Homburg / Saarpfalz-Kreis
IG Metall Homburg-Saarpfalz: Von Angst, Veränderungen und Krisen
Die IG Metall Homburg-Saarpfalz ist zuständig für die Westpfalz und die Saarpfalz und vertritt etwa 30 Betriebe. Die Grundstimmung sei allgemein positiv. Eine wichtige Voraussetzung für gutes Arbeiten, findet der erste Bevollmächtigte Peter Vollmar. Die Situation habe sich nach der Corona-Pandemie „zum Glück“ wieder verbessert. Auch die Gewerkschaft hatte in diesen Jahren mit Austritten zu kämpfen. In vielen Betrieben herrschte Kurzarbeit, französische Kollegen durften die Grenze nicht passieren. „Das war sehr schwierig. Aber trotzdem haben wir eine gute Tarifpolitik gemacht und einige Tarifabschlüsse erzielt“, meint der erste Bevollmächtigte.
Vollmar: „Aus der Crème de la Crème kann heute niemand mehr auswählen“
Kaum schien die Pandemie überwunden, sah sich die Gewerkschaft weiteren Krisen gegenüber: Ukraine-Krieg, Inflation auf hohem Niveau oder Lieferschwierigkeiten. „Immerhin konnten wir 1500 Euro Inflationsprämie herausschlagen, was die hohen Ausgaben der Menschen abfedert“, sagt Vollmar. Das sei auch nur gerechtfertigt, schließlich machten die Betriebe wieder gute Geschäfte. „Und das ist mit unser Verdienst“, ergänzt der zweite Bevollmächtigte Salvatore Vicari. Denn die Gewerkschaft unterbreite ebenfalls Vorschläge, die für die Belegschaft wie für die Unternehmen Erfolge aufwies.
Doch die beiden Bevollmächtigten wissen auch, wo den Betrieben der Schuh drückt. Da ist der Mangel an Fachkräften und an qualifizierten Schulabgängern. „Aus der Crème de la Crème kann heute niemand mehr auswählen“, betont Vollmar. Die Unternehmen müssten Anreize schaffen, um Auszubildende zu gewinnen. „Wir unterstützen dabei gern.“ Denn, flicht Vicari ein, „Ausbildung ist in Anbetracht des demografischen Faktors eine Schicksalsfrage“. Schließlich geht die Babyboomer-Generation jetzt sukzessive in Rente. Da müsse um jeden einzelnen jüngeren Menschen gekämpft und die Vorzüge und die Attraktivität des Betriebs bewusst in den Vordergrund gestellt werden. Oft gelte es auch, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Eine Selbstverständlichkeit? „Nein“, sagt Vicari. Tatsächlich offerierten immer noch Betriebe befristete Arbeitsverträge – heutzutage ein No-Go. „Da braucht sich keiner zu wundern, wenn die Bewerber andere Arbeitgeber vorziehen.“
Autozulieferer vor „enormen Herausforderungen“
Aber es sind nicht nur fehlende Fachkräfte. Gerade die Automobilzulieferer, die hier in der Region die meisten Arbeitsplätze bieten, „stehen vor enormen Herausforderungen“, betont Salvatore Vicari. Um den Standort sicherzustellen, müssten diese ihre Produkte verändern, wollten sie sich über kurz oder lang nicht überflüssig machen. Bosch sei auf dem richtigen Weg, erklärt der Gewerkschaftler. So biete der Konzern – ganz im Sinne des Klimaschutzes und der politischen Vorgaben – Lösungen mit Wasserstoff an. Das sei innovativ und zukunftsorientiert. Allerdings müsse der Wille vorhanden sein, das Portfolio zu erweitern oder zu verändern. „Und von heute auf morgen funktioniert das nicht.“ Mit den zukunftsgerichteten Veränderungen, sagt er, sei der Standort Homburg zu sichern.
Auch die anderen Großen müssten sich neu ausrichten. Positiv bewertet Vicari, dass Thyssen-Krupp 2018 in eine neue Linie für 100 Millionen Euro investiert hat, um Kurbelwellen für Lkw-Achsen zu produzieren. Allerdings seien jetzt sechs Jahre ins Land gegangen, „da muss noch mehr geschehen“.
Mit den Veränderungen kommt auch die Angst
Im Zuge der Transformation, ergänzt Vollmar, würden in absehbarer Zeit, spätestens aber 2035, die Verbrennungsmotoren komplett verschwinden. Schon seit dem Diesel-Skandal seien Komponenten, „die uns in der Region mal reich gemacht haben“, immer weniger gefragt gewesen. „Da müssen jetzt die wesentlichen Entscheidungen für Alternativen fallen.“
Dass diese Veränderungen mit Ängsten verbunden seien, verhehlt Vicari nicht. Manche Kollegen fürchteten, dass mit den Neuerungen ein Personalabbau einhergehen könnte. Es sei daher die Aufgabe der Unternehmensleitung, flankierend Tarifverträge abzuschließen, diese umzusetzen und so Beschäftigung abzusichern.
Mitbestimmung: Das Beste, was einem Betrieb passieren kann
Vicari und Vollmar gefällt nicht, dass es auch Abwanderungspläne gebe und neue Werke in Osteuropa vorgesehen sind. „Warum?“, fragt Vicari. Schließlich seien hier die Infrastruktur und die nötigen Kenntnisse gegeben.
Nach Worten Vollmars hilft ein Zusammenspiel von Unternehmensleitung, Betriebsrat und IG Metall, den Umstellungsprozess voranzutreiben. „Alle sollen zufrieden sein, allen soll es gut gehen, das ist unser Ziel.“ Umso weniger versteht er, dass es immer noch Unternehmen gibt, die keinen Betriebsrat zulassen, die Mitarbeitern kündigen, wenn sie erfahren, dass diese ein solches Gremium planen. Dabei sei Mitbestimmung – ein in Deutschland gewährleistetes demokratisches und sehr gutes Instrumentarium – das Beste, was einem Betrieb passieren könne, findet Vollmar.
IG Metall: „Betrieb wird gerade an den Abgrund gefahren“
Selbst amerikanische Geschäftsführer hätten die Vorzüge erkannt. Umso schlimmer sei es, was gerade bei Tadano in Zweibrücken, ganz in der Nähe der Grenze zum Saarland, passiert. Dort habe sich niemand auf Gespräche mit Betriebsrat und Gewerkschaft eingelassen und die ganze Führungsriege sei verschwunden. „Der Betrieb wird gerade an den Abgrund gefahren, und 400 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.“ Es mache ihn sprachlos, dass sich offensichtlich niemand nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens für die weitere Entwicklung interessiert habe, bekräftigt Vicari. „Wir hätten gute Vorschläge gemacht.“ Aber der Standort solle wohl zerschlagen werden, meint er kopfschüttelnd. Denn die Nachfrage nach deren Produkten sei doch da.
Als weitere große Problemfelder nennen die zwei IG Metaller die Schuldenbremse – „ganz schlecht für unsere Wirtschaft“ –, oder die Baukrise, die derzeit Hager Elektro in Blieskastel trifft. Hier sieht Peter Vollmar die Politik gefordert, die endlich die Weichen besser ausrichten müsse.