durch die Hände, was in der kontrastrierenden Registratur effektiv zur Geltung kam. In der anschließenden „Fuga alla giga“ Johann Sebastian Bachs BWV 577 erweiterte sich diese Beweglichkeit in entfesseltem G-Dur. Den Höhepunkt bildete Felix Mendelssohn Bartholdys komplette Sonate VI in d-Moll op. 65 Nr. 6 – meisterlich filligran im Trioformat, dann zunehmend tänzerisch, bis die zarten Labialtöne allmählich zu Prinzipal, Zungenpfeifen und Tutti schwollen.

Stummfilm mit Live-Musik

Einen durch und durch ungewöhnlichen Beitrag stiftete der Gastkünstler Samuel Sungnam Cho, Kantor an der Stadtkirche Hockenheim, ab 15.45 Uhr an der Kleuker-Orgel der Gedächtniskirche. Auf seinem Pult prangte nicht etwa eine Partitur, sondern ein Computertablet mit demselben Display, das vor dem Altar ein Bilschirm zeigte. Charlie Chaplins „The Immigrant“ („Der Einwanderer“) aus dem Jahr 1917 gehört zu den weniger bekannten Stummfilmklassikern um den namenlosen „Tramp“ mit der Melone. Die Dauer von etwa 25 Minuten füllte der improvisierende Organist im Geist der Stummfilmmusiken der Epoche, so dass Ausdrucksmittel etwa eines Gottfried Huppertz mit komödiantischen Techniken in einer neuen, stilgetreuen Synthese zusammenfanden. Hintergründig-doppelbödig spielte Cho mit seiner Palette. So vertonten beispielsweise die Szene mit dem Schluckauf oder das Handgemenge im Restaurant nicht nur illustrative Motivzellen. Gleichzeitig rückte seine pointierte Handhabe des „Mickey-Mousing“ die Eins-zu-eins-Übertragung an sich in ein ironisches Licht. Für wieder andere Situationen hatte Cho ganze Themen und Variationsketten erfunden, so dass etwa im Speisesaal des Ozeandampfers die Suppenteller in parallelen Terzen schaukelten. Auch in seinen harmonischen Modulationen hatte er sich einen genauen, psychologisch dichten Formplan erdacht.

Dramaturgie in erlesenen Klangfarben

Eine vergleichbar „exotische“ Kulisse bot im „Finale“, ab 17 Uhr, die (trotz der Entfernung gut besuchte) Christuskirche in Speyer Nord mit der eigenartigen Rundorgel, deren Spieltisch nunmehr abwechselnd, zum Schluss gemeinsam, all drei Organisten vor sich aufnahm. So entsponn sich noch einmal eine Dramaturgie in erlesenen Klangfarben. Unter anderem spielte Robert Sattelberger ein „Schlachtengemälde“ in Form der „Battalla Famosa“ eines Anonymus um 1700, Markus Eichenlaub das „Capriccio Sopra Il Cucu“ von Johann Kaspar Kerll mit quirlig-skurrilen Vogelrufen. Als Ersatz für eine angekündigte Komposition Enjott Schneiders endete der Orgelspaziergang mit dem Konzert für Harfe und Orgel von Pedro José Blanco in einem Arrangement für insgesamt fünf Hände, mit deutlichen Akzenten aus der Wiener Klassik.

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