Neunkirchen
Kohlhof: Kinderklinik bleibt – Standort soll erste Fachklinik Deutschlands werden
Nach mehr als vier Monaten der Diskussionen, Proteste, Abwägen und Zittern steht nun fest: Die Kinderklinik auf dem Kohlhof in Neunkirchen (offiziell Marienhausklinik Kohlhof) soll nun doch nicht nach St. Wendel verlagert werden; sie soll erhalten bleiben. Das haben das Saar-Gesundheitsministerium und die Marienhaus-Gruppe bei der Pressekonferenz in Saarbrücken am Montagmittag bekanntgegeben.
Der Klinik-Standort soll sogar weiter ausgebaut werden – zu einer Fachklinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin inklusive Sozialpädiatrie. In Deutschland wäre es die erste Fachklinik dieser Art, betont Sebastian Spottke, Vorsitzender der Geschäftsführung der Marienhaus-Gruppe. So könne man auch „sehr viele Arbeitsplätze dauerhaft erhalten“. Zudem sollen Angebote für Kinder- und Jugendhilfen etabliert werden. Frühestens zum 1. Januar 2027 sollen die Umstrukturierungen in Kraft treten, schätzt das Gesundheitsministerium.
Gesundheitsminister: „Neubewertung der Optionen“
Warum wurden die Pläne, die nach der Verkündung von Gesundheitsminister Magnus Jung (SPD) immerhin mehr als vier Monate lang im Raum standen, jetzt geändert? „Die Abkehr vom ursprünglich kommunizierten Plan resultiert aus einer Neubewertung der Optionen seitens des Ministeriums und der Marienhaus-Gruppe. Meine oberste Priorität ist die langfristige Sicherstellung einer guten medizinischen Versorgung im gesamten Saarland, ohne dass es zu unkontrollierten Krankenhausschließungen kommt. Dieses Ziel können wir mit der heute vorgestellten Lösung erreichen“, erklärt Jung.
Die Kohlhof-Klinik soll sich laut den neuen Plänen nun auf die Bereiche Frauenheilkunde, Geburtshilfe sowie Kinder- und Jugendmedizin spezialisieren. Die Klinik soll eine Notfallambulanz für die Kinder- und Jugendmedizin sowie die Gynäkologie anbieten. „Damit wird sich das Klinikum auf seine ausgewiesene Expertise konzentrieren und ein Alleinstellungsmerkmal in Neunkirchen erhalten“, sagt Gesundheitsminister Jung.
Neues Versorgungszentrum soll geschaffen werden
Die Fachklinik werde durch die Kinder-Intensivstation und das Sozialpädiatrische Zentrum für Kinder und Jugendliche (SPZ) ergänzt. Zudem soll ein neues medizinisches Versorgungszentrum für Kinder- und Jugendmedizin geschaffen werden. Auch neue Kinder- und Jugendbetreuungsangebote (Kleinkind- sowie Mutter-Kind-Wohngruppen) wolle man auf den Weg bringen.
Andere Angebote, wie etwa der Aufbau einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, einer Reha und eines Medizinischen Zentrums für Erwachsene mit Beeinträchtigung (MZEB) werden geprüft. „Dieses Angebot ist einzigartig und wird die stetig steigende Nachfrage für eine sichere Versorgung der nächsten Generationen bedienen. Zugleich wird die Marienhaus-Gruppe ihren Standort in St. Wendel mit den dort vorhandenen Fachgruppen, inklusive der konservativen Orthopädie, stärken“, sagt das Gesundheitsministerium.
Andere Abteilungen werden verlagert
Alle anderen Abteilungen auf dem Kohlhof – die Notfallversorgung, die Innere Medizin und die Allgemeine Chirurgie – sollen dort aber wegfallen. Diese Abteilungen werden laut Ministerium in Zukunft am Standort des Diakonie Klinikums Neunkirchen in der Innenstadt – sechs Autominuten vom Saarpark-Center entfernt – konzentriert. „Das Diakonie Klinikum wird gestärkt und hat eine klare Zukunftsperspektive“, heißt es.
