Speyer / Otterstadt / Waldsee
Sind Busse virenfreie Zonen?
Montag, kurz vor zehn Uhr am Busbahnhof in Speyer. Achtundzwanzig Grad zeigt die Wetteranzeigetafel an, die Luft scheint förmlich zu stehen, und vom Bus der Linie 572 in Richtung Rheingönheim ist noch weit und breit nichts zu sehen. Auch von Fahrgästen fehlt jede Spur. Einzig Rosemarie Henschel sitzt auf einer Bank an Steig 10 , die mittlerweile obligatorische Einwegmaske hängt unter ihrem Kinn und wartet auf ihren Einsatz. „Ob ich Angst habe, mich beim Busfahren mit Corona anzustecken? Sicherlich nicht, dafür gibt es doch die vielen Hygienemaßnahmen“, sagt die 82-Jährige und deutet auf ihren Mundschutz. Und überhaupt, bei wem genau solle man sich hier auch anstecken?
Erst vor, dann zurück
Dieser Einwand bestätigt sich, als wenig später der Bus auftaucht, noch immer sind keine weiteren Gäste da. Rosemarie Henschel, die auf dem Rückweg von einer Familienfeier ist, wuchtet ihren Koffer erst zur vorderen Tür des Busses, wird dann allerdings durch wilde Handbewegungen des Busfahrers darauf hingewiesen, dass der Einstieg nur durch die hintere Bustür möglich ist. Sie schleppt ihr Gepäck wieder einige Meter zurück. „Ich fahre gerne Bus, das habe ich mein Leben lang gemacht. Und auch in der Corona-Krise hatte ich nie Bedenken. Was mich allerdings stört, ist genau das: Es fehlt in diesen Zeiten an Aufklärung, wie man die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen soll“, sagt Henschel. Dies fange damit an, dass man bei manchen Bussen weiterhin beim Fahrer einsteigen könne, und bei anderen der Einstieg aus Sicherheitsgründen ausschließlich hinten erlaubt sei. „Ich weiß bis heute nicht, was ich machen soll, wenn ich meine Fahrkarte nicht vorne beim Fahrer lösen kann. Ich habe kein Handy und keine Mehrfachfahrkarte. Jetzt war es schon öfters so, dass ich eigentlich mit dem Bus von Otterstadt nach Speyer fahren wollte, aber keine Möglichkeit fand, ein Ticket zu kaufen. Und weil der vordere Teil der Busse oft abgesperrt ist, konnte ich nicht einmal den Busfahrer fragen. Da ich ohne Ticket nicht fahren möchte, bin ich dann nicht in den Bus eingestiegen“, sagt die 82-Jährige.
„Nicht an Ältere gedacht“
Sie habe sogar schon beim Verkehrsbund Rhein-Neckar angerufen, um zu erfahren, wie sie an eine Fahrkarte kommen könne, habe dort aber nie jemanden erreicht. „Das finde ich wirklich schade. Ich habe das Gefühl, hier wird nicht an die ältere Generation gedacht, die Fahrkarten nicht über das Handy lösen und sich nicht im Internet informieren kann“, sagt Henschel. Die Lust am Busfahren habe ihr das allerdings nicht genommen, erklärt die Seniorin, während der Bus über die Felder in Richtung Otterstadt tuckert. „Im Gegenteil, ich wüsste nur zu gerne, wie ich an Fahrkarten komme, denn Busfahren ist eine Dienstleistung, die bezahlt werden muss“, findet die 82-Jährige.
„Lauf der Dinge“
Einige Haltestellen später, Henschel hat den Bus mittlerweile verlassen und die Personenanzahl innerhalb des Fahrzeugs von drei auf zwei reduziert, steigt ein Mann mittleren Alters zu. Die Stoffmaske passend zum T-Shirt in dunklem Blau will auch er zunächst durch die Fahrertür einsteigen. Als ihm dies verwehrt bleibt, betritt er das Fahrzeug durch die Hintertür. „Also um den nötigen Sicherheitsabstand muss man sich hier nicht sorgen,“ stellt er fest, und setzt sich auf eine der blau gemusterten Bänke. „Ich bin ehrlich gesagt eher darüber verwirrt, dass man bei manchen Bussen ganz normal vorne einsteigen kann und bei anderen nicht. Die Regel, die dahinter steckt, habe ich noch nicht durchblickt“, sagt der Mann. In Bussen habe er vor Corona weniger Angst als in so mancher Fußgängerzone. Doch die beinahe gespenstische Leere habe, so schaltet sich der Busfahrer mit kräftiger Stimme ins Gespräch ein, weniger mit Corona, als mit den aktuellen Temperaturen und der Ferienzeit zu tun. „Alles ganz normal. Selbst während der Hoch-Zeit der Pandemie hatten wir weiterhin Fahrgäste, die Menschen sind eher von der stickigen Luft als von Viren abgeschreckt“, sagt der Busfahrer. Spätestens, wenn die Schule beginne, wäre es wieder vorbei mit der Leere in den Bussen, ist er sich sicher. „Das ist der Lauf der Dinge jedes Jahr, und hat tatsächlich nichts mit Corona zu tun“, macht er deutlich.