Lambsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Kräutern und Kontrolle: Erstes Cannabis aus Lambsheim

Dominik Saßmannshausen (links) übergibt Jürgen seinen monatlichen Cannabis-Anteil – als erstem Vereinsmitglied.
Dominik Saßmannshausen (links) übergibt Jürgen seinen monatlichen Cannabis-Anteil – als erstem Vereinsmitglied.

Der Anbauverein La Leafs gibt zum ersten Mal Cannabis aus – den Anfang macht ein 70-Jähriger. Die Gründer wollen aufklären, doch die Zukunft der Legalisierung bleibt unsicher.

Jürgen ist schon da, lange bevor es um drei Uhr offiziell losgeht. Der 70-Jährige hat sich passend angezogen: „Support your local farmer“ (Unterstütze deinen lokalen Anbauer) steht auf seinem dunklen Shirt. Daneben – groß aufgedruckt – das Blatt einer Cannabis-Pflanze. Schwach liegt der charakteristische Geruch in der Luft.

Lange hatten seine Gründer darauf hingearbeitet, am 1. Juli war es schließlich so weit: Zum ersten Mal – und als erster der Region – konnte der Lambsheimer Anbauverein La Leafs Cannabis an seine Mitglieder abgeben. Für Dominik, Tim, Pascal, Patrick und Daniel – alle um 30 Jahre alt – ist es ein Herzensprojekt.

Der Cannabisverein La Leafs aus Lambsheim hatte seinen ersten Ausgabetag

von Matthias Rinck

Verein könnte noch expandieren

Es ist brütend heiß. Das Sonnensegel ist zu klein, immer wieder werden Tisch und Bierbank dem wandernden Schatten hinterhergeschoben. Kühle Getränke und Ventilatoren sollen die Hitze ein wenig lindern. Das Vereinsgelände versteckt sich im Gewerbegebiet – hinter einem geschotterten Platz mit abgestellten Wohnwagen. In langer Reihe stehen Container, bislang sind nur zwei davon in Gebrauch. Doch: Der Verein darf bei Bedarf expandieren. Mehr als 25 Mitglieder zählt La Leafs inzwischen. Die Altersspanne reicht von 23 bis 77 Jahren. „Oft sind es Leute, von denen man es nicht erwartet hätte“, sagt Tim Luthringhauser.

Das Cannabis wird in einer lichtundurchlässigen Verpackung übergeben. Auf dem Etikett stehen Angaben zu Sorte, THC-Gehalt und Er
Das Cannabis wird in einer lichtundurchlässigen Verpackung übergeben. Auf dem Etikett stehen Angaben zu Sorte, THC-Gehalt und Erntedatum. Ganz wichtig: ein QR-Code führt zu Hinweisen zum Cannabis-Konsum.

In einem Container wachsen die Pflanzen unter kontrollierten Bedingungen, im zweiten werden sie getrocknet und an Vereinsmitglieder abgegeben. Dort steht Dominik Saßmannshausen hinter der braun vertäfelten Theke, die fast wie eine Schokoladentafel aussieht. Auf seinem Kopf ein Strohhut, hinter ihm hängt flimmernd ein Bildschirm. Abwechselnd wird das Sortiment erklärt oder der Kontakt zur Suchtberatungsstelle der Stadtklinik Frankenthal gezeigt. An der Wand hängen Hinweise zum Cannabis-Konsum.

„Wirkt bei jedem anders“

Jürgen tritt an die Theke. Ein Freund, der nebenan arbeitet, hat ihm von dem Verein erzählt. „Der meinte, hier ist was los.“ Dass keine hohe Einstiegsgebühr fällig ist, hat ihn überrascht – und überzeugt: „Manche Clubs wollen 300 Euro.“ Stattdessen finanziert sich La Leafs über Mitgliedsbeiträge, gestaffelt nach monatlicher Menge. Denn „verkauft“ werden darf das Cannabis laut Gesetz nicht. Die Gründer hoffen, dass sich der Verein langfristig über die Beiträge selbst trägt.

