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Samstag, 12. Januar 2019 Drucken

Speyer: Kultur Regional

Heimat in Worten

Die Bestseller in den Speyerer Buchhandlungen zum Jahreswechsel – Das literarische Erbe des Amoz Oz

Von Hannah Wadle

Michelle Obama bleibt in Speyer mit ihrem Motto des „Werdens“, des „Becoming“, die inspirierende US-amerikanische Persönlichkeit zum Jahreswechsel. Erfolgreich sind weiterhin auch „Muttertag“ von Nele Neuhaus und Sebastian Fitzeks „Insasse“ – allerdings sind die dort porträtierten Lebensentwürfe weniger zum Nachahmen geeignet.

Die zweite Eroberin der Herzen neben Michelle Obama lautet Dörte Hansen. Denn Hansen erschreibt ihrer Leserschaft mit ihrem warmherzigen Roman „Mittagsstunde“ eine neue literarische Heimat, die das ausklingende Leben in der (nord)deutschen Provinz verewigt.

Heimat mit Worten zu schaffen und auszuhandeln, war auch die große Leidenschaft von Amos Oz (1939-2018). Er tat dies mit enormem Mut, ohne Widersprüchen und Unbequemlichkeiten aus dem Weg zu gehen und manchmal auch auf die Gefahr hin, sich politisch in den eigenen Reihen unbeliebt zu machen. Wenn ein Literat das Geleit in das Jahr 2019 geben sollte, dann ist er es, der meistübersetzte israelische Schriftsteller, der am 28. Dezember im Alter von 79 Jahren verstarb und uns ein literarisches Erbe an 35 Büchern, davon 12 Romanen, und unzähligen Artikeln und Essays über Politik und Literatur hinterlässt.

Von ihm, dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 1992, lernen wir über komplexe gesellschaftliche Verhältnisse zu sprechen und verschiedenen Weltsichten unter dem Dach eines Dialogs (vielleicht sogar unseres inneren) wohnen zu lassen. Ob in seinen Romanen (wie „Judas“ 2015, “Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, 2004) oder auch in den Kurzgeschichtensammlungen (so „Unter Freunden“, 2013) gab Oz uns facettenreiche Einblicke in die Widersprüche der israelischen Gesellschaft – seit ihrem Entstehen bis in die Gegenwart. Seiner eigenen Lebenserfahrung folgend, schrieb er sich hinein ins intellektuell-bürgerliche Milieu Jerusalems, in die kollektive Aufbruchsstimmung der Kibbuzim, ins studentische Leben des sich neuformierenden Israels und in die Erfahrung von Militär und Konflikt. Dabei ging es ihm um mehr als darum, das Schicksal der Bürger einer entstehenden Nation mit historischem Trauma zu erfassen.

Er sehnte sich nach poetischer Gerechtigkeit, nach dem tiefen Verständnis seines Gegenübers und der zwischenmenschlichen Reibungen. Worte und der friedvolle Umgang mit ihnen waren seine große Stärke. Dabei verschrieb er sich der jüdischen Tradition der Konversation, des Abwägens, des Generationendialogs, die er gemeinsam mit seiner Tochter Fania Oz-Salzberger, Historikerin, im essayistischen Band „Juden und Worte“ (2013) erörterte.

Oz’ literarisches Erbe lehrt uns einen einfühlsamen, zärtlichen Blick auf unsere Mitmenschen: Denn weder rechnete Oz literarisch mit ihnen ab, noch wandte er sich diskret von ihnen ab. Vielmehr suchte er nach den passenden Worten, um dem Kern des Geschehenen gerecht zu werden.

So schilderte er in „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ das einsilbige Telefonat seiner Eltern mit Onkel und Tante per Telefonistin aus Jerusalem nach Tel Aviv über das gegenseitige Wohlergehen wie folgt: „Dieses scheinbar leere Gespräch war keinesfalls leer, es war nur karg.“ Anschließend erklärt er die Schwierigkeit seiner eloquenten, polyglotten Elterngeneration, die, eingeengt von kulturellen Konventionen und der neuen Sprache des Hebräischen, es kaum schaffte, ihre privaten Gefühle, gerade im Angesicht von Krieg und Terror, zu Wort zu bringen.

Was Oz zu sagen hatte, brauchte Zeit. Auch wenn er das Jahr 2019 nicht mehr erlebte, dann sollte dies uns nicht daran hindern, ihn gelegentlich zum Kaffee einzuladen. Als er im Jahr 2015 nach seiner Veröffentlichung des Romans „Judas“ in der Sendung des Literaturkritikers Denis Scheck eingeladen war, da verriet er dem Publikum, dass er selbst fünfundvierzig Jahre nach dem Tode seines Vaters immer noch täglich mit ihm über Politik streite. „Laden wir nicht alle ab und zu unsere Toten zu einer Tasse Kaffee ein“, fragte er damals. Das sollten wir uns von nun an zu Herzen nehmen, und ihn, Amos Oz, immer wieder in unser Leben, unseren Alltag einladen.

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