Rhein-Pfalz Kreis „Nur wenigen steht ein Ausweis zu“

Der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte Holger Voll muss sich an ein klares Regelwerk halten und kann nicht allen helfen.
Der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte Holger Voll muss sich an ein klares Regelwerk halten und kann nicht allen helfen.

«Bobenheim-Roxheim.» Wie beantrage ich einen Schwerbehindertenausweis? Steht mir eine Genehmigung zum Parken auf Behindertenstellplätzen zu? Fragen, bei denen sich Bobenheim-Roxheimer seit einem Jahr an Holger Voll wenden können. Er ist ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter.

Voll weiß aus eigener Erfahrung, was Menschen mit Behinderung bewegt. Mit neun Jahren wurde er in Bobenheim-Roxheim von einem Lastwagen angefahren. Beide Beine mussten ihm amputiert werden. Seither trägt er Prothesen. „Es war mir wichtig, dass das Amt jemand macht, der betroffen ist“, betont Voll. Nach dem Motto: nicht über uns, sondern mit uns. Als SPD-Gemeinderatsmitglied hat er die Idee, einen Behindertenbeauftragten einzusetzen, selbst in die Verwaltung getragen. Und ist dort auf offene Ohren gestoßen, wie er erzählt. Dass Bedarf da ist, zeigt die Resonanz auf seine Sprechstunde, die er im Rathaus anbietet. „Fast zehn Prozent der Bundesbürger haben einen Schwerbehindertenausweis“, sagt Voll. Auf Bobenheim-Roxheim übertragen seien das rund 1000 Betroffene. Das seien nicht alles Rollstuhlfahrer – das Bild, das den meisten Menschen beim Wort Behinderter als erstes in den Kopf komme. Die meisten Behinderungen seien nicht sichtbar, sagt Voll. Menschen, die beispielsweise aufgrund von Erkrankungen Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Als Behindertenbeauftragter ist er Ansprechpartner und Ratgeber. Er unterstützt Menschen, die einen Schwerbehindertenausweis beantragen wollen und klärt, ob sie dafür berechtigt sind; gleiches gilt für Ausweise für Behindertenstellplätze. „Vor allem viele Ältere, die nicht mehr gut laufen können, wollen so einen Ausweis“, sagt Voll. Oft muss er Menschen, die auf der anderen Seite seines Schreibtischs sitzen, enttäuschen. Denn: „Es ist nur eine kleine Gruppe, die Anspruch auf so einen Ausweis hat“, sagt der 46-Jährige. Ein großer Teil der Anliegen in seiner Sprechstunde handele sich um das Verstehen von amtlichen Schreiben. „Die meisten Bürger verstehen so einen Brief nicht. Denn diese sind juristisch einwandfrei, aber unverständlich geschrieben“, weiß Voll. Die Kenntnisse für seine ehrenamtliche Tätigkeit bringt er aus seinem Beruf mit. Der Betriebswirt arbeitet bei der Deutschen Bundesbank in Mainz. Seit zwölf Jahren ist er dort Gesamtschwerbehindertenvertreter; seit fünf Jahren ist er für diese Aufgabe freigestellt. „Was ich im betrieblichen Alltag mache, kann ich jetzt in die Gemeinde einbringen“, sagt Holger Voll, der mit seiner Frau und zwei Katzen in Roxheim lebt. Zwei bis drei Stunden „kostet“ ihn das Ehrenamt pro Woche. Zwar hat er für alle ein offenes Ohr, helfen kann er aber nicht jedem. Denn wer als schwerbehindert gilt und wem Leistungen zustehen, das ist klar geregelt. „Manchmal ist jemand nach eigener Ansicht schwerbehindert, aber nach der Tabelle eben nicht“, sagt Voll und ergänzt: „Das ist manchmal hart.“ Dann bleibe ihm nur, den Leuten die Sachlage zu erklären – helfen könne er nicht. „Man darf den Menschen keine falschen Hoffnungen machen.“ Holger Voll, einst Sitzballspieler, möchte einen kommunalen Aktionsplan für Bobenheim-Roxheim auf den Weg bringen; auf Bundes- und auf Landesebene gibt es solche Pläne schon. Ein erster Schritt dafür sei eine Bestandsaufnahme, bei der Betroffene und Verbände wie der VdK eingebunden werden sollen: Wie ist die Situation für Behinderte in der Gemeinde? Wie viele barrierefreie Wohnungen gibt es, wie viele Behindertenparkplätze, wie viele öffentliche Toiletten? Aus seiner Erfahrung weiß Voll: Hier gibt es in Bobenheim-Roxheim noch Luft nach oben. Angefangen damit, dass die öffentliche Toilette am Altrhein nicht durchgängig geöffnet hat – für Betroffene mit entsprechenden Erkrankungen könne das ein Hindernis sein, das Haus zu verlassen, sagt Voll. „Auch die Bürgersteige sind ein Problem.“ Als Beispiel nennt er die Theodor-Heuss-Straße, wo der Gehweg äußerst wellig und stellenweise sehr schmal sei – keine guten Voraussetzungen für Rollstuhl- und Rollatorfahrer. „Ein Riesenärger sind die Bahnhöfe, nicht nur der in Bobenheim-Roxheim“, sagt der Behindertenbeauftragte. Er fährt regelmäßig mit dem Zug und steht des Öfteren vor kaputten Aufzügen. Zudem gebe es in Bobenheim-Roxheim zu wenig barrierefreien Wohnraum. In dem Aktionsplan zur Inklusion sollen Maßnahmen vorgeschlagen werden, wie Defizite in der Gemeinde behoben werden können. Das hat der Gemeinderat im Oktober beschlossen und eine Anschubfinanzierung von 3000 Euro bewilligt (wir berichteten). Nächste Woche werde für den Aktionsplan der Zeitplan festgelegt. Eines ist Voll wichtig: Betroffene sollen sich nicht für ihre Behinderung schämen. „Viele empfinden das als Makel“, weiß er. Deshalb sei bei einigen die Hürde hoch, zu ihm in die Sprechstunde zu kommen. „Aber alles ist absolut vertraulich“, betont er. Kontakt Sprechstunde von Holger Voll ist jeweils am zweiten und vierten Montag im Monat von 17 bis 18 Uhr im Rathaus, Zimmer 103. Während der Sprechstunde ist er unter Telefon 06239 939-1103 erreichbar; außerhalb dieser Zeit unter der Telefonnummer 0163 9153524 (Anrufbeantworter) oder per E-Mail an behindertenbeauftragter@bobenheim-roxheim.de .

x