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Mittwoch, 08. Februar 2017 Drucken

Speyer: Kultur Regional

Ein kleines Viereck steht für Tod

Ortstermin: Bonner Wissenschaftler entschlüsseln alte Maya-Schriften im Historischen Museum Speyer

Von Antonia Kurz

 

Scannen mit Weißlicht (von links): Christian Prager und sein Kollege Sven Gronemeyer beim Entziffern. ( Foto: Lenz)

Indiana Jones im Historischen Museum der Pfalz? Im ersten Ausstellungsraum erstrahlt aus dem Dunkeln eine Steintafel im Scheinwerferlicht. Geheimnisvolle Zeichen sind darauf zu sehen – die Schrift der Maya. Immer wieder leuchtet das rote punktförmige Licht eines Scanners auf dem Kalkstein auf. Gestern haben Wissenschaftler der Universität Bonn vor der Augen der Besucher die Tafel bis ins kleinste Detail eingescannt.

 

Comics, BMX, Hip-Hop: All das hat Christian Prager als Kind vielleicht auch interessiert. Aber eben vor allem die Schrift der Maya. „Mit zwölf Jahren habe ich angefangen, die Sprache zu lernen“, sagt er. Mittlerweile könne er sie fließend lesen. Merkwürdig findet er das nicht, dass sich ein Junge in die Bibliothek seiner Heimatstadt setzt, um eine Sprache zu entziffern, die aus Tiersymbolen, Kreisen und maskenhaften Gesichtern besteht. Prager zeigt auf sein Forschungsteam, das im Hintergrund arbeitet: „Die haben alle eine ähnliche Biografie.“

An diesem Vormittag – viele Jahre später – hat der Forscher mit der schwarzen Hornbrille sein Hobby zum Beruf gemacht. Eigentlich lehrt er Altamerikanistik an der Universität Bonn. Doch eine Tafel aus Kalkstein, in die 160 Hieroglyphen eingraviert sind – ein Exponat der Ausstellung „Maya – Das Rätsel der Königsstädte“– hat ihn nach Speyer gelockt.

Mit einem Weißlichtscanner untersuchen er und sein Team die Tafel an zwei Tagen. Mit Hilfe eines Computerprogramms entsteht ein dreidimensionales Modell der Tafel. Der Hieroglyphentext soll einer Datenbank hinzugefügt werden: ein Wörterbuch des klassischen Maya. „Ziel ist es, dass Forscher die Tafel nicht mehr im Original sehen müssen, um mit dem Text zu arbeiten“, erklärt Prager. Der Scanner und die 3D-Simulation holten die Tafel quasi ins Büro.

Regina Kehr hat währenddessen beobachtet, wie die Wissenschaftler das 1,50 Meter lange und einen Meter hohe Objekt scannen. Die Seniorin ist aus Darmstadt angereist, „Schon faszinierend“, findet sie und erzählt eine kleine Anekdote: „Ich kenne eine Frau, die ihre Töchter Inka und Maya genannt hat.“

Was steht auf der Steintafel?„Sie stammt aus dem Jahr 799 nach Christus“, erklärt Prager. Auf der Tafel befinden sich 160 halbplastisch gearbeitete Hieroglyphenblöcke. „Erzählt wird die 130-jährige Geschichte der Ahk-Dynastie“, erklärt Prager, „es war eine Gedenktafel für damalige Herrscher.“ „Ahk“ bedeutet übersetzt „Schildkröte“. Die Tafel stammt aus dem Ort Cancuén in Guatemala und erzählt in der Maya-Sprache von Kriegen, politischen Bündnissen, Herrscherwechseln – und dem Tod.

Christian Pragers Zeigefinger hält respektvollen Abstand, als er auf eine Hieroglyphe zeigt: „Ein Block ist in der Regel ein Wort. Dieser besteht aus drei Zeichen: Eintreten, einem Silbenzeichen und einem grammatischen Suffix für Passiv.“ Übersetzt bedeutet das kleine Viereck, in dem sich die Elemente gruppieren: Er betrat den Weg. „Das ist eine Metapher für den Tod.“

Ursprünglich habe es zwei Tafeln gegeben, die an einem Palast angebracht waren. „Der erste Teil ist jedoch 1933 verloren gegangen, als die Tafeln von Grabräubern gestohlen wurden.“ Allerdings gebe es noch Videoaufnahmen des Diebstahls. „Grabräuber haben ihre Aktionen oft gefilmt, damit sie auf dem Schwarzmarkt die Echtheit des Diebesguts belegen konnten“, erklärt der Wissenschaftler. Die zweite Tafel sei vielleicht in einen Fluss gefallen, spekuliert er. Eingraviert wurden die Hieroglyphen von den Skulpteuren der Maya.

Dazu wurden die Steintafeln zunächst für einige Tage in den Boden gelegt oder mit Blättern bedeckt, damit die Oberfläche durch die Feuchtigkeit weich wurde. Anschließend bearbeiteten die Skulpteure sie mit Obsidian, einem vulkanischen Gesteinsglas.

Ist die Tafel eine Botschaft der Maya an ihre Nachkommen? „Nein, eher an die damalige Gegenwart, sie dokumentiert die Vergangenheit“, korrigiert Prager: „Die klassischen Maya waren Geschichtsfanatiker.“

 

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