Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Wichtiges Werk über Glaubensräume im Kreis aufgelegt

Sechs der elf Autoren waren bei der Eröffnung dabei. Das Bild zeigt: (hinten, von links) Anke Sommer, Frank Sommer, Kulturbürole
Sechs der elf Autoren waren bei der Eröffnung dabei. Das Bild zeigt: (hinten, von links) Anke Sommer, Frank Sommer, Kulturbüroleiter Paul Platz, Oliver Bentz und Sebastian Arnold; (vordere Reihe, von links) Karin Bury, Hanns Hubach und Landrat Clemens Körner.

Ein Buch, das geschrieben werden musste. Unter dem Titel „Räume des Glaubens – Sakrale Räume im Rhein-Pfalz-Kreis“ wird das Wissen um Glaubensstätten im Kreis bewahrt.

Es ist ein Mammutwerk, das der Rhein-Pfalz-Kreis an diesem Dienstagnachmittag in der protestantischen Lukaskirche in Birkenheide präsentierte, musikalisch umrahmt von Ensemble „La Rosa Enflorece“. Schwergewichtig in mehrfacher Hinsicht – an Bedeutung und an Ausmaß. Länge mal Breite ist es größer als DIN A4 und über vier Zentimeter dick. Und: „Fast vier Kilo schwer“, verkündete Landrat Clemens Körner (CDU) stolz, als wäre er Vater geworden. Und natürlich war es ein Wunschkind, auf dessen Ankunft er fast sechs Jahre warten musste. Umso größer die Erleichterung, dass das freudige Ereignis der Veröffentlichung noch vor seiner Pensionierung gefeiert werden konnte.

Das Buch „Räume des Glaubens – Sakrale Räume im Rhein-Pfalz-Kreis“ ist ein beachtliches Kompendium geworden – die perfekte Lektüre für Körners bevorstehende Pension. Auch wenn es mit Sicherheit keine Bettlektüre ist, dafür ist es einfach zu riesig. „Ich bin mir sicher, dass das Buch im Volksmund bald ,Heiliger Backstein’ genannt wird“, scherzte er.

„Wir wollten mehr“

Da hat sich der Landrat auf jeden Fall etwas Großes gewünscht. Damals, als er ein ähnliches Werk im Archiv des Rhein-Neckar-Kreises zusammen mit Paul Platz, Leiter des Kulturbüros des Rhein-Pfalz-Kreises, entdeckte. So etwas muss es auch für unseren Kreis geben, da waren sich beide einig gewesen. Einfach kopieren wollte man das Buch jedoch nicht. „Wir wollten mehr“, sagte Körner. Und der Anspruch hat sich gelohnt.

2019 gab der Landrat das Werk in Auftrag. Es sollte eine wissenschaftlich fundierte, verständliche Publikation für ein breites Publikum werden. Elf Autoren und ein Fotograf fanden sich. Sie brachten sowohl historisches als auch kunstgeschichtliches Wissen mit und waren mit der Region sowie dem religiösen Umfeld vertraut. Das Team habe viel diskutiert, erzählt Paul Platz, der die Federführung in der Sache übernahm. „Es war ja nicht von vornherein klar, wie das Buch aussehen soll.“ Dann kam die Corona-Pandemie. Die Arbeit musste für zwei Jahre unterbrochen werden, einige Autoren verließen aus verschiedenen Gründen das Team. Nach der Zwangspause gestaltete sich die Wiederaufnahme fast wie ein Neubeginn. In den letzten zwei Jahren vor der Veröffentlichung nahm das Buch mehr und mehr Gestalt und Ausmaß an. Der Umfang der eingereichten Beiträge näherte sich fast den 1000 Seiten. Nun umfasst das Werk „Räume des Glaubens“ knapp 650 Seiten.

Gut lesbar

Entstanden ist eine umfassende Dokumentation von etwa 120 Räumen im Rhein-Pfalz-Kreis, in denen der Glaube an verschiedenen Konfessionen und Weltanschauungen gelebt und praktiziert wird. Das sind nicht nur Kirchen, es sind auch Moscheen, Gebetsräume, Friedhofskirchen, Trauerhallen, Kapellen und Einsegnungshallen beleuchtet worden.

