Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Kriegsende im Speyerer Umland vor 75 Jahren: Die weiße Fahne am Kirchturm

Ein zerstörter Tabakschuppen in Hanhofen nach Beschuss durch die Amerikaner 1945: Fotografiert hat ihn der damals 14-jährige Edg
Ein zerstörter Tabakschuppen in Hanhofen nach Beschuss durch die Amerikaner 1945: Fotografiert hat ihn der damals 14-jährige Edgar König.

Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in der Pfalz vor 75 Jahren: Im Speyerer Umland stoßen die Richtung Rhein vorrückenden Alliierten auf letzten Widerstand. Dass die Dörfer der Zerstörung entgehen, ist auch dem entschlossenen Handeln einiger mutiger Einwohnern zu verdanken.

Nach dem Verlust fast des gesamten linