Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Leute im Landkreis: Wolfram Gratz aus Waldsee baut Wein in Ungarn an

In Waldsee: Wolfram Gratz mit einem Glas seines Weines.  Foto: Lenz
In Waldsee: Wolfram Gratz mit einem Glas seines Weines.

Wein in die Pfalz bringen, das ist ein bisschen wie Eulen nach Athen zu tragen. Wolfram Gratz aus Waldsee tut es trotzdem und begeistert auch eingefleischte Riesling-Fans mit seinen Weinen aus Ungarn. Sie wurden schon mehrfach ausgezeichnet.

Der 57-jährige Wolfram Gratz wohnt in einem urigen alten Bauernhaus in Waldsee. Seine Weinstöcke stehen aber nicht am Haardt-Rand, sondern rund 1000 Kilometer entfernt inmitten eines Nationalparks am nördlichen Ufer des Plattensees im 500-Seelen-Dorf Udvari. Diese ungarisch-pfälzische Koproduktion hat eine interessante Geschichte.

Eigentlich wollte Gratz in Kiel Medizin studieren, ist aber vor Studienbeginn bei einem Besuch bei seinem Bruder in Augsburg hängengeblieben. Dort studierte er zusammen mit ihm Betriebswirtschaftslehre – quasi im Tiefflug. Denn nach nur sechs Semestern war er im Alter von 22 Jahren Diplom-Ökonom. Die habe es damals wie Sand am Meer gegeben, sagt Gratz. Also habe er promovieren wollen und das am liebsten über ein Thema, das mit Ungarn zu tun hat.

Denn inzwischen hatte er seine Studienkollegin geheiratet, deren Vorfahren zum Teil aus Ungarn stammten und dadurch das Land kennen und lieben gelernt. 1987 hatte Gratz den Doktor-Titel in der Tasche und stürzte sich in die Arbeit. Er war IHK-Wirtschaftsberater und nach dem Mauerfall im Direktorat der Treuhand-Bauindustrie tätig. Dafür war er beruflich viel in Ungarn unterwegs. „Ich habe gearbeitet, gearbeitet und gearbeitet“, erzählt er. 1999 stellte er fest, dass es so nicht weitergehen kann. „Am Plattensee ist es wunderschön, der Grundstückspreis ist niedrig, so haben wir uns auf 1600 Quadratmetern ein hübsches Häuschen im Nationalpark gebaut“, erzählt Gratz.

Weinbau wegen Vorschrift

Was er nicht wusste: Wer dort ein Grundstück hatte, musste auf dreiviertel der Fläche Weinstöcke oder Obstbäume anbauen. Gratz entschied sich für den Weinbau und fing an, sich in das Thema einzulesen. Er stellte unter anderem fest, dass die Böden in der Region, dem geschützten Anbaugebiet Balatonfüred-Csopak, denen in Bordeaux, seinem damaligen Lieblings-Weinbaugebiet, ähnlich waren. „Erbärmliche Böden für alles andere, aber gut für die Weinrebe“, sagt Gratz. Er beschloss, Cabernet, Merlot und Blaufränkischen anzubauen, obwohl in der Region überwiegend Riesling-Reben kultiviert werden. Die erste Lese war 2004. Im Folgejahr ging er sechs Monate bei einem Winzer in Bordeaux in die Lehre. „Den ersten ordentlichen Wein hatten wir 2007“, erzählt Gratz. Von da an sammelte er Auszeichnungen für seine Weine.

In dieser Zeit hat Gratz in Augsburg gelebt, als Berater des Freistaats Bayern gearbeitet und sich um das Weingut in Ungarn gekümmert. „Es war eine enorme Doppelbelastung“, sagt er rückblickend. Eine Belastung, unter der die Ehe in die Brüche ging und die Gratz zu einem radikalen Schritt veranlasste.

Der Liebe wegen nach Waldsee

2015 beschloss er, die Arbeit aufzugeben und nur noch das zu machen, was ihm Freude macht. Und das war vor allem der Weinbau. Bei einem Abiturtreffen traf er seine Jugendliebe Dorothée Schmitt wieder. Es funkte, und er konnte sie für den Weinbau begeistern. Da sie in Mannheim arbeitete und es ihm gleich war, ob er von Augsburg oder von der Pfalz aus nach Ungarn reiste, zog das Paar im Mai 2016 nach Waldsee.

Von März bis September verbringt Gratz jeden Monat etwa zehn Tage in Ungarn und arbeitet in seinem zwei Hektar großen Weinberg. Dort ist noch Handarbeit angesagt. Vor Ort hat er eine Handvoll Helfer. Von Mitte September bis Ende Oktober bleibt er ganz dort. Denn dann erst werden die Weine aus dem Vorjahr abgefüllt. Sie bekommen nummerierte Etiketten, denn die limitierte Auflage besteht nur aus rund 10.000 Flaschen. Danach beginnt die Lese, bei der Lebensgefährtin Dorothée Schmitt und Sohn Raphael, der in Waldsee für den Vertrieb zuständig ist, fleißig mithelfen.

Zu seinen Weinen gehören der Cabernet „C“, sein sehr trockener „Herren-Kamin-Wein“, ein Merlot „M“, der kraftvolle „Grand Dame“ und sein Cuvée „X“, der das beste von beiden vereint und kürzlich mit Silber beim Mundus Vini Spring Tasting ausgezeichnet wurde. Es gibt einige Erklärungen, warum Gratz’ Weine so oft ausgezeichnet werden. Viel Fachwissen und Begabung zum Weinmachen ist ein Erklärungsansatz. Dass die Weinstöcke in einer geschlossenen Lage und nicht verteilt an mehreren Standorten wachsen, ein anderer. Vielleicht ist es auch die Handarbeit, die traditionelle Methode der Weinherstellung.

Kontakt

Eine Weinprobe bei Wolfram Gratz kann man nach Terminvereinbarung direkt in Waldsee, Lerchenstraße 34, machen. Die Weine gibt es dort, im Online-Shop unter www.weingut-gratz.de oder im Weinstudio Pfalz in Speyer, Königsplatz. Auf der Speisekarte findet man sie ab Herbst im Restaurant „Rheinblick“ in Waldsee oder im „Cottage“ in Heidelberg.

Udvari, Ungarn: Das Foto zeigt einen Teil des Weinguts Gratz, im Hintergrund ist der Plattensee zu erkennen.  Foto: Wolfram Grat
Udvari, Ungarn: Das Foto zeigt einen Teil des Weinguts Gratz, im Hintergrund ist der Plattensee zu erkennen.
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