Böhl-Iggelheim RHEINPFALZ Plus Artikel Streichelzoo im Altersheim: „Tiere können Brücken bauen“

Hans-Jürgen Rhein (hinten) aus dem Odenwald war mit seinem mobilen Streichelzoo zu Gast im Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim.
Hans-Jürgen Rhein (hinten) aus dem Odenwald war mit seinem mobilen Streichelzoo zu Gast im Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim.

Kaninchen auf dem Tisch, ein Schaf auf dem Flur: Beim Besuch des mobilen Streichelzoos im Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim eroberten die Tiere die Herzen der Bewohner.

Weil das Grünzeug sich nicht so leicht von der Karotte lösen lässt, schleudert Lotte das Gemüse kurzerhand herum. Im nächsten Moment fliegt die Möhre im hohen Bogen ins Gesicht einer Bewohnerin. Ärger bekommt Lotte deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Die Getroffene muss herzlich lachen.

Lotte ist ein Schaf der Rasse Ouessant, der kleinsten Schafrasse Europas. Lotte ist gemeinsam mit rund 30 Kaninchen, einem Hund und drei Meerschweinchen an diesem Donnerstagmorgen zu Besuch im Seniorenzentrum Böhl-Iggelheim. Die Tiere gehören zum mobilen Streichelzoo von Hans-Jürgen Rhein aus Falken-Gesäß im Odenwald. Mit diesem fährt er in Altersheime, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, Hospize oder auch Kindergärten.

Entspannt streicheln lassen

„Ich mache das Ganze schon 25 Jahre“, sagt Rhein. Die Tiere hält er auf seinem Bauernhof so, wie man es vor 50 Jahren noch kannte – artgerecht und mit viel Freilauf. „Tierschutz ist mir ein großes Anliegen“, bekräftigt er. Und auch beim Einsatz im Seniorenzentrum hat er das Wohl der Tiere stets im Blick. Diese machen allerdings einen sehr entspannten Eindruck. Die Kaninchen hoppeln gemächlich über den mit Malervlies abgedeckten Tisch. Manche mümmeln genüsslich an einer Karotte, während andere sich bei den um den Tisch sitzenden Senioren Streicheleinheiten abholen.

Hündin Caramella ließ sich bereitwillig streicheln.
Hündin Caramella ließ sich bereitwillig streicheln.

Mittendrin sitzt die siebenjährige Hündin Caramella. „Meine kleine Stalkerin“, wie Hans-Jürgen Rhein schmunzelnd verrät. Denn die Cavalier-King-Charles-Spaniel-Dame möchte stets wissen, wo ihr Herrchen ist. Und während sie ihn genau beobachtet, lässt sie sich bereitwillig von den älteren Damen und Herren berühren. Bei einer Frau fühlt sie sich besonders wohl: Sie legt sich hin und schließt kurz die Augen.

„Der Streichelzoo ist schon zum dritten Mal hier“, sagt Inken Zeise, Leiterin Soziale Betreuung im Seniorenzentrum. „Tiere kommen generell gut an“, weiß sie. „Das hat etwas von zu Hause von früher, weil viele selbst Tiere hatten oder auf dem Bauernhof groß geworden sind“, erklärt Zeise. Gerade bei dementen Bewohnern lasse sich ein positiver Effekt erkennen. „Sie fangen direkt an zu strahlen und erzählen dann auch ein bisschen mehr.“

Plötzlich wird erzählt

„Die Tiere bauen Brücken“, ist auch Hans-Jürgen Rheins Erfahrung. Immer wieder erlebe er, dass Menschen, die schon lange nicht mehr gesprochen haben, plötzlich etwas sagen. Oder dass Patienten, die kaum noch etwas von der Außenwelt wahrzunehmen scheinen, ihre Hände nach den Tieren ausstrecken. „Teilweise bin ich heute noch zu Tränen gerührt, was da passiert“, sagt der Odenwälder.

