Altrip / Niederkassel
Neue Fähre mit schlankem Aufbau
Jürgen Jacob kennt die Autobahn 61 mittlerweile sehr gut. Der Geschäftsführer der Rheinfähre Altrip GmbH hat sich in den vergangenen Monaten regelmäßig auf den Weg nach Norden gemacht. Die Gesellschaft braucht eine neue Fähre. Diese wird in Mondorf gefertigt, einem Stadtteil von Niederkassel im Rhein-Sieg-Kreis bei Bonn. Ein regelmäßiger Austausch mit den Verantwortlichen vor Ort ist daher notwendig. So sitzt Jacob auch an diesem schönen Frühlingstag im Auto und spult über 450 Kilometer herunter.
Etwa acht Millionen Euro kostet das neue Schiff. Im Oktober soll es seinen Dienst zwischen Altrip und Mannheim aufnehmen. Der Ersatz für die „Gerda“, wie das aktuell in Betrieb befindliche Schiff heißt, ist rund 54 Meter lang und etwa 14 Meter breit und damit größer als der Vorgänger. Vier Spuren sind vorgesehen für Fahrzeuge sowie Fußgänger und Radfahrer. Im Schnitt sollen 35 Autos und 250 Personen draufpassen. Zum Vergleich: Auf die „Gerda“ gehen gerade mal 21 Autos.
Kurzweilige Fahrt
Die rund zweieinhalb Stunden Fahrt sind kurzweilig. Jacob berichtet von der europaweiten Ausschreibung, auf die es zwei Angebote gegeben habe. Beide aus Deutschland, eins davon von der Lux-Werft. Täglich führe er etwa fünf Gespräche mit den Verantwortlichen bei der Werft. Und wenn es nur darum gehe, wo welche Schrauben hinkommen, meint er und lacht.
Im Januar 2018 sei der Startschuss für das Projekt erfolgt. Im Juli vergangenen Jahres war Baubeginn in Niederkassel. Jacob hat zwar die Navigation laufen, aber der Eindruck verfestigt sich, dass er den Weg mittlerweile auswendig kennt. „Ja klar, bei den Fahrten ist mittlerweile viel Routine dabei. Es ist für mich aber auch immer wieder spannend, wie sich die Fähre von Mal zu Mal verändert“, sagt Jacob.
Jacobs Schlenker
Er macht noch mal einen Schlenker. Nicht auf der Fahrbahn. Aber zurück zur europaweiten Ausschreibung. Er sei schon froh, dass die Lux-Werft den Auftrag bekommen habe. „Da kann ich einfach mal hinfahren.“ Es sei schon eine Ungewissheit dabei gewesen. „Bekommt eine Werft in Palermo den Auftrag? Oder wird das Schiff über einen Subunternehmer in der Türkei oder in Asien gebaut? Da haben wir schon ein bisschen geschwitzt“, gesteht er.
Die Nachfolgerin der „Gerda“ wird die dritte Rheinfähre bei Altrip sein. „Die erste Fähre ist heute noch im Einsatz. Bei Hamburg“, erläutert Jacob. Die „Gerda“ wolle er in den nächsten Wochen zum Verkauf anbieten.
Blick durchs Panoramafenster
Wir erreichen Niederkassel. Die Werft hat ihren Sitz im Stadtteil Mondorf. Der Rhein fließt passenderweise direkt hinter dem Gelände vorbei. Die Geschäftsführer Elmar und Rainer Miebach erwarten uns schon. Rainer Miebach verabschiedet sich auf einen Termin. Sein Bruder berichtet bei einer Tasse Kaffee über den aktuellen Stand des Baus der Fähre. Eine Konstruktionszeichnung des Schiffs hängt hinter ihm. Über ein Panoramafenster hat man einen fantastischen Blick in die Fertigungshalle der Werft, wo gerade Funken beim Schweißen an einem Ausflugsdampfer fliegen.
Dahinter ist der Aufbau der neuen Rheinfähre zu sehen. Die blau abgeklebten Fenster am Steuerhaus fallen ins Auge. „Das Schiff geht jetzt in die Fertigstellung“, sagt Elmar Miebach. Er hoffe, dass man bald mit dem Anstrich anfangen könne. Das gehe allerdings erst, wenn alle Schweißarbeiten erledigt seien.
Nichts vom Fließband
Die Lux-Werft ist laut Miebach spezialisiert auf den Bau von Fähren und Fahrgastschiffen. Vom Fließband ist da jedoch nichts. „Jedes Schiff ist ein eigenständiges Produkt“, sagt er. Der Begriff Prototyp komme dem nah, treffe es aber nicht ganz, weil selbstverständlich nicht jedes Mal das Rad neu erfunden werden muss. „Man lebt in unserem Geschäft sehr viel von Erfahrung. Es gilt, für den jeweiligen Bedarf die entsprechende Lösung zu finden“, sagt Miebach.
Dabei funktioniert es nicht so, dass die Werft alles vorgibt und das dann auch so gemacht wird. „Wir bauen das Schiff gemeinsam“, betont der Geschäftsführer. „Wir suchen auch manchmal die Reibung.“
Die Motoren und die Antriebe seien schon drin. Bei dem Thema merkt man, auf was es Jacob und der Fährgesellschaft angekommen ist bei dem Projekt. Denn immer häufiger habe man mit Niedrigwasser im Rhein zu kämpfen. Also hat die neue Fähre weniger Tiefgang. 74 Zentimeter im unbeladenen Zustand. Voll beladen 103 Zentimeter. „Die Altriper Seite ist dabei das Problem. Altrip liegt an der Stelle in der Innenkurve.“ Die Maße der Fähre seien deshalb auch genau auf die Fährstelle zugeschnitten, erklärt Miebach.
