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Dienstag, 02. Januar 2018 Drucken

Speyer Land

Es bleiben noch kleine Freuden

Harthausen/Speyer: Wie sich ein Seniorenpaar mit Alter und Pflege arrangiert

Von Ellen Korelus-Bruder

Im Haus Lichtblick in Speyer: Irene und Arndt Wolter aus Harthausen mit Haushund Lola.

Im Haus Lichtblick in Speyer: Irene und Arndt Wolter aus Harthausen mit Haushund Lola. ( Foto: Lenz)

Das Ehepaar Wolter lebt seit 21 Jahren idyllisch in einem alten, selbst sanierten Bauernhaus in Harthausen. Bis Krankheit und Alter Arndt Wolter vor acht Jahren an den Rollstuhl fesselten, steuerte er sein eigenes Boot und genoss gemeinsam mit seiner Frau zu Hause und unterwegs die sorglosen Seiten des Lebens. Irene Wolter pflegt und betreut ihren 90 Jahre alten Mann nahezu allein. Einmal die Woche wird sie vom Haus Lichtblick in Speyer entlastet.

Sie habe viele Jahre als Intensivkrankenschwester gearbeitet, erklärt die 69-Jährige, warum sie sich die tägliche Pflege von Anfang an zutraute. Inzwischen aber übersteige das ihre Kräfte. Vor einigen Wochen hat sie sich die Schulter beim Bäumeschneiden im Garten verletzt, und den begehrten Nähkurs habe sie nicht belegt. „Ich kann doch meinen Mann nicht alleine lassen“, sagt Wolter. Sie hält sich an ihr Eheversprechen, das sie ihm vor 21 Jahren gegeben hat: „an guten und an schlechten Tagen“.

Die Bewegungsfreiheit des Düsseldorfers ist seit einem Herzinfarkt und zwei Schlaganfällen eingeschränkt. Am liebsten erinnert er sich an die schönen Dinge seines langen Lebens. „Meine Frau ist großartig“, sagt er lachend. Zeitlebens hat Wolter Verantwortung übernommen, Kunst gesammelt und seine rheinische Frohnatur gepflegt. Und die deutsche Sprache. „Die RHEINPFALZ lese ich trotz abnehmender Sehfähigkeit jeden Morgen“, betont er.

Das große Ganze ist Arndt Wolter nicht mehr wichtig. „Mein Horizont endet inzwischen am Dorfende“, sagt er. Was nicht ganz stimmt, denn gleich darauf erzählt er: „Früher war ich ein großer Sportler, heute schaue ich großen Sportlern im Fernseher zu.“ Solange die Augen mitmachten, sei er im Tennisclub Harthausen aktiv gewesen. „Das ist jetzt leider vorbei“, sagt er mit Wehmut in der Stimme.

Der Tagesablauf der Wolters ist selten spektakulär. „Vor Weihnachten haben wir in meiner Werkstatt ein Vogelhäuschen gebastelt“, erzählt Irene Wolter von kleinen Freuden an langen Nachmittagen. „Weihnachten haben wir es uns gemütlich gemacht“, sagt sie. Den täglichen Spaziergang durchs Dorf bei jedem Wetter haben die Wolters auch am Altjahresabend unternommen. „Ein gutes neues Jahr haben wir uns in der Nacht gewünscht“, erzählt sie. „Das können wir gebrauchen.“ Mit Punsch hätten sie sich zugeprostet und voll Zuversicht Blei gegossen. Auf Feuerwerk haben die beiden schon immer verzichtet. Irene Wolter weist auf Hund und Katze hin, die das Harthausener Idyll bis vor ein paar Jahren mit den Wolters geteilt haben und empfindliche Ohren hatten.

Häufig erhalte ihr Mann Besuch von Nachbar Theo Ofer, dem Harthausener Maler. „Sie haben sich viel zu erzählen“, berichtet die Seniorin von Gesprächen zwischen dem Künstler und dem Kunstsammler. Täglich steht sie um sieben Uhr auf. Sie kocht selbst und reicht ihrem Mann das Essen, bringt ihn zum Mittags- und Nachtschlaf ins Pflegebett. Sie wäscht und rasiert ihn, lädt Freunde ein und fährt ihn zum Arzt.

Seit ein paar Monaten bringt sie ihn einmal wöchentlich in die Speyerer Seniorentagesstätte Lichtblick. „Jeden Mittwoch“, bestätigt Wolter, der sich unter den Alten und Pflegern sowie mit Hündin Lola wohlfühlt. „Ich habe nach wie vor gerne Menschen um mich“, sagt er. „Hier habe ich Vertrauen“, betont seine Frau. Nach viel Überzeugungsarbeit von Ärzten und Pflegekräften habe sie sich dazu durchgerungen, ihren Mann zeitweise loszulassen und in die Obhut des Lichtblicks zu geben. Nun kann sie mittwochs den Nähkurs besuchen, den sie sich lange versagt hat.

„Bis jetzt wollte ich nicht, dass fremde Personen meinen Mann pflegen“, räumt Wolter ein. „Aber die fortschreitende Krankheit bringt mich manchmal doch an meine Grenzen.“ Vorher seien sämtliche Versuche gescheitert, die Belastung auf mehrere Schultern zu verteilen, sagt sie. „Entweder lag’s an mir, an ihm oder an der nicht passenden Pflegekraft.“ Lebensqualität schöpfe sie dennoch jeden Tag aufs Neue aus dem Zusammensein mit ihrem Mann, betont Wolter. „Ohne ihn ist alles nur halb so schön.“ Davon ist sie fest überzeugt. Arndt Wolter lächelt.