Auch an diesem Morgen sind genau solche Momente zu beobachten. So sitzt etwa eine Dame etwas abseits in ihrem Rollstuhl. Ihr Blick geht ins Leere, und sie reagiert kaum auf Ansprache. Doch ihre Finger fahren behutsam durch das weiche Fell eines jungen Kaninchens, das auf ihrem Schoß sitzt. Eine andere ältere Frau, die ebenfalls an fortgeschrittener Demenz leidet, ist jedes Mal sichtlich bewegt, wenn Hündin Caramella sich zu ihr gesellt und sich von ihr streicheln lässt. Einzelne Tränen laufen ihr übers Gesicht, und gelegentlich versucht sie, ihre Freude auch verbal auszudrücken. „Ich freue mich so für die Bewohner“, bemerkt Pflegedienstleiterin Sylvia Winkler. Kurz zuvor hat sie mit Schaf Lotte eine Runde durchs Haus gedreht, um auch bettlägerige Menschen an dem Besuch teilhaben zu lassen. Die Bewohner hätten durchweg positiv reagiert, sagt Winkler. „Eine Frau hat sich sogar von allein aufgesetzt“, berichtet die Pflegedienstleiterin überrascht. Das mache die Dame in der Regel nicht. „Die Leute, die sonst in ihrer eigenen Welt sind, waren auf einmal da“, freut sie sich. Und sie ist überzeugt: „Bei manchen, die ein bisschen depressiv sind, wirkt es total stimmungsaufhellend.“

Erinnerungen an die Jugend

Doch natürlich gibt es im Seniorenzentrum nicht nur Menschen mit Demenz. Auch für alle anderen sind tierische Besuche wie der des Streichelzoos ein Highlight. „Man wird wieder an die Jugend erinnert“, sagt Paula Größer. Die 88-Jährige, die sich auch im Heimbeirat engagiert, lobt, dass in der Einrichtung viel angeboten werde. Sie selbst hat ein Kaninchen-Jungtier auf dem Arm. „Dem gefällt's da“ ist ihr Eindruck. In Versuchung, das Tier zu behalten, gerät sie jedoch nicht. „Ich habe keinen Platz“, erklärt Paula Größer lachend.

Mit dabei war auch Schaf Lotte, die zuvor eine Runde über die Flure gedreht hatte.
Mit dabei war auch Schaf Lotte, die zuvor eine Runde über die Flure gedreht hatte.

Für Gudrun H., die erst vor zwei Monaten aus Altersgründen ins Seniorenzentrum gezogen ist, sind Aktionen wie diese sehr wichtig. „Der Alltag ist sonst doch ziemlich trist“, sagt sie. Deshalb wisse sie es zu schätzen, dass die Mitarbeiter sich immer wieder um Abwechslung bemühten. Über die tierischen Besucher freut sich die 88-Jährige sehr. „Ich bin auf dem Land groß geworden“, berichtet sie. „Meine Eltern haben alles an Tieren gehabt.“ Normalerweise wären bei der Stippvisite in Iggelheim noch mehr Tierarten vertreten gewesen. „Wenn es die Vorschriften erlauben, habe ich auch Hühner dabei, die auf den Finger gehen“, sagt Hans-Jürgen Rhein. Doch wegen der Vogelgrippe-Einschränkungen mussten diese daheimbleiben. Ebenso ein Minischwein, das wegen der Schweinepest-Auflagen derzeit Reiseverbot hat.

Genug streichelnde Hände hätte es für diese Tiere noch gegeben. Denn die Vierbeiner lockten nicht nur die Bewohner aller Wohnbereiche nach und nach in den Gemeinschaftsraum, sondern auch viele Mitarbeitende der Einrichtung. Die verliebten Blicke des Personals fielen auch Inken Zeise auf. Scherzhaft kündigte sie deshalb an: „Ich mache nachher eine Taschenkontrolle!“

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