Geringer Tiefgang
„Bei jedem Schiff lernt man etwas dazu“, sagt Elmar Miebach. Bei diesem Schiff habe er gelernt, dass es offenbar möglich sei, ein solches Schiff mit 74 Zentimetern Tiefgang zu bauen, sagt er und lacht. Auch von der „Sehhilfe“ ist er begeistert. Weil Altrip in einem Nebelloch liegt, wie sich Jacob ausdrückt, wird in die Fähre ein topmodernes Nachtsichtgerät eingebaut. Bei der Wasserschutzpolizei in Regensburg habe er das mal in Aktion gesehen, berichtet Jacob. „Wir haben bei Nacht auf dem Bildschirm gesehen, wie eine Entenfamilie in rund 500 Metern Entfernung auf der Donau geschwommen ist“, erzählt er.
Beim Antriebssystem vertraut man auf vier Pumpjets. Diese sind bodengleich bei dem Schiff. Vereinfacht erklärt ist es ein Wasserstrahlantrieb. Die Pumpjets saugen das Wasser von unten an und stoßen es dann wieder aus. Dadurch werden Geschwindigkeit und Richtung geregelt. Angetrieben werden sie jeweils von einem Stromaggregat, das über Diesel betrieben wird. Auf einen Jet kommen so 270 PS Leistung.
Mehr Kapazität
Die erhöhte Kapazität über die vier Spuren auf dem Schiff hat die Lux-Werft quasi mit einem kleinen Trick erreicht. Die Aufbauten mit dem Steuerhaus sind extra schmal gehalten worden. „Im Berufsverkehr werden alle vier Antriebe laufen. Im Normalbetrieb über Tag werden weniger eingesetzt“, meint Jacob.
Es ist Zeit, die Fähre mal aus der Nähe zu begutachten. Also runter in die Werfthalle, vorbei unter anderem an der eigenen Schreinerei des Unternehmens. „Wir bauen drei bis fünf Schiffe pro Jahr“, erklärt Miebach auf dem Weg. Am Ausflugsschiff, das irgendwann auf einem See im Sauerland fährt, wird weiter geschweißt und geflext.
An Deck der Fähre geht es eher gemächlich zu. Arbeitsmaterialien liegen bereit. Luken sind abgesperrt. Man kann von oben einen Blick auf die Generatoren und die Pumpjets erhaschen, die zum Teil schon eingebaut sind. Und man bekommt einen Eindruck von den Dimensionen. Das Personal, das die Tickets kontrolliert, muss ganz schön auf Zack sein. Noch nicht montiert sind die Klappen, die jeweils an die beiden Enden der Fähre kommen werden für die Auf- und Abfahrt. 13 Tonnen wiegt eine.
Der Weg über Treppen und Flure zum Steuerhaus mutet an wie der Gang durch ein Raumschiff. Alles ist noch silbern verkleidet. Das Steuerhaus selbst ist noch im Rohzustand. Man sieht, wo im Boden die Kabel verlegt werden. Und man kann erahnen, dass der Kapitän im Betrieb auch einen tollen Ausblick hat.
Werkbank schon montiert
Bei der Fähre ist der Betrieb hauptsächlich unter Deck. Funken fliegen da nicht. Kabel werden gerade verlegt. Ab 1,75 Meter Körpergröße muss man den Kopf einziehen. Der Tank, der 18.000 Liter Dieselkraftstoff fasst, ist enorm. Die Werkbank ist schon montiert. Der Schraubstock fehlt allerdings noch. Elmar Miebach schaut mit geübtem und kritischem Blick, ob auch alles so passt, spricht mit den Arbeitern.
Er weiß, dass die Fähre in ein paar Wochen wahrscheinlich die Halle verlassen wird und ins Wasser kommt. Dort bekommt sie dann den letzten Feinschliff, ehe sie sich auf den Weg in Richtung Altrip macht. „Das ist manchmal schon komisch“, sagt Elmar Miebach. „Jeden Tag sieht man ein Schiff in der Werft, und dann ist es auf einmal weg.“
Wir verlassen die Halle. Aber noch nicht zurück in den Besprechungsraum. Es geht ans Rheinufer, wo in absehbarer Zukunft die neue Rheinfähre zum ersten Mal Wasserkontakt haben wird. Ein anderes Schiff ist schon am Anleger festgemacht. „Prinzessin Marie-Astrid“ steht auf der Seite. „Auf dem Schiff ist das Schengen-Abkommen unterzeichnet worden“, sagt Elmar Miebach. Der luxemburgische Staat habe das Schiff gekauft, in Niederkassel restaurieren lassen und wolle es demnächst als Museumsschiff verwenden.
Dann geht’s doch zurück ins Konferenzzimmer. Noch einen Kaffee für die Heimreise. Jürgen Jacob wirkt zufrieden. Elmar Miebach ebenfalls. „Wir verbinden Ufer“, sagt Miebach zum Abschied. Stimmt. Für die Reisegruppe aus der Vorderpfalz geht’s aber erstmal zurück in die Heimat. Jürgen Jacob steuert das Auto routiniert in Richtung Autobahn. Im Bewusstsein, dass die neue Fähre auf einem guten Weg ist.