Neuhofen Lena Kliegl hat ihren Lebensbegleiter auf vier Pfoten gefunden – einfach ist es dennoch nicht

Lena Kliegl und ihr Assistenzhund Happy bilden ein eingespieltes Team und haben eine enge Beziehung.
Lena Kliegl und ihr Assistenzhund Happy bilden ein eingespieltes Team und haben eine enge Beziehung.

Speziell ausgebildete Hunde ermöglichen blinden oder seheingeschränkten Menschen, am Leben teilzuhaben. Diese Hunde genießen als „medizinische Hilfsmittel“ uneingeschränkten Zugang zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Doch es gibt weitere Assistenzhunde, bei denen das nicht so ist. Lena Kliegl aus Neuhofen berichtet von ihren Schwierigkeiten, mit ihrem Assistenzhund Happy zum Beispiel Einkaufsmärkte zu betreten.

Wer Lena Kliegl begegnet, käme nicht auf die Idee, dass die junge Frau unter mehreren Beeinträchtigungen leidet. „Ich habe so ziemlich alles an psychischen Krankheiten mitgenommen, was es gibt“, sagt die zierliche 21-Jährige. Bereits seit früher Kindheit leidet sie unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, gepaart mit depressiven Episoden und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dies äußert sich in Panikattacken, Krampfanfällen, Orientierungslosigkeit bei Reizüberflutung und starker Konzentrationsschwäche – häufig ausgelöst durch bestimmte Gerüche, Geräusche oder optische Reize, die von den Betroffenen oft nur unbewusst wahrgenommen werden. Sie sind also nicht vorhersehbar.

Als man ihr im Alter von 20 – am Ende zahlreicher Therapien – sagte, man könne sie nicht weiter stabilisieren, ergriff Lena Kliegl die Initiative – sie begann zum Thema Assistenzhund zu recherchieren. Da schlug die Stunde für Happy. Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen der jungen Frau und dem schokofarbenen Labradorwelpen. Denn Labradore mit ihrem aufmerksamen, fürsorglichen und ausgeglichenen Temperament zählen zu den beliebtesten Assistenzhunden. Ein Welpe schien ihr geeignet, da er die Krankheit von klein auf mitbekommen und genau auf ihre Bedürfnisse hin trainiert werden sollte.

„Am Anfang war ich mehr für ihn da als er für mich“, erinnert sich Kliegl lächelnd. „Aber das gibt er mir inzwischen tausendfach zurück.“ Als Trainerin konnte sie Evangelia Sindl aus Worms gewinnen, die sich unter anderem auf die Ausbildung von Assistenzhunden spezialisiert hat. „Evi betreut uns nur alle zwei Wochen, denn Trainerstunden sind teuer, aber wir sind immer in Kontakt“, sagt Lena Kliegl. Den Rest macht sie selbst: „An guten Tagen, wenn ich keine depressiven Schübe habe, trainieren wir fast zwei Stunden“. Dabei geht es um Dinge wie Geruchskonditionierung: „Nach einem Krampfanfall muss ich in der Regel duschen und mich umziehen“, berichtet Lena Kliegl. „An der benutzten Kleidung erkennt Happy den Stressgeruch und kann mich in einem solchen Fall warnen und aus der Attacke herausholen.“

Hund Happy erkennt beginnende Panikattacken

Auch auf ungewöhnliche Bewegungen wie Muskelspasmen reagiert Happy. Dies tut er mit Stupsen, und wenn keine Reaktion kommt, mit Bellen. „Happy hilft mir auch, wenn ich Alpträume habe. Dann drückt er sich an mich und weckt mich auf. Momentan lernt Happy – er ist ja erst anderthalb Jahre alt – wie er an meiner Atmung erkennen kann, dass mir eine Panikattacke bevorsteht. Zudem ist er in der Lage, meine Notfallmedikamente zu bringen oder Sachen vom Boden aufzuheben. Er macht das unglaublich gut, und ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen“, betont die Hundehalterin.