Das Werk ist eine akribische Bestandsaufnahme. Die einzelnen Beiträge sind in sich abgeschlossen und auch ohne umfangreiches Fachwissen gut zu lesen. Zu Anfang widmen sich zwei Kapitel der Geschichte und Entwicklung des Kirchenbaus im Rhein-Pfalz-Kreis. Danach werden 25 Gemeinden in eigenen Kapiteln gewürdigt, wobei nicht nur die erhaltenen, sondern auch die verschwundenen sakralen Stätten dokumentiert werden. Jede Darstellung folgt einem Schema – von der Planungsgeschichte, über Grundrisse bis zur detaillierten Analyse von Außen- und Innenarchitektur, von Altären und Kanzeln über Orgeln bis zu den Kunstwerken. Und alles ist reich bebildert.

Räume gehen verloren

Doch das Kompendium befasst sich nicht nur mit der bloßen Baugeschichte. Es widmet sich ebenso den Menschen, die diese Räume gestalteten: den weitsichtigen Geistlichen, den Architekten und Künstlern, den Gemeindemitgliedern als Stiftern und Erbauern. Fundiert auf umfassender Archivrecherche – vom Lorscher Codex über Widders und Freys historische Beschreibungen bis zu zeitgenössischen Festschriften – ist ein vielschichtiges Panorama entstanden.

„Sakralräume sind Ankerstätten im schnell rotierenden Lebenslauf“, sagte Anke Sommer in ihrer Rede, hier wird getauft, die Kommunion empfangen, geheiratet und das letzte Geleit gegeben. Die promovierte Kunst- und Bauhistorikerin war Teil des Autorenteams und befasst sich beruflich mit dem Bestand der katholischen Kirchen. Mit Sorge, fast schon pessimistisch, blickt sie auf diese. „Sakrale Räume verlieren an Bedeutung. Die junge Generation hat immer weniger Interesse an der Gemeinschaft in dieser Form“, klagte sie. Der in dem Werk dokumentierte Stand werde in nicht allzu ferner Zukunft verloren sein. Insofern sei diese Dokumentation auch ein Akt gegen das Vergessen und eine Würdigung der Arbeit der Menschen, die die Orte des Glaubens mit viel Herzblut, Einsatz und auch Opfer erschaffen haben.

Vielfalt an Konfessionen

Die erfassten Gebäude und Stätten wiesen hier bei uns in der Region eine große Vielfalt auf, erläuterte Mitautor Frank Sommer, promovierter Ethnologe und Geologe. Das habe historische Gründe: Unsere Region war von jeher Kreuzungspunkt bedeutender europäischer Verkehrsadern und mit ihren fruchtbaren Böden und dem milden Klima Schauplatz etlicher Konflikte. Daraus entstand aber auch eine bemerkenswerte konfessionelle Durchmischung.

Aus der Recherche haben die Autoren auch persönlich viel mitgenommen. So war Mitautor Sebastian Arnold, selbstständiger Bausachverständiger, fasziniert von den sehr aktiven Gemeinschaften der Freikirchen. „Dort habe ich gelebte Kirche erlebt. Und das mit einer wachsenden Gemeinde.“ Das sei für ihn als Katholik eine interessante Erfahrung gewesen.

Kuriose Anekdoten

Karin Bury, Malerin und promovierte Kunsthistorikerin, berichtete von überraschenden „Beifängen“ bei der Recherche. Etwa die Geschichte vom Pfarrer Carl Theodor Schultz der Waldseer Gemeinde St. Martin: Er war nicht nur ein sehr erfolgreicher Hobbymaler. Er erkannt schon vor etlichen Jahrzehnten, dass man mehr Leute im Fernsehen erreicht, und sprach das Wort zum Sonntag. Und wer hätte gedacht, dass der Bildhauer der Kreuzigungsgruppe in der Schifferstadter Jakobuskirche auch den Bambi entworfen hat – jenen bekannten Deutschen Fernsehpreis. Sein Name ist Emil Sutor.

Auch diese kleinen Anekdoten kann der Leser im Buch entdecken. Es ist für 60 Euro im Buchhandel erhältlich. Als digitale Version ist das Kompendium noch nicht geplant. So wäre es als Bettlektüre wohl besser geeignet. Nun muss sich der Landrat wohl einen Ambo ans Bett stellen. Es wäre auf jeden Fall eine würdige Ablage für dieses Meisterwerk, das für den Rhein-Pfalz-Kreis auf jeden Fall gefehlt hat.

Die Freude war bei Kulturbüroleiter Paul Platz groß, als er zur Eröffnung den Kuchen anschneiden durfte.
Die Freude war bei Kulturbüroleiter Paul Platz groß, als er zur Eröffnung den Kuchen anschneiden durfte.
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