Homburg
Leere im Mere
Nach ziemlich genau eineinhalb Jahren hat der Mere-Markt der russischen Kette Torgservis in Homburg-Bruchhof wieder geschlossen. „Liebe Kunden, am 31.12.2021 ist unser Markt zum letzten mal für Sie geöffnet. Aus betrieblichen Gründen werden wir den Standort Homburg schließen. Wir bedanken uns für Ihre Treue. Es war uns eine Ehre, Sie als unsere Kunden begrüßen zu dürfen“, steht auf einem roten Schild am geschlossenen Eingang des „Russen-Aldis“ geschrieben. Auf eine schriftliche Anfrage nach den genauen Gründen der Schließung, der Zukunft der Mitarbeiter und weiteren Details an die Muttergesellschaft der russischen Discount-Kette bekamen wir leider keinerlei Antwort. Den Mere-Markt in Bruchhof im Gebäude der ehemaligen Firma Simon, am Ortsausgang in Richtung Homburger „Hinkelsbix“, hat die Muttergesellschaft Torgservis (TS) GmbH mit Sitz in Berlin mit großem Medienecho im August 2020 neu eröffnet, als ersten Mere-Markt in Westdeutschland.
Die erste deutsche Filiale eröffnete am 29. Januar 2019 in einem früheren Aldi-Markt in Leipzig-Portitz, anschließend eröffnete ein Mere-Markt in Zwickau. Im November 2019 stimmte der Bauausschuss von Homburg schließlich dem Vorhaben der Mere-Muttergesellschaft TS-Markt GmbH zu, einen Mere-Markt im Ortsteil Bruchhof zu eröffnen. Auf einer Karte, die im Schaufenster des Homburger Marktes hängt, sind weitere Filialen in Schönebeck an der Elbe, Zwickau, Zeitz, Leipzig, Halle und Hoyerswerda sowie in Wilhelmshaven eingezeichnet. Homburg taucht auf der Karte nicht als Standort auf.
Kennzeichen der Mere-Märkte ist ein Niedrigpreis-Sortiment auf Paletten. Auch die Einrichtung des Bruchhofer Discounters mit seinen 800 Quadratmetern Verkaufsfläche erinnerte an eine Aldi-Filiale in den 70er Jahren, als der deutsche Discounter direkt von der Palette weg verkaufte. Mere wird daher im Volksmund auch „Russen-Aldi“ genannt. Zum Sortiment von Mere gehören unter anderem Lebensmittel und Haushaltswaren, aber auch Alkoholika. Die Waren stammen laut der Torgservis GmbH überwiegend aus osteuropäischen Ländern, die der Europäischen Union angehören und damit zollfrei bleiben.
Vorboten der Schließung schon 2021
Homburgs Bürgermeister Michael Forster sagte zur Eröffnung 2020, er sei froh, „dass wir vor Ort einen Lebensmittelmarkt haben, damit die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger aus Bruchhof-Sanddorf vorhanden ist“. Mere-Filialleiter Denis Krivtsov sagte im Sommer 2020, dass das Sortiment von Mere in Bruchhof stetig ausgebaut werde. Damals beschäftigte Mere sechs Mitarbeiter in Bruchhof. In den vergangenen Monaten zeichnete sich eine Schließung des Billigmarktes jedoch bereits ab. Immer öfter blieben Regale leer, Lieferungen bestimmter Waren blieben aus und bestimmte Waren wurden an verschiedenen Stellen des Marktes mehrfach angeboten, damit die Regale nicht allzu leer aussahen. Zudem war der Markt mehrfach laut Aushängen „vorübergehend geschlossen“, wegen angeblicher Umsortierungen und Sortimentswechseln. Noch stehen Restwaren im Marktgebäude, wie man von außen durch die Scheiben sehen kann, doch die meisten Regale sind leer.
Auch in Leipzig, dem ersten Standort, an dem Torgservis in Deutschland einen Mere-Markt eröffnet hat, „stottert der Mere-Motor“, wie der Mitteldeutsche Rundfunk bereits im September 2021 feststellte. Denn auch der dortige Markt war beim Besuch einer Reporterin geschlossen. Ebenfalls wegen eines angeblichen Sortimentswechsels. Über 100 Filialen, die mit Kampfpreisen gegen die bestehenden Discounter wie Aldi, Lidl, Netto und Co antreten sollten, wollte Torgservis damals in Deutschland eröffnen. Haushaltswaren wie Handtücher, Plastikschüsseln und Hundefutter, Spül- und Waschmittel, Gläser, aber auch hauptsächlich lange haltbare Lebensmittel aus Restbeständen und Überproduktionen hat Mere in Homburg wie an den anderen Standorten verkauft.
Bereits bei der Eröffnung des Homburger Mere-Marktes war die Kommunikation mit der Firma schwierig. Daten zum Sortiment beispielsweise wollte man nicht verraten. Fotos wollte man nur von außen erlauben, im Markt hingegen nicht.
Auch der Mitteldeutsche Rundfunk machte im September 2021 die Erfahrung, dass die TS GmbH weder telefonische noch schriftliche Anfragen zum geschlossenen Leipziger Standort beantwortete. Neben Deutschland hat die Muttergesellschaft aus dem sibirischen Krasnojarsk in den vergangenen zwei Jahren die Expansion der „Russen-Aldis“ in weiteren europäischen Ländern vorangetrieben. Dort firmieren die meisten Filialen allerdings nicht als Mere sondern unter dem Namen „Svetofor“, wie auch die russischen Märkte und in Halle an der Saale.