Rhein-Pfalz Kreis „Muss halt irgendwie zurechtkommen“
An einem Vormittag, als Mülltonnen und Wertsoffsäcke noch auf den Gehwegen stehen, begleiten die RHEINPFALZ und der Behindertenbeauftragte Holger Voll die Seniorin Heidrun Walter auf ihrem Weg von der Ernst-Roth-Straße zum Südring, wo sie im Globus-Markt einen Kaffee trinken will. Es ist die Teststrecke, auf der deutlich werden soll, womit Sehbehinderte und Blinde auf Dorfstraßen zu kämpfen haben. Heidrun Walter hat seit 2004 eine altersbedingte Makuladegeneration (AMD) und ist innerhalb weniger Wochen so gut wie blind geworden. Nur seitlich, quasi in den Augenwinkeln, kann sie etwas erkennen. Die 76-Jährige trägt an der Jacke einen Anstecker mit den bekannten drei schwarzen Punkten auf gelbem Grund und hält in der Hand einen weißen Gehstock. „Ein Taststock wäre besser“, sagt Holger Voll. Aber der sei sehr viel länger und raumgreifender. Die meisten Bürgersteige auf unserer Teststrecke sind jedenfalls zu schmal dafür. Vor jedem Hauseingang befinden sich Hindernisse in Form von Abfallbehältern. Heidrun Walter kann froh sein, wenn sie ordentlich am Rand stehen oder liegen und nicht mitten auf dem Gehweg. Eigentlich benötigt sie die sogenannte innere Linie, erklärt Holger Voll: Gebäudekanten, Sockelmauern, Rasenbegrenzungen. Aber diese Linie wird an diesem Tag immer wieder durchbrochen. Durch Müll eben. „Zum Glück kenn’ ich mich auf dieser Strecke gut aus“, sagt Walter. Zum Globus läuft sie recht oft. Nicht nur zum Einkaufen, sondern auch, weil man in der Caféteria immer jemanden zum Plaudern trifft. Was schlecht für Gehbehinderte ist, ist gut für Sehbehinderte, erklärt Holger Voll, der im Kindesalter durch einen Unfall beide Beine verloren hat. Er meint Bordsteine, die für die einen Hürden, für die anderen als „äußere Linie“ eine Orientierungshilfe sind. Neu ausgebaute Straßen haben als Kompromiss häufig Mulden oder flache Rinnen, die Blinde ertasten und Rollstuhlfahrer überrollen können. Was Menschen wie Heidrun Walter, die noch hell und dunkel unterscheiden können, brauchen, wenn sich im Straßenraum alles auf einem Niveau abspielt, das sind Farbkontraste. „Gehweg und Fahrbahn müssen sich farblich unterscheiden“, sagt sie. Rotes Pflaster und helle Rinnen zum Beispiel, wie in der Adolf-Merz-Straße. Noch besser sind weiße Streifen mit tastbaren Rillen auf dem Bodenbelag. Auf jeden Fall muss die Seniorin irgendwie erkennen können, wann eine Straßeneinmündung kommt. Wenn sie kein Auto kommen hört – Radfahrer und E-Autos bewegen sich leider weitgehend lautlos –, geht sie mit dem Gehstock hoch und runter winkend über die Straße. „Als Sehender kann man sich nicht vorstellen, was uns Sehbehinderten Probleme macht“, sagt die Bobenheim-Roxheimerin, die sich regelmäßig beim Badischen Blinden- und Sehbehindertenverein in Mannheim mit Betroffenen austauscht. Wie zum Beweis tauchen auf der Strecke mehrere mitten auf dem Bürgersteig installierte Straßenlampen auf („Da passt dann auch kein Rollstuhl mehr durch“, sagt Walter) sowie der Stumpf eines Metallpfostens, an dem früher mal ein Verkehrsschild angebracht war. Ebenfalls gefährlich, zumindest ärgerlich: die verschwenkte und dadurch riesengroß erscheinende Einmündung des Konrad-Adenauer-Rings, einige ungeschnittene Hecken, auf dem Gehweg parkende Autos und: ein dicker, fetter Hundehaufen mitten auf dem Pflaster. „Ich bin allein, ich muss halt irgendwie zurechtkommen“, sagt Heidrun Walter, die nicht jammert, aber viel schimpft über achtlose Zeitgenossen. „Ich lass’ mir nix gefallen“, versichert sie glaubwürdig. Sie führt ihr sprechendes Handy vor und erzählt, dass sie auch ohne Begleitperson mit dem Zug nach Worms und Frankenthal fahren kann. Dort hofft sie dann, dass in den Fußgängerzonen keine Plakat- oder Kleiderständer mitten im Weg stehen. Holger Volls Aufgabe in der Gemeinde Bobenheim-Roxheim ist es, auf die Belange von Behinderten wie Heidrun Walter aufmerksam zu machen und Verbesserungen anzustoßen. Indem zum Beispiel beim Ausbau von Straßen behindertengerecht geplant wird. „Es ist so vorgesehen, dass bei jeder Baumaßnahme hier der Behindertenbeauftragte der Gemeinde oder des Rhein-Pfalz-Kreises, Gerhard Michel, die jeweiligen Pläne unterschreibt“, sagt Voll. Ein verbindliches Regelwerk gebe es nicht, nur Richtlinien und Empfehlungen, etwa von Instituten für Mobilität oder Verkehrsraumgestaltung. Den bevorstehenden Ausbau der für den innerörtlichen Verkehr so wichtigen Theodor-Heuss-Straße sieht der 46-Jährige in diesem Sinn als Herausforderung. Auch weil sie etliche Engstellen habe. „Deswegen will ich mir die Planung gemeinsam mit jemandem vom Pfälzischen Sehbehindertenverband genau anschauen.“ Termin Auftaktveranstaltung zur Umsetzung des „Aktionsplans Inklusion“ in Bobenheim-Roxheim am morgigen Dienstag, 18.30 Uhr, im Kurpfalztreff. Referenten sind Diplom-Sozialarbeiter Helmut Bauer von der Firma Inclusia und der Behindertenbeauftragte Holger Voll.