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Donnerstag, 06. Juni 2019 Drucken

Speyer

Mal ganz raus aus dem Berufsalltag

Stadtleben: Dass viele Menschen noch ganz anders können als sie es täglich berufsbedingt machen müssen, haben ganz und etwas weniger prominente Speyerer zuletzt bewiesen: an der Kasse, im Fernsehen, auf dem Laufsteg und im Garten.

Alljährlich eine Attraktion: Geißbock-Versteigerung an Pfingsten in Deidesheim.

Alljährlich eine Attraktion: Geißbock-Versteigerung an Pfingsten in Deidesheim. ( Foto: Archiv)

Will es wieder tun: Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler an der Kasse im Kaufhof. Geschäftsführer Tobias Ragutt ist behilflich.

Will es wieder tun: Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler an der Kasse im Kaufhof. Geschäftsführer Tobias Ragutt ist behilflich. ( Foto: Lenz)

Alles bio: junges Gemüse im Garten von Aylan Türkylmaz.

Alles bio: junges Gemüse im Garten von Aylan Türkylmaz. ( Foto: kya)

Stefanie Seiler: Die „Neue“

an der Kasse bei Kaufhof

Nein, an der Kasse habe sie noch nie gearbeitet. Der Einsatz am Montagnachmittag in der Galeria Kaufhof war ein Novum für Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD). Sie hatte sich für einen Einsatz in der Parfüm-Abteilung bereiterklärt, um die Aktion „Mama ist die Beste“ anzukurbeln. Bis in den Sommer 2020 reicht das Kaufhaus für jeden Verkauf an einem Montag einen Cent an das Diakonische Werk der Pfalz weiter. Damit sollen Mutter-Kind- und Mütterkuren bezuschusst werden, erklärte Referentin Tanja Gambino, die zusammen mit Kaufhof-Geschäftsführer Tobias Ragutt die Stadtchefin unterstützte.

Manche Kunden hätten sie erkannt, andere nicht, berichtete Seiler. „Nach einer kurzen Einarbeitung hat sie sich sehr professionell um die Kunden gekümmert. Das ist sehr wichtig, weil der Eindruck an der Kasse beim Einkauf ein bleibender ist“, lobte Ragutt. Manche Kunden hätten bei dieser Gelegenheit auch verraten, dass sie Seiler bei der OB-Wahl 2018 ihre Stimme gegeben haben. Die Oberbürgermeisterin nahm’s mit einem Schmunzeln und verriet, dass der Job einiges an Konzentration erfordert: „Nach Payback- und anderen Rabattkarten fragen, Echtheit der Geldscheine prüfen – ich habe an alles gedacht.“ Sie könne sich vorstellen, im Weihnachtsgeschäft noch einmal mitzumachen.

Diakonie-Referentin Gambino vernahm es erfreut. Die Unterstützung für die Mütterkuren sei wichtig, denn deren Nebenkosten wie Gepäcktransport oder ein Taschengeld für bedürftige Teilnehmerinnen würden nicht von den Kassen getragen. So erhalte der kirchliche Verband, der pro Jahr in der Pfalz und Saarpfalz rund 400 solcher Kuren vermittle, ein Polster, um unbürokratisch zu helfen.

Inspeyered: Öko-faire

Mode für kleines Geld

Das letzte öffentliche Forum des Vereins Inspeyered vor der Sommerpause stand am Dienstagabend ganz im Zeichen von Mode – „öko-fairer“ Mode. Cordula Hamburger vom Weltladen stellte zahlreichen Besuchern im Vortragssaal der Villa Ecarius den öko-fairen Einkaufsführer vor, der die Geschäfte der Stadt ausweist, die entsprechende Etiketten führen. Für Inspeyered gehört gebrauchte und getauschte Kleidung zu der Mode, die sich Frauen, Männer und Kinder unter ökologischen Aspekten leisten können. Unter finanziellen sowieso.

Das haben Modelle anschaulich belegt, die Kleidungsstücke und Accessoires aus den DRK-Second-Hand-Läden „Mode von Mensch zu Mensch“ auf den improvisierten Laufsteg trugen. Als Models hatten sich einige der 52 Ehrenamtlichen zur Verfügung gestellt, die die DRK-Kleiderläden in der Lessing- und Karmeliterstraße betreuen, sowie Inspeyered-Mitglieder. Viele der Modeartikel kehrten nicht zurück in die Läden: Nach der Modenschau hatten die Gäste Gelegenheit, sommerliche Lieblingsstücke direkt für kleines Geld zu kaufen. Davon machten sie regen Gebrauch.

Bistumshaus: Türkischer Garten

mit Paprika & Co.

