Rhein-Pfalz Kreis Land und Leute: Coronavirus überall – auch in der Wochenendkolumne des Rhein-Pfalz-Kreises
Verhalten
Kann man der Corona-Angst etwas Gutes abgewinnen? Von einem, zugegeben, sehr subjektiven Standpunkt aus schon. Ich zum Beispiel werde nicht gerne umarmt von Leuten, die mir nicht wirklich nahe stehen. Als Kind wurde mir das Handgeben beigebracht. Und die alten Herrschaften der Großeltern-Generation fanden auch gut, dass ich „einen Diener“ machen konnte, wenn gewünscht – was nichts anderes als eine kleine Verbeugung ist. Mehr war nicht. Ich musste auch keine alten Tanten küssen, und wo das doch einmal erzwungen wurde, weil meine Eltern nicht dabei waren, um es zu verhindern, fand ich das grauenhaft. In jüngerer Zeit wurde es Mode, Menschen, die man öfter sieht, zu umarmen und „Bussi“ zu geben. Mich hat es oft ziemlich erschreckt, wenn Leute, mit den ich privat gar nichts zu tun habe, sich auf mich stürzten. Meist stand ich dann da, wie angewurzelt, mit hängenden Armen, hielt die Luft an und die fröhlichen Grapscher hatten das Gefühl, einen Baum zu umarmen. Einen toten Baum. Bei Wiederholungstätern habe ich zur Begrüßung die Hand weit vorgestreckt und bin im richtigen Moment einen Schritt zurück. Hat auch nicht bei allen geholfen. Aktuell erlebe ich, dass Leute eher einen Abstand halten, der mir angenehm ist. Und auch wenn Angst in der Luft liegt - irgendwie atme ich freier.
Verdauen
Neulich abends in Waldsee kam mir ein PKW entgegen, der Fahrer trug einen Mundschutz. Spontan dachte ich an einen Überfall, erst dann an Corona. Und dann habe ich mich von der allgemeinen Hysterie anstecken lassen und beschlossen, Hamsterkäufe zu machen. Es ist schockierend: im ganzen Umland sind die Hamster ausverkauft. Aber es muss welche gegeben haben, denn beim Hamsterfutter – Müsli und Haferflocken – sind Lücken im Regal. So unauffällig wie möglich habe ich beobachtet, wie die anderen das so regeln. Die meisten standen bei den Konserven und haben Dosen in die Wägen geladen, als gäbe es kein Morgen mehr: palettenweise Linsen- und Erbseneintopf, Ravioli und was sonst noch an Dosenfutter erhältlich ist. Alles Dinge, die selbst nicht so ernährungsbewusste Zeitgenossen höchstens hin- und wieder zu sich nehmen. Jetzt ist es ein Must-have. Unglaublich! Und was passiert im Ernstfall? Man kommt in Quarantäne. Im besten Fall geht’s einem gut und man hat endlich mal Zeit, die Bude aufzuräumen. Im schlechtesten Fall liegt man im Bett und fühlt sich elend. Und dann zum Frühstück eine Dose Ananas, zum Mittagessen Linseneintopf, abends Erbsensuppe. 14 Tage lang, jeden Tag. Das bringt selbst die gesündeste Verdauung in Bedrängnis. Und jetzt wird klar, warum bei den Quarantäne-Verhaltenstipps geschrieben steht, man solle gut lüften. Und es wird klar, warum das Klopapier komplett ausverkauft war. RHEINPFALZ-Abonnenten sind da im Vorteil. Sie wissen ja, wie das früher war: Zeitung zurecht schneiden und neben dem stillen Örtchen stapeln. Versuchen Sie das mal mit der Online-Ausgabe ...
Verpflichten
Händeschütteln, sonst die beliebteste Art der Begrüßung und ein Ausdruck von Höflichkeit, ist in Zeiten des Coronavirus nicht angesagt. Während sich für das Händeschütteln Ersatz finden lässt, etwa ein freundliches Nicken, ist das beim Handschlag weitaus schwieriger. Mit einem Handschlag wurden früher Geschäfte besiegelt und mit einem Handschlag werden Mitglieder von Gemeinderäten und deren Ausschüssen verpflichtet. Dies „auf die gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflichten“, so steht es in Paragraf 30, Absatz 2, der rheinland-pfälzischen Gemeindeordnung. Diese Verpflichtungen, die in der Regel Aufgaben des Bürgermeisters sind, gibt es nicht nur am Anfang einer Wahlperiode. Sie stehen auch an, wenn etwa ein neues Mitglied in den Rat nachrückt oder das Mitglied eines Ausschusses erstmals zu einer Sitzung kommt. Der Böhl-Iggelheimer Bürgermeister Peter Christ musste in dieser Woche bei einer Sitzung des Schulträgerausschusses gleich zwei neue Mitglieder verpflichten. „Auch in Zeiten von Coronavirus, es hilft nichts, bei der Verpflichtung ist ein Handschlag vorgeschrieben“, seufzte der Ortschef und schüttelte den beiden Neuen beherzt die Hand. Und auch die beiden zeigten tapfer keinerlei Berührungsängste. Vielleicht sollte sich die Landesregierung schnell einen Ersatz für den Handschlag einfallen lassen, nicht, dass noch alle Bürgermeister im Land wegen Corona isoliert werden müssen.