Leider haben diese wertvollen Helfer im Alltag nicht denselben Status wie Blindenbegleithunde. Besonders betroffen war Lena Kliegl, als ihre Bewerbung für einen Aufenthalt in einer Rehaklinik mit der Begründung, es könne ja nicht jeder den Familienhund mitbringen, abgelehnt wurde. Hier sei noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Dafür setzt sich der Verein Pfotenpiloten mit Unterstützung des Bundesministeriums für Soziales und Arbeit ein. Er betreibt nicht nur Öffentlichkeitsarbeit, sondern korrespondiert unter anderem mit wissenschaftlichen Einrichtungen, um zum Beispiel Bedenken zur Hygiene im Lebensmitteleinzelhandel zu entkräften. Denn hier hakt es immer noch gewaltig.

„Mittlerweile kennt mich das Personal in den Läden, in denen ich regelmäßig einkaufe, und meistens kündige ich mich sogar per E-Mail an“, berichtet Kliegl. Doch es gibt Türsteher, die sich vor Happy fürchten und ihm den Zutritt verweigern. Oder Mitarbeitende, die an der Zutrittserlaubnis zweifeln, trotz Happys Weste mit der eindeutigen Aufschrift. Häufig müsse sie erst ihr Attest zeigen und fühle sich dadurch diskriminiert. Inklusion ist Lena Kliegl wichtig: „Ich möchte weder als Attraktion bestaunt werden, noch, dass man sich vor Happy und mir fürchtet.“ Ihr Appell an alle Kunden: „Am besten ist es, wenn man mich gar nicht beachtet“. Und Happy, auf dessen „Dienstkleidung“ ein Nicht-anfassen-Symbol zu sehen ist, sollte ebenfalls in Ruhe gelassen werden. „Er ist hochkonzentriert und möchte einfach nur seinen Job machen.“

Angst vor der Zukunft

Für den Fall, dass sie angesprochen wird, hat Lena Kliegl die Flyer der Pfotenpiloten dabei. Darin wird – auch für Kinder verständlich – erklärt, was ein Assistenzhund ist und wie man sich ihm gegenüber verhält. Womit sich Lena Kliegl zusätzlich auseinandersetzen muss, sind Anfeindungen wohlmeinender Tierfreunde. Sie werfen Assistenzhundehaltern vor, ihr Tier dürfe kein hundegerechtes Leben führen. „Das stimmt nicht“, betont Lena Kliegl. „Happy nimmt sich seine Ruhe, weil er weiß, dass ich in erster Linie für mich selbst verantwortlich bin. Wir haben Kontakt zu anderen Hunden und gehen regelmäßig zum Spielen auf die Wiese. Zudem ist ein Hund, der arbeitet, zufrieden, während einer, der sich langweilt, geistig und seelisch verkümmert.“

Obwohl Lena Kliegl mit Happy ihren Alltag meistert, hat sie Angst vor der Zukunft: „Ich bin 21; in diesem Alter haben andere junge Menschen ihre Ausbildung abgeschlossen oder studieren. Ich habe nichts als einen Realschulabschluss und eine abgebrochene Ausbildung zur Krankenschwester, die mir viel Freude gemacht hat. Und doch träume ich von einer Familie sowie einer Arbeit, die ich leisten kann.“ In ihrem Falle eine Ausbildung zur Assistenzhundetrainerin, doch die Finanzierung ist schwierig. „Es ist ja niemand wirklich für mich zuständig, da ich durchs Raster der Renten- und Krankenversicherung falle und nur das Jobcenter mir eine Grundsicherung bietet. Doch wenn es mehr Wissen über Assistenzhunde gibt, ist für Menschen wie mich schon viel erreicht.“

Pfotenpiloten

Die Organisation setzt sich für die Anerkennung von Assistenzhunden ein und hält auf seiner Webseite Informationen hierzu bereit. Dort lassen sich auch Infoflyer und Aufkleber bestellen. Kontakt: Pfotenpiloten e. V., Pier F – Zukunftshafen, Franziusstraße 8-14, 60314 Frankfurt, aktion@pfotenpiloten.org, www.pfotenpiloten.org.

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