Aylan Türkylmaz und rund 30 Mitarbeiter seines Frankfurter Bauunternehmens haben ihre Zelte zeitweise auf dem Gelände des ehemaligen Bistumshauses aufgeschlagen. Sie bauen am Ludwigs-Carrée, dem aktuellen Wohn-Projekt der Firma Kuttler (wir berichteten). Bis das fertig ist, bleibt die Belegschaft in Speyer. Körperliche Arbeit erfordert Kraft und Energie. Das weiß auch Türkylmaz. Zur Förderung gesunder Ernährung seiner Beschäftigten hat er einen großzügigen Gemüsegarten im Schatten der Ludwigskirche angelegt. Gemüse, wie es Türken mögen, wächst und gedeiht da: Gurken, Auberginen, Zucchini, Zwiebeln, Tomaten und Knoblauch reifen in Reih und Glied im geschichtsträchtigen Kirchgarten. „Alles bio“, versichert Türkylmaz, der die Pflänzchen hegt, pflegt und regelmäßig begießt. „Ernten darf jeder“, lädt er auch die Speyerer ein, sich mitten in der Stadt zu bedienen. „Für meine Leute ist der Garten ein Stück Heimat“, sagt er. An den Sonntagen wird da gegrillt, erzählt und musiziert. „Jeder, der kommt, ist willkommen“, so der Chef. „Auch Fleischesser.“

Der Geißbock-Skandal:

Versteigerung im Stadtsaal Speyer

An der seit 1404 nachgewiesenen Versteigerung des Lambrechter Geißbocks an Pfingstdienstagen in Deidesheim waren nach einer ab 1900 geführten Übersicht des Weinbaustädtchens auch Steigerer aus Speyer, Berghausen und Waldsee beteiligt.

Das waren 1915 der Kaplan Johannes Brentzel (er erhielt den Tributbock für sein Angebot von 20 Reichsmark), 1927 die Gastwirte Lothar Eichberger und Heinrich Vögele (200 Reichsmark), 1943 ihr Berufskollege Rudolf Hammer aus Berghausen (860 Reichsmark), 1949 der Gastwirteverband Speyer (645 Deutsche Mark) und 1993 das Waldseer Hotel-Restaurant Oberst (6100 Deutsche Mark).

Bei der Versteigerung von 1927 ergab sich so etwas wie ein Skandal. Ein in der „Speierer Zeitung“ ungenannt bleibender „hiesiger Möbelhändler“ bot 300 Reichsmark für den Bock. Dem Pressebericht zufolge wollte er das gehörnte Tier „in Speier vorführen, um vielleicht etwas für die Walderholung herauszuholen“. Diese nach wie vor bestehende Einrichtung zur Kindererholung gab es damals seit elf Jahren (1916). Der „Skandal“ entwickelte sich laut Bericht wie folgt: „Der Möbelhändler bietet 300 Mark, der Ausrufer erhöht auf 305, dann auf 310 Mark. Der Speierer winkt ab. Der Bock soll nun dem nächsten Höchstbieter überlassen werden, aber niemand meldet sich. Nun kommt der Ausrufer unbegreiflicherweise auf das Speierer 300-Mark-Angebot zurück, aber der Möbelhändler lehnt unter Beifall einer riesigen Zuschauermenge ab.“

In dem Zeitungsartikel heißt es weiter: „Es folgen peinliche Auseinandersetzungen mit Amtspersonen wegen des 300-Mark-Angebotes, die Festnahme und die Vernehmung des Möbelhändlers, bei der man die Sache auf dem Bürgermeisteramt friedlich regeln will. Der Mann besteht jedoch auf seiner Ablehnung und entfernt sich.“ Da springen Lothar Eichberger und Heinrich Vögele ein. Die Zeitung schreibt: „Die Gemeinde findet in den beiden Speierer Wirten barmherzige Abnehmer für 200 deutsche Reichsmark.“ Der Bock wurde nach Speyer gebracht und bei der 80-Jahr-Feier des Turnvereins im Stadtsaal zur Versteigerung angeboten. Was danach mit dem Gehörnten geschah, ist nicht überliefert.

Victor Nettey: Metzgermeister

mit vielen Talenten

Seit Juli 2018 ist Victor Nettey Chef in der ehemaligen Metzgerei Heiss in Speyer. Vor gut einem Jahr hat der Handwerksmeister den langjährigen Speyerer Traditionsbetrieb in der Johannesstraße übernommen. Auf gut Glück hatte er sich beworben. „Dann kam eines zum anderen“, merkt Nettey an. Das Interesse an dem Mann mit schwarzer Hautfarbe und dem ehrbaren Handwerksberuf, den er ab 2003 bei der Metzgerei Roland Schreiner in Harthausen gelernt hat, ist dank seiner Aktivitäten und der Medienpräsenz gewachsen.

Schon immer und regelmäßig preist Nettey mit selbstgedrehten Videos auf Facebook unter anderem seine Produkte an. Auch mit seiner Hautfarbe und möglichen Vorurteilen geht der in Ghana geborene und in Deutschland aufgewachsene Nettey proaktiv um. Da dauerte es nicht lange, bis das Fernsehen auf den 34-Jährigen aufmerksam wurde.

Beim SWR-Fernsehen in Baden-Baden saß er in der Sendung „Kaffee oder Tee“, aber auch in Köln bei der TV-Show von Mohammad Faisal Kawusi, einem deutschen Komiker mit afghanischen Wurzeln, in Sat1. Dort stellte sich Nettey überzeugend als „Pälzer Bu“ mit dem entsprechenden Zungenschlag vor und gewann schnell die Sympathien der Zuschauer im Studio und in den Wohnzimmern. Die Bilder aus 2018 gehen heute noch viral.

Nettey hat durchaus Spaß an der Karriere als TV-Star gefunden. „Weitere Anfragen habe ich schon vorliegen“, berichtete er auf Anfrage der RHEINPFALZ am Montag. „Aber verraten darf ich noch nichts“, betonte er. Nur so viel lässt er sich entlocken: Es muss nicht unbedingt beim gesprochenen Wort bleiben. „Singen habe ich mir auch schon überlegt.“ Da kann noch was kommen aus der Nettey’schen Wurstküche. |pse

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