Rhein-Pfalz Kreis
„Zahl der Alzheimer-Erkrankten steigt“
Interview: An Alzheimer-Demenz zu erkranken, ist für viele eine Horrorvorstellung. Dabei gibt es heutzutage bereits sehr gute Therapiemöglichkeiten und fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse, wie der Erkrankung vorgebeugt werden kann – informiert Professor Dr. Georg Adler im Gespräch. Am Montag referiert er in Schauernheim.
Herr Adler, gibt es einen Mythos um die Krankheit Alzheimer-Demenz (AD), mit dem einmal aufgeräumt werden sollte?
Ja, die meisten Leute empfinden die Diagnose als unabwendbares Schicksal, sie verbinden damit schwere Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit. Aber das ist so nicht richtig. Es ist zwar eine chronisch verlaufende Krankheit, aber man hat heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten. Und es gibt viele vorbeugende Maßnahmen.
AD im Alter zu bekommen, ist statistisch sehr wahrscheinlich: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie: „Ausgehend von der aktuellen Lebenserwartung entwickelt fast jeder dritte Mann und fast jede zweite Frau im Laufe des Lebens eine Demenzerkrankung.“ Das ist erschreckend.
Der statistische Anstieg des erreichten Lebensalters ist tatsächlich mit einer Zunahme der Demenzerkrankungen verbunden. Nicht gestiegen ist jedoch die altersbezogene Häufigkeit, also das Risiko, in einem bestimmten Lebensalter an AD zu erkranken. In Bezug auf die demographische Entwicklung ist es allerdings so, dass die geburtenstarken Jahrgänge, die zwischen 1955 und 1970 geboren sind, jetzt in ein Alter kommen, in dem ein erhöhtes Krankheitsrisikos herrscht. Die Krankheitsfälle werden darum in den kommenden 20 Jahren erheblich ansteigen.
Ist unsere Gesellschaft, insbesondere unser Gesundheitssystem darauf vorbereitet?
Nein. Es ist noch unklar, wie diese vielen Kranken in Zukunft versorgt werden sollen. Denn: Die Jahrgänge nach den geburtenstarken Jahrgängen sind zahlenmäßig kleiner, die Familien sind kleiner, die Scheidungsrate ist höher. Dadurch können immer weniger Patienten von ihren Angehörigen betreut werden. Der Bedarf für professionelle Pflege wird gewaltig ansteigen. Und es ist derzeit völlig offen, wie dem begegnet werden soll. Und die Maßnahmen der Politik werden meines Erachtens diesem Problem absolut nicht gerecht.
Gehen wir mal zurück zu den Betroffenen. Was viele sich wohl im Alter fragen: Was ist noch normale Altersvergesslichkeit und was sind schon Symptome für AD?
Das ist die schwierige Frage, denn die geistige Leistung ändert sich im Laufe des normalen Alterns: Zum Beispiel wird man langsamer und die Menge an Informationen, die man gleichzeitig handhaben kann, nimmt ab. Symptome einer AD sind hingegen unter anderem Wortfindungsstörungen, das Vergessen wichtiger Vereinbarungen und Termine oder es kommt häufiger zu Phasen der Verwirrtheit und zu Aussetzern.
Gibt es dazu Studien?
Ja, wir haben zum Beispiel in einer unserer Studien Personen mit leichter bis mittelschwerer AD befragt, welche Symptome sie zuerst an sich selbst beobachtet haben. Diese Symptome wurden dann nach ihrem Vorhersagewert untersucht. Kritische Symptome sind zum Beispiel, wenn man sich häufiger fragt, welcher Monat im Moment ist, oder wenn man in fremder Umgebung erhebliche Probleme hat, sich zurechtzufinden. Zum Beispiel man findet das Auto nicht mehr auf dem Parkplatz im Einkaufszentrum oder im Hotel die Rezeption. Oder wichtige Absprachen werden häufiger vergessen. Das Besondere dabei ist, dass am Anfang der Erkrankung die Symptome nicht kontinuierlich bestehen.
