Neunkirchen
Keine Kinderklinik mehr am Kohlhof? „Angst, dass die Versorgung meiner Kinder gefährdet ist“
Sabrina Math aus Neunkirchen-Kohlhof hat 2018 und 2020 zwei ihrer Kinder in der Kohlhof-Klinik zur Welt gebracht. Die Pläne des Saar-Gesundheitsministers, die Geburtshilfe, die Kinder- und Jugendmedizin und die Frauenheilkunde zu den Marienhaus-Kliniken nach St. Wendel zu verlagern, um Doppelstrukturen abzubauen, machen ihr große Sorgen. Endgültig entschieden ist aber immer noch nichts. Zeit also, um noch etwas dagegen tun zu können.
Deshalb hat Math mit Teresa Sciarrotta eine Bürgerinitiative gegründet, die sich dafür einsetzen möchte, dass der Kohlhof – offiziell Marienhaus-Klinikum Neunkirchen genannt – so bestehen bleibt, wie er ist. Rund 50 Mitglieder hat die Initiative; in einer Whatsapp-Gruppe dazu sind rund 350 Leute, die sich über das Thema informieren wollen. Am Donnerstag ist das zweite öffentliche Treffen geplant, seitdem sich die Bürgerinitiative Ende 2025 gegründet hat.
„Gut funktionierende Klinik wird de facto zerstört“
Ihr großes Ziel: Das Thema soll in den Saar-Landtag. Eine Hürde gibt es aber. Denn erst müssen mehr als 5000 Unterschriften gesammelt werden – anders als bei der ersten symbolischen Unterschriftenaktion, bei der sich bisher mehr als 27.000 Menschen für den Erhalt des Kohlhofs einsetzten, muss man jetzt auch seinen Namen und Adresse angeben. Die Unterschriften „müssen dann auch entsprechend überprüft werden, damit sich der Landtag mit der Thematik befasst“, sagt Sabrina Math.
Sabrina Math ist das Thema wichtig. „Zum einen, weil ich weiß, dass der Kohlhof eine sehr gute Arbeit macht – und weil es mir absolut schleierhaft ist, wie man eine funktionierende, gute Klinik, die auch über die Grenzen des Saarlandes hinaus einen renommierten Ruf hat, de facto zerstören wird. Denn etwas anderes wird nicht passieren. Da hab ich auch einfach Angst, dass die Versorgung meiner Kinder gefährdet ist.“
Drei Bürgermeister wenden sich an Gesundheitsminister
Denn in Neunkirchen sei „die Kinderarztversorgung wirklich grausam“. Deshalb hat Math einen Kinderarzt in Homburg. Zudem sei das sozialpädiatrische Zentrum auf dem Kohlhof „mehr als ausgelastet. Auch von Nicht-Saarländern.“ Zehn Jahre lang hat sie beim Rettungsdienst gearbeitet. „Wir haben die Kinder immer auf den Kohlhof gebracht.“ Als sie ihre Kinder auf dem Kohlhof zur Welt gebracht hat, habe sie sich immer gut aufgehoben gefühlt.
Auch drei Saar-Bürgermeister schlagen Alarm, sollten Jungs Überlegungen umgesetzt werden. Am Dienstag haben die Bürgermeister von Blieskastel, Mandelbachtal und Gersheim in einem offenen Brief an den Gesundheitsminister ihre Sorgen vor allem zur möglichen Verlagerung der Geburtshilfe zum Ausdruck gebracht. „Aus unserer gemeinsamen Sicht stellt diese Entwicklung eine spürbare Schwächung der geburtshilflichen Versorgung für den südöstlichen Saarpfalz-Kreis sowie angrenzende Regionen dar. Der Standort Kohlhof war für den Saarpfalz-Kreis ebenso wie für Teile des Sankt Wendeler Landes relativ zentral gelegen und für viele werdende Eltern gut erreichbar“, heißt es da.
Auch Zweibrücker müssten woandershin
Sie befürchten, dass dadurch „eine echte Versorgungslücke entsteht. Die verbleibenden Alternativstandorte – insbesondere Homburg und Saarbrücken – sind nach unserer Kenntnis bereits heute sehr gut ausgelastet.“ Zusätzliche Patienten in Homburg oder Saarbrücken würden zu Belastungen führen. Das sieht auch Lara Bütermann so, die seit 2019 im Kohlhof im OP arbeitet. Sie ist eine von 600 Mitarbeitern des Kohlhofs. „Die Klinik in Homburg hat ja nicht auf einmal mehr Kapazitäten“. Die 2024 rund 1500 durchgeführten Geburten im Kohlhof könnten gar nicht alle aufgefangen werden. Und St. Wendel ist für die meisten Neunkircher, meint Math, einfach zu weit weg. Das sehen auch die Bürgermeister so.
Die Bürgermeister – Bernd Hertzler von Blieskastel, Maria Vermeulen von der Gemeinde Mandelbachtal und Michael Clivot von Gersheim – sehen besonders die Not- und Bereitschaftsversorgung nachts und an Sonn- und Feiertagen kritisch. Das sei nicht nur eine Frage des Komforts, sondern auch der medizinischen Sicherheit. Auch Kinder aus Zweibrücken werden oft auf dem Kohlhof behandelt und müssten dann woandershin.
Bürgermeister: Pläne nochmal überdenken
Kohlhof-Mitarbeiter, die in der Region leben, hätten einen erheblich längeren Arbeitsweg, wenn sie in Zukunft jeden Tag nach St. Wendel fahren müssten. So könnte die Geburtshilfe auch wertvolle Mitarbeiter verlieren. Dass die Kommunen – auch die betroffenen – und der kommunale Spitzenverband in die Überlegungen nicht frühzeitig eingebunden wurden, kritisieren sie. Die Bürgermeister fordern, die Pläne und Auswirkungen noch einmal zu überdenken und zu prüfen.
Der Neunkircher und St. Wendeler Landrat und Neunkirchens Oberbürgermeister Jörg Aumann stehen hinter den Plänen, die Abteilungen nach St. Wendel zu verlagern. Konkrete Gespräche mit Aumann hat die Bürgerinitiative bisher noch nicht geplant, „das wäre aber auf jeden Fall ein sinnvoller Schritt“, sagt Math.
Demo beim Neujahrsempfang geplant
Beim Neujahrsempfang der Stadt Neunkirchen planen Math und Bütermann, die sich ebenfalls gegen die Pläne stemmt und schon eine Demo mit rund 700 Teilnehmern organisiert hat, am 15. Januar eine weitere Demonstration. Dort sollen die mehr als 27.000 Unterschriften der ersten Aktion symbolisch übergeben werden. Dann sei eine Pressekonferenz geplant, bei der die neue Unterschriftenaktion gestartet werden soll, um das Thema in den Landtag zu bringen.
Würden die Geburtshilfe, die Kinder- und Jugendmedizin und die Frauenheilkunde nach St. Wendel ziehen, fürchtet Math, dass diese Bereiche dort in ein paar Jahren nicht mehr tragbar sind, „weil sie sich finanziell nicht rentieren“. Brisant: Im Herbst 2024 wurde die Geburtshilfe in St. Wendel geschlossen. Der Grund: Es war zu teuer und es wurden zu wenig Geburten durchgeführt. Über letzteres kann sich der Kohlhof nicht beklagen: 2024 wurden dort 1456 Geburten durchgeführt. Aufs ganze Saarland gesehen, landet der Kohlhof damit auf dem dritten Platz. Nur im Saarbrücker Caritas-Klinikum und im Klinikum Saarbrücken waren die Hebammen und Geburtshelfer öfter im Einsatz.