Saarbrücken / Homburg
CSD am Wochenende: Freiheit, Feiern – „aber auch Angst“
„Überwältigend.“ So beschreibt Julia Zimmermann aus Homburg-Wörschweiler ihre erste CSD-Erfahrung. Lange her ist das nicht – erst vor vier Jahren war sie zum ersten Mal auf der bunten Parade für Schwulen, Lesben, Bisexuelle, Transgender und andere queere Menschen. Zu dieser Zeit hat sie sich nämlich geoutet und lebt seitdem als Person, die sie wirklich ist: als Frau. Denn Zimmermann, die im Sommer 2024 mit 71 Prozent zur SPD-Ortsvorsteherin von Wörschweiler gewählt wurde, ist als Mann geboren worden. Seit ihrem Coming-out „habe ich gemerkt, was Leben ist“, beschreibt sie diese Befreiung.
Am Samstag und Sonntag findet der CSD (Christopher Street Day) wieder in Saarbrücken statt – samt Straßenfest an beiden Tagen in der Mainzer Straße und großer Parade am Sonntag. Diesmal kann Zimmermann nicht dabei sein, bedauert sie. Denn im Frühjahr ist sie in den Bundesvorstand des Verbands Queere Vielfalt (früher: Lesben- und Schwulenverband) gewählt worden und ist deshalb übers Wochenende in Berlin. Im Saar-Ableger desselben Verbands ist sie ebenfalls im Vorstand und hat den CSD mitorganisiert.
„Angst, Hand in Hand durch die Gegend zu laufen“
An ihren ersten CSD im Jahr 2022 erinnert sie sich noch gut. „Das war ein unbeschwertes Feiern, dieses Freiheitsgefühl, das man hat an diesen Tagen. Das fehlt halt im Alltag, und das kann man dann genießen.“ Das hat sich allerdings ein bisschen geändert, hat sie festgestellt. Denn: „Man merkt, dass die Leute ängstlicher werden.“ Grund sei die gestiegene Feindlichkeit gegenüber Schwulen, Lesben, Transgendern und Co. Diese bringt sie insbesondere mit dem Rechtsruck in Verbindung. Denn als sie zum ersten Mal auf dem CSD war, da sei es noch nicht so schlimm gewesen, und manche auch noch nicht so ängstlich. Zimmermann selbst hat keine Angst, sagt sie. „Aber es gibt schwule Männer, die Angst haben, Hand in Hand durch die Gegend zu laufen. Was ja vorher alles locker möglich war.“
Manche würden auch mit Angst auf den CSD gehen – weil sie Angst hätten vor Gegendemos oder vor Angriffen. Auch Hasskommentare im Netz, beispielsweise unter Posts von Politikern oder Privatpersonen in sozialen Medien, häuften sich. Zimmermann wisse von Personen, die überlegten, ob sie diesmal auf den CSD kommen. Einige Mitglieder der Gruppen, in denen sie sich engagiert, habe sie davon überzeugen können, hinzugehen. Beruhigend für sie: „Sie sind ja auf dieser Fanmeile so gesichert wie sonst nicht, wenn sie irgendwo durch die Stadt gehen.“ Man sollte aber darauf achten, dass man nicht alleine zu der Veranstaltung hin- oder heimgeht, sagt sie.
Kosten: Mittlerer fünfstelliger Betrag
Denn Polizei, Sicherheitsdienste und andere Vorkehrungen sind dafür da, die Menschen vor genau solchem Hass zu schützen. Unter anderem die privaten Sicherheitsdienste machen den CSD auch so teuer, erzählt Zimmermann. Der CSD, den es in der Saar-Ausgabe seit 1998 gibt, kostet einen mittleren fünfstelligen Betrag, verrät sie. Förderung von der Stadt und vom Land gibt’s aber. Einnahmen würden auch durch Standgebühren generiert.
Im Vorfeld muss vieles organisiert werden. Der Verband hat eine „CSD-AG“ auf die Beine gestellt, die seit November, Dezember 2025 mit der groben Planung begonnen hat. Aktivisten müssen gewonnen werden, die Musik-Acts, das Drumherum. Es gab Treffen mit den Wirten, mit den Standbetreibern, mit der Stadt. Alles muss schließlich auch genehmigt werden. Fördergelder müssen beantragt werden. „Und in den letzten zwei Monaten sind die permanent im Einsatz und fast täglich konfrontiert mit irgendwelchen Dingen. Es gibt immer wieder Dinge, wo Fragen aufkommen.“
Regenbogenmeile samt Dragqueen und Live-Musik
Zum Großteil findet das Programm in der Mainzer Straße statt, die zur Regenbogenmeile wird. Dort geht’s am Samstag um 15 Uhr und am Sonntag um 16 Uhr los mit dem Straßenfest samt Mitmachaktionen und Essens- und Getränkeständen. Auf der Hauptbühne gibt es Live-Auftritte von lokalen Künstlern, von der saarländischen Dragqueen Michelle de la Rose, es gibt eine Techno-Bühne, Podiumsdiskussionen mit Politikern und Infostände. Auch das Saar-Sozialministerium ist mit einem Stand des Landesdemokratiezentrums dabei. Wer dann noch nicht genug vom Feiern hat, kann am Samstag ab 23 Uhr in die Gay-Pride-Disco „Warme Nächte“ in der Garage (Bleichstraße).
Höhepunkt des CSD ist wie jedes Jahr die Parade, die am Sonntag ab 14 Uhr vom Saar-Landtag (Franz-Josef-Röder-Straße) bis zum Staatstheater verläuft. Laut Sozialministerium waren in den Vorjahren bis zu 75.000 Besucher dabei – und weitere 10.000 Teilnehmer. Danach geht’s ab 16 Uhr mit dem Straßenfest rund um die Mainzer Straße weiter. Auch die Landesregierung ist mit einem Wagen bei der Parade dabei.
Forderung an die Politik
Schirmherrin des CSD ist die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD). Sozialminister Jung sagt, der CSD hat auch eine „klar politische Bedeutung als Ausdruck von Widerstand gegen Ausgrenzung und Hass“. Diese politische Bedeutung wird vom diesjährigen Motto noch einmal spezifiziert. „Ja, ich will – ins Grundgesetz! Artikel 3+ jetzt!“ heißt es. Im Mittelpunkt steht die Forderung, Artikel 3 des Grundgesetzes um die Merkmale der sexuellen und geschlechtlichen Identität zu erweitern. Die Benachteiligung unter anderem wegen Geschlecht, Herkunft oder Religion ist zwar verboten – die Anhänger der Forderung kritisieren aber, dass die sexuelle Identität noch nicht klar im Gesetz benannt wird. Damit soll auch der verfassungsrechtliche Schutz von queeren Menschen gestärkt und die dauerhafte Gleichstellung garantiert werden.
Zimmermann versucht, den Menschen, mit denen sie zu tun hat, Selbstbewusstsein mitzugeben. Niemand sollte sich verstecken (müssen), sagt sie – auf dem CSD ist das möglich. Zumindest für zwei Tage.