Jung: „Für alle Mitarbeiter, die von der Umstrukturierung der Marienhaus Klinikum Neunkirchen betroffen sind, wird eine verantwortungsvolle Lösung möglichst innerhalb der Unternehmensgruppe gefunden.“ Zwischen 140 und 160 Arbeitsplätze sollen laut der Bürgerinitiative wegfallen; diese Zahlen seien bei der Mitarbeiterversammlung genannt worden, sagt die Initiatorin der BI Sabrina Math. Diese Mitarbeiter sollen etwa durch Umschulungen in den neuen Zentren des Kohlhofs oder an anderen Standorten der Marienhaus-Gruppe arbeiten. Entlassen wolle die Marienhaus-Gruppe jedoch niemanden.
Erleichterung und Kritik
Ziel des Ministeriums sei es gewesen, „Doppelstrukturen im Raum Neunkirchen abzubauen“, betont Jung. Mit der Lösung würde auch die Versorgung langfristig gesichert. „Das war von Beginn an das Hauptziel der saarländischen Landesregierung.“ St. Wendel solle seine bisherigen Fachgruppen behalten und „nachhaltig gestärkt werden“. An nötigen Investitionen in den beiden Landkreisen werde sich das Land beteiligen.
Landrat Sören Meng (SPD) und Neunkirchens Oberbürgermeister Jörg Aumann (SPD) zeigen sich erleichtert über die Entscheidung. Aumann: „Ich bin sehr froh und auch erleichtert darüber, dass wir die ’bittere Pille’ für unsere Stadt, von der ich sprach, nicht schlucken müssen.“ Nicht ganz so euphorisch gibt sich die BI, die seit Monaten für den Erhalt des Kohlhofs gekämpft hat. „Was hier erreicht wurde, ist ein gemeinsamer Erfolg von Bürgern, Beschäftigten sowie kommunalen Vertretern“, betont die BI. Dass das Brustzentrum wegfällt, reiße eine „enorme Versorgungslücke“ in diesen Bereich – „gerade vor dem Hintergrund steigender Brustkrebserkrankungen“.
Gespräch zwischen Klinikleitung und BI soll offene Fragen klären
Auch, dass die Pläne schon in einem Dreivierteljahr umgesetzt werden sollen, sieht die BI mit Sorge. Denn da das Diakonie Klinikum viele Bereiche des Kohlhofs übernehmen soll, führe dies zu längeren Wegen und zusätzlichen Belastungen. Dass nun ein Umdenken stattgefunden habe, darüber zeigt sich die BI aber erleichtert. Am Montagabend möchten Klinikführung und Initiatorinnen der BI, Sabrina Math und Teresa Sciarrotta, offene Fragen in einem Gespräch klären.
Der Landesvorsitzende der Saar-Linken Florian Spaniol begrüße zwar die Entscheidung, jedoch sei für ihn „das jetzige Zurückrudern nichts anderes als das Eingeständnis, dass die bisherige Krankenhauspolitik gescheitert ist“. Er fordert: „Alle regionalen Klinikstandorte im Saarland müssen erhalten bleiben.“ Hier sei Jung in der Verantwortung, „verbindliche Garantien zu schaffen, statt Unsicherheit zu produzieren. Wenn die Landesregierung aus diesem Konflikt nichts lernt, werden sich ähnliche Auseinandersetzungen im ganzen Saarland wiederholen.“
Der Kohlhof hat ein großes Einzugsgebiet und behandelt nicht nur Patienten aus dem zentralen und östlichen Saarland, hier kommen auch viele Kinder von Müttern aus der Westpfalz zur Welt, vor allem von solchen aus dem westlichen Landkreis Südwestpfalz, dem Landkreis Kusel und der Stadt Zweibrücken.