Um seinen Anteil abzuholen, zeigt Jürgen seinen Ausweis vor. Er wird auf die Konsumhinweise aufmerksam gemacht und über die Wirkung der drei Sorten aufgeklärt. Manche machen euphorisch, andere entspannen – manche helfen beim Einschlafen, andere beim Fokussieren. Aber, so gibt Daniel Runck zu bedenken: „Es wirkt bei jedem unterschiedlich. Und es kommt auch darauf an, wie man es konsumiert, womit man es kombiniert, wie die eigene Stimmung in dem Moment ist.“

Legalisierung auf dem Prüfstand

Jürgen riecht an den drei Sorten, bevor er sich entscheidet. Der Geruch ist sehr unterschiedlich – und deutlich anders als man es auf der Straße oft riecht. Weniger süßlich und stechend, mehr würzig und kräuterartig. Das Cannabis wird vor seinen Augen abgewogen und in einer lichtundurchlässigen braunen Verpackung verstaut. Zuletzt wird ein Etikett darauf geklebt – ein QR-Code führt abermals zu den Konsumhinweisen.

Das abgewogene Cannabis wird verpackt.
Das abgewogene Cannabis wird verpackt.

Das Cannabis-Gesetz ist noch jung – aber ob es Bestand hat, ist offen. Der Regierungswechsel im Bund sorgt für Verunsicherung: Die CDU steht der Legalisierung deutlich kritischer gegenüber als die vorherigen Ampelparteien. Es weiß auch niemand, wie die Regierung mit den Ergebnissen der Evaluation umgehen wird. Das Gesetz und seine Auswirkungen sollen im Herbst überprüft werden. Auch die fünf Freunde nehmen daran teil, füllen Fragebögen aus – was nicht selten eine halbe Stunde in Anspruch nehmen kann.

Zugang zu sauberem Cannabis

Mit den Behörden hätten sie immer gut zusammengearbeitet, sagt Luthringhauser. „Wir bleiben hoffnungsvoll.“ In ihren Club haben die fünf Gründer – zum großen Teil Maschinenbauer – nicht nur viel Zeit und eigenes Geld investiert, sondern das Thema ist ihnen wichtig. Sie wollen über die Wirkung von Cannabis aufklären – und den Schwarzmarkt eindämmen. „Konsumenten sollten Zugang zu geprüftem, lokal angebautem Cannabis haben.“ Das Cannabis des Vereins wird in einem Labor überprüft.

Tim Luthringhauser sagt, der Verein bleibe trotz des Regierungswechsels hoffnungsvoll.
Tim Luthringhauser sagt, der Verein bleibe trotz des Regierungswechsels hoffnungsvoll.

„Wir könnten hier auch einen sicheren Konsumraum anbieten“, findet Luthringhauser. Doch das Gesetz erlaubt das nicht: Kein Konsum auf dem Vereinsgelände. Das ist für die Vereinsgründer unverständlich. Schließlich haben sie sogar einen Präventionsbeauftragten: Pascal Hust hat dafür eine Schulung besucht.

Jahrelange Repressionen

„Ich verstehe Gesetze nicht, die den Konsum verbieten“, sagt auch Jürgen. Weinfeste seien deutlich schlimmer – Alkohol mache häufig aggressiv, Cannabis dagegen friedlich. Zum ersten Mal habe er Anfang der Siebzigerjahre gekifft, dann sehr lange nicht mehr. Wegen der Verbote und weil es nicht zum Familienleben passte.

Bis zum Nachmittag kommt nur noch eine weitere Person. Die anderen wurden von der Nachricht abgeschreckt, dass die RHEINPFALZ da sein würde, sagen die Club-Chefs. „Wäre hier eine Bar eröffnet worden, hätte es bestimmt tolle Bilder gegeben“, sagt Saßmannshausen. „Leute hätten Schlange gestanden und sogar noch ihr Bier in die Kamera gehalten.“ Aber so hätten ihnen mehrere Mitglieder für den ersten Tag abgesagt. „Das ist ja auch verständlich. Die haben jahrelang Repressionen erlebt.“ Und das könne man nicht so einfach abstellen.

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