Rhein-Pfalz Kreis Rocker-Boss spricht übers Hinterzimmer

Frankenthal. Er steht, sitzt und läuft entschieden breitbeinig. Die meisten anderen Menschen überragt er etwa um Haupteslänge, und sein Kapuzenshirt wölbt sich über einen massigen Oberkörper – der Rocker-Boss sieht nicht aus wie jemand, der leicht einzuschüchtern ist. Doch für seine Zeugenaussage hat er jemanden mitgebracht, der auf ihn aufpasst: einen Anwalt aus Köln, der neben seinem Mandanten zum Männlein schrumpft und wenig sagen wird. Aber das an entscheidender Stelle.
Einstweilen allerdings geht es um Unverfängliches: um die Personalien des Zeugen. Alter: 47 Jahre, Beruf: Maler und Lackierer, Wohnort: seit ein paar Jahren im Rhein-Pfalz-Kreis. Außerdem wichtig: Der Mann mit sehr kurzen und ergrauten Haaren ist seit 20 Jahren bei den Gremium-Rockern. Und seit zwölf Jahren steht er als „President“ an der Spitze ihrer Mannheimer Ortsgruppe. Das scheint prestigeträchtig, da es die älteste überhaupt ist. „First Gang“, haben die Rocker stolz auf ihre Internet-Seite geschrieben und das Gründungsjahr ihres Vereins dazugesetzt: 1972.
In der laufenden Prozess-Serie allerdings stehen vor allem Mitglieder des Landauer Gremium-Ablegers vor Gericht. Doch auch einer aus der Mannheimer Truppe ist in die Fänge der Ermittler geraten. Seit Mitte Februar drückt er deshalb in Frankenthal die Anklagebank. In Drogen- und illegale Waffengeschäfte soll er verwickelt sein, behauptet ein Aussteiger (wir berichteten). Ein Industriegelände im Rhein-Pfalz-Kreis spielt dabei eine wichtige Rolle. Dort hat der Angeklagte einen kleinen Getränkehandel betrieben – ganz in der Nähe des Mannheimer Ober-Rockers.
Der residiert in einem Wohnhaus auf demselben Areal, steht nun breitbeinig als Zeuge vor der Richterbank, deutet auf Fotos und erklärt, wie man aufs Grundstück kommt. Dann stapft er – den Aufpasser immer an seiner Seite – zurück zu seinem Stuhl und erklärt mit kratzig-rauchiger Stimme, wie alles miteinander zusammenhängt. Um 2011 herum hatte er demnach die Idee, dass der Club seine Getränke unter einer eigenen Marke vertreiben könnte. Mit einer hessischen Brauerei wurde man handelseinig. Doch es fehlte ein Lager, von dem aus verschiedene Gremium-Filialen versorgt werden konnten.
Während einer seiner Kameraden im Zuschauerraum alle paar Sekunden den Rotz hochzieht, erläutert der Rocker-Boss, was wichtigstes Kriterium bei der Raumsuche war: „Es darf am besten nix kosten.“ Denn zu einem echten Kassenschlager, so deutet er an, ist die Gremium-Getränkelinie nie geworden. Schließlich überließ ihm sein eigener Vermieter zwei Nebenzimmer der großen Halle.
In den vorderen Raum, sagt der „President“, wurden Getränke gepackt. Und der hintere – wurde eigentlich nicht genutzt. Der Hauptzeuge der Gremium-Prozesse allerdings erzählt über diese Kammer andere Sachen: Sie sei wunderbar leicht auszuspritzen, werde deshalb für Strafaktionen benutzt. Das will der Aussteiger von Club-Mitgliedern gehört haben. Ermittler wiederum haben dort bei einer Durchsuchung ein knappes Kilo Amphetamin gefunden.
Dieser Drogen-Batzen ist einer der Gründe, warum der Kamerad des Ober-Rockers angeklagt ist: Er war für das Getränkedepot verantwortlich. Doch mit dem brisanten Zeug will er nichts zu tun haben. Sein „President“ springt ihm als Zeuge bei: Die Tür zum Lager sei nicht abschließbar gewesen. Anders gesagt: Jedermann hätte dort etwas deponieren können. Als der Richter trotzdem nachhakt, kommt der Moment des Aufpassers: Der Anwalt aus Köln erklärt, dass sein Mandant dazu nicht mehr sagen wird. Denn niemand muss sich vor Gericht selbst belasten. Auch nicht ein breitbeinig dasitzender Chef-Rocker.