Kann man sich vor der Alzheimer-Demenz schützen?
Nicht zu 100 Prozent. Es ist sicher schlecht zu rauchen, stark übergewichtig zu sein oder zu viel Alkohol zu trinken. Gut sind körperliche und geistige Aktivität in allen Lebensphasen. Alle anderen Präventionsmaßnahmen müssen individuell angepasst werden.
Gibt es eine vorbeugende Pille gegen Alzheimer-Demenz?
Ja, das kann es im Einzelfall geben. Ein Risikofaktor für AD ist zum Beispiel ein hoher Homozystein-Spiegel. Homozystein ist eine Aminosäure, die im Eiweißstoffwechsel anfällt. Den Spiegel kann man zum Beispiel mit Folsäure senken. Auch können Gefäßrisiko-Faktoren, etwa erhöhte Cholesterin- oder Blutzuckerwerte, mit Medikamenten gesenkt werden. Die Wirkung anderer präventiver Präparate, die vermarktet werden, ist unsicher. Das liegt auch an methodischen Schwierigkeiten, die Wirkung nachzuweisen.
Gibt es Methoden, herauszufinden, ob ich ein erhöhtest Risiko habe, AD zu bekommen?
Es gibt dafür genetische Untersuchungen des Bluts. Das sollte aber überlegt gemacht werden, also wenn ein begründeter Hinweis vorliegt, denn es ist lediglich ein Risikofaktor. Ein erhöhtes Risiko heißt ja nicht, dass man tatsächlich AD bekommt. Im Rahmen eines Vorsorgeprogramms, wie es das ISPG in Mannheim anbietet, wird diese Blutuntersuchung für ab 50-Jährige angeboten. Gesund leben kann man natürlich schon vorher.
Was sollte man bei einem festgestellten, erhöhten Risiko tun?
Mit einer individuellen Therapie kann der Ausbruch der Krankheit verhindert oder hinausgeschoben werden. Zum Beispiel könnte weiter untersucht werden, ob sich im Gehirn bereits Beta-Amyloid abgelagert hat. Die Wissenschaft geht davon ab, dass dieses Eiweiß der Grund für die Krankheit ist. Sollte es bereits Ablagerungen geben, können Medikamente verhindern, dass sich Beta-Amyloid weiter ablagert. Somit wird das Fortschreiten der Krankheit verhindert.
Interview: Doreen Reber
Zur Sache: Das ISPG
Das Institut für Studien zur psychischen Gesundheit (ISPG) wurde 2006 gegründet und ist laut Homepage ein Forschungsinstitut in freier Trägerschaft. Ihm angeschlossen ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis. Leiter des ISPG und Psychotherapeut Professor Dr. Georg Adler, zudem sind dort Medizinern, Psychologen und Studienassistenten tätig. Darüber hinaus gehören wissenschaftliche Hilfs- und Nachwuchskräfte sowie Mitarbeiter aus unterschiedlichen Fachbereichen zum Institut. Das Ziel des ISPG ist es nach eigenen Angaben, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und therapeutische Ansätze zu fördern. Thematischer Schwerpunkt ist die Früherkennung, Vorbeugung und Behandlung von Gedächtnisstörungen, Demenzerkrankungen und anderen Beeinträchtigungen der geistigen Fähigkeiten. Kooperationspartner ist neben Organisationen aus dem Gesundheitswesen die Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz. Georg Adler ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft.
Anfang 2020 startet das ISPG Mannheim zusammen mit der Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz eine Studie mit Personen, die das genetische Risiko haben, an Alzheimer-Demenz zu erkranken. Diese Personen werden zwei Jahre lang verschiedene präventive Maßnahmen durchlaufen und dabei begleitet. Dafür werden Sponsoren gesucht.
Termin
Unter dem Titel „Alzheimer – Schicksal?“ referiert Professor Dr. Georg Adler am Montag, 25. November, 19 Uhr, im Evangelischen Gemeindehaus in Schauernheim über diese Krankheit. Infos gibt es bei Beate Özer unter Telefon 06231/98585.