Rhein-Pfalz Kreis Wohnraum für 20 000 Menschen

Der Architekt hat die Mannheimer Hochhäuser am Neckar und viele andere Bauten entworfen.
Der Architekt hat die Mannheimer Hochhäuser am Neckar und viele andere Bauten entworfen.

«OBRIGHEIM.» Die drei sternförmigen Hochhäuser am Neckarufer prägen die Skyline von Mannheim, im Stadtteil Vogelstang gibt es Wohnhäuser für 20.000 Menschen. Geplant wurden diese Siedlungen und viele andere Großprojekte vom Architekten Einald Sandreuther, der seit 1972 im Obrigheimer Ortsteil Albsheim lebt. Vor Kurzem wurde der Planer 85 Jahre alt.

Sandreuther, der 1934 in der Ludwigshafener Gartenstadt geboren wurde, zögert, dann sagt er es doch: „Es war quasi mein Glück, dass nach dem Krieg so viel kaputt war in Deutschland.“ Seine Karriere habe er dem Wiederaufbau zu verdanken. Etwas Neues zu schaffen, hat der Sohn des Architekten Konrad Sandreuther von der Pike auf gelernt. 1949 ging er bei einem Schreiner in die Lehre. „Ich habe noch gelernt, aus einem Baumstamm ein Fenster zu machen“, erklärt Sandreuther, der Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA) ist, in den man nur durch Empfehlung aufgenommen wird. Den größten Teil seines Lebens hat er am Reißbrett zugebracht. Zig Großsiedlungen hat Sandreuther, der lange in leitender Position bei dem Wohnungsbauunternehmen Neue Heimat war, maßgeblich geplant, vornehmlich in Baden-Württemberg: den Freiburger Stadtteil Landwasser, Siedlungen für tausende Menschen in Karlsruhe und Heidelberg. Die größten Projekte mit einem Investitionsvolumen von jeweils einer halben Milliarde Mark waren der Mannheimer Stadtteil Vogelstang (1964 bis 1974), und von 1975 bis 1982 die Neckaruferbebauung in der Quadratestadt. „Als freier Architekt hätte ich solche Aufträge nie bekommen“, sagt Sandreuther, der in Spitzenzeiten Vorgesetzter von rund 50 Mitarbeitern in der Mannheimer Außenstelle der Neuen Heimat war. „Ich bin nicht der Schnellste, aber vielleicht der Gründlichste. Geht nicht, gibt es bei mir nicht“, sagt er über sich selbst. Winfried van Aaken, der bis 2014 Kreisgruppenvorsitzender des BDA Mannheim war, bestätigt: „Ich weiß noch, dass er sich zum Beispiel sehr intensiv mit der Fassade der Hochhäuser am Neckarufer beschäftigt hat.“ Die Planung der drei sternförmigen, 30-stöckigen Bauten an der Neckarpromenade sei spannend gewesen, meint Sandreuther. „Ursprünglich sollten sie 50 Etagen haben, aber ich habe die Stadt davon überzeugen können, dass man dann in den oberen Wohnungen die Fenster nicht mehr öffnen könnte.“ Für den Großauftrag flog er auch in die Schweiz, um Versuche im Windkanal zu machen. Laut Van Aaken hat Sandreuther Anfang der 1960er-Jahre für den Architekten Carlfried Mutschler auch die gläserne Pfingstbergkirche in Rheinau geplant. Auch der Berliner Platz in Ludwigshafen sei sein Werk. Doch auch bei etlichen kleineren Objekten hat sich Sandreuther, der (Bundes-)Wettbewerbe gewann und mehrfach ausgezeichnet wurde, verwirklicht. Unter anderem plante er in Obrigheim die Umgestaltung der alten Volksschule zum Bürgerhaus sowie den Neubau von Kita und Feuerwehrgerätehaus. „Ich habe nur ein einziges Privathaus entworfen. Das steht in Bockenheim“, erzählt der Architekt, der auch Pläne der Krausmühle erstellte, die er 1970 kaufte, sanierte und zwei Jahre später bezog. Erst 1986 machte er sich als freier Architekt selbstständig. Nebenbei beschäftigte sich Sandreuther mit noch kleineren Dingen: Schon während er in Kaiserslautern Innenarchitektur studierte, begann er „kreativen Nonsens“ zu produzieren. Etwa zwei reliefartige Bilder, in die Teile von Damenschuhen und Netzhemden integriert wurden. „Manche Leute reden von Kunst. In meinen Augen ist es das nicht“, winkt der Senior ab. Er schaut aus einem Fenster seiner Krausmühle, deren bislang ältester von ihm gefundener Stein von 1723 ist, und deutet auf ein Objekt im Garten. Es ist ein ausgedienter Betonmischer am Stiel. Mit roter Farbe und der richtigen Ausrichtung ist das Baugerät zu einem dekorativen, einer Tulpe ähnlichem Riesenbeetschmuck geworden. Damit Natur eine Chance hat, erwarb er 1,5 Hektar der Talaue zwischen Albsheim und Asselheim. „Ich habe das Gelände zum Biotop erklären lassen und es damit gerettet.“ Beklemmend wirkt der Folterstuhl, den er sich ausgedacht hat: Setzen soll man sich auf eine Mistgabel und anlehnen an eine Drummsäge, deren Zacken nach oben zeigen. Auf diesem Freischwinger könne man es sich gefahrlos bequem machen, versichert Sandreuther und macht es vor. Die Sitzfläche geht hinten hoch, sodass sich die Zinken der bedrohlichen Forke nach unten neigen. Auf die Armlehnen sollte man sich dennoch nicht stützen. Könnte weh tun.

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