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Donnerstag, 18. August 2016 Drucken

Speyer Land

Flüchtling an Tuberkulose erkrankt

Ein Fall von offener Lungentuberkulose beschäftigt die Kreisverwaltung und ihr Gesundheitsamt. Ein 17-Jähriger leidet unter der ansteckenden Infektionskrankheit. Der Iraner lebt in einer Wohngruppe in Waldsee. Und: Er war Praktikant in einem Kindergarten. Die Verantwortlichen arbeiten deshalb unter Hochdruck daran, alle Kontaktpersonen zu informieren. Es bestehe aber kein Grund zur Panik.

Vorschrift: Flüchtlinge müssen bei ihrer Aufnahme in Deutschland auf Tuberkulose untersucht werden. ( Foto: Dpa)

Ludwigshafen/Waldsee. Die Nachricht kommt am Montag aus dem Allgäu nach Ludwigshafen, genauer gesagt vom Krankenhaus in Immenstadt. Die Diagnose der Ärzte: offene Tuberkulose. Im Sputum, dem Auswurf, des Patienten lassen sich Bakterien nachweisen. Damit ist er besonders ansteckend. Während für den 17-Jährigen in Bayern sofort die notwendigen Behandlungsschritte eingeleitet werden, läuft im Gesundheitsamt in der Ludwigshafener Dörrhorststraße die Recherche-Maschinerie an. Zunächst muss geklärt werden: Wo wohnt der junge Mann, mit wem lebt er zusammen und mit welchen Personen war er in den letzten Tagen, Wochen und Monaten zusammen?

Die ersten Nachfragen ergeben: Der Iraner ist als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in einer Vierer-Wohngruppe in Waldsee untergebracht. Mit seinen Mitbewohnern befindet er sich auf einer Freizeit in Oberstdorf, als er sich plötzlich schlecht fühlt, zum Arzt geht und schließlich ins Krankenhaus kommt. Der Personenkreis um den Erkrankten ist nicht klein, aber noch überschaubar. Die Telefonleitungen laufen weiter heiß.

Zweites Rechercheergebnis: Der junge Mann hat vor seiner Abreise ein Praktikum im katholischen Kindergarten St. Martin in Waldsee gemacht. „Das ist nicht gerade das, was man in so einem Fall hören will. Wichtig war, kühlen Kopf bewahren und handeln“, sagt Landrat Clemens Körner (CDU). Das haben die Ärzte im Gesundheitsamt auch gemacht. „Sofort habe ich versucht, mit der Leiterin der Kita Kontakt aufzunehmen“, sagt Thomas Bienert, ärztlicher Leiter der Behörde. „Ich bin aber erst mal gescheitert, sie war noch im Urlaub.“ Doch bereits am Dienstag war die Dame informiert und instruiert, so viele Eltern wie möglich zu erreichen. „Wichtig ist, dass die Eltern mit ihren Kindern bei ihrem Kinderarzt vorstellig werden“, sagt Bienert.

Während Mitarbeiter im Kreishaus und im Gesundheitsamt weiter damit beschäftigt sind, herauszufinden, mit wem der junge Mann Zeit verbracht hat, wird noch in eine andere Richtung ermittelt: Wann ist der 17-Jährige überhaupt nach Deutschland gekommen und wo ist er zuerst aufgenommen und medizinisch untersucht worden? Was Bienert und seine Kollegen erfahren, ist nicht gerade erfreulich: Der Iraner ist Anfang Dezember in Frankfurt registriert und untersucht worden. Vom zuständigen Gesundheitsamt wurde versäumt, den Flüchtling auf Tuberkulose zu untersuchen wie es sowohl das Infektionsschutz- als auch das Asylverfahrensgesetz vorschreiben. Dennoch wurde ihm bescheinigt, keine ansteckende Krankheit zu haben. „Der Druck sei zu groß gewesen, hat man uns auf Nachfrage erklärt. Zu viele Flüchtlinge auf einmal.“

Da es lange dauern kann – unter Umständen Jahre – bis die Krankheit ausbricht, ist Bienert zufolge anzunehmen, dass sich der junge Mann bereits in seiner Heimat oder auf der Flucht infiziert hat. Allerdings gibt es in Deutschland immer wieder Tuberkulosefälle. In Rheinland-Pfalz waren es 2015 noch 267, im Rhein-Pfalz-Kreis 20 Fälle. „Wir werden das Umfeld genau überprüfen. Wer engen Kontakt hatte, wird aufgefordert, sich untersuchen zu lassen“, sagt der Amtsarzt. Und Landrat Körner geht davon aus, dass viele sich freiwillig einer Untersuchung unterziehen.

100 der speziellen Tuberkulose-Tests sind in der Dörrhorststraße vorrätig, weitere bestellt. Heute werden sie an Kinderärzte in der Umgebung ausgeliefert. „Vorrätig hat sie in unseren Breitengraden eigentlich keiner. Außerdem werden sie nicht von der Krankenkasse bezahlt“, sagt Bienert. Bedarf angemeldet hätten schon Mediziner aus Limburgerhof, Neuhofen und Speyer.

Den Betroffenen wird für den Check Blut abgenommen. „Wir gehen gerade im Fall der Waldseer Kinder von negativen Ergebnissen aus“, sagt Bienert. Allerdings müsse der Test in acht Wochen wiederholt werden. Erst wenn er dann wieder negativ ausfalle, könne eine Ansteckung mit Sicherheit ausgeschlossen werden. „Es gibt eine chemische Prophylaxe – ein Antibiotikum. Das muss aber jeder mit seinem Arzt besprechen, ob er die einnehmen möchte oder gar sollte.“

Ein Gemisch aus gleich vier Wirkstoffen muss der 17-Jährige einnehmen, der gestern ins Klinikum Ludwigshafen überstellt wurde. Bienert ist zuversichtlich, dass die Medikamente ansprechen und der junge Mann in ein paar Wochen in seine Wohngruppe nach Waldsee zurückkehren kann.

„Ich bin froh, dass eigentlich alle ruhig und besonnen mit dem Thema umgehen“, sagt Körner. „Panik ist keine Lösung.“ Das bestätigt Bienert. Seine Botschaft an alle Besorgten: „Die medizinischen Möglichkeiten sind gut. Die Krankheit kann behandelt werden. Normalerweise stirbt an Tuberkulose bei uns keiner mehr.“

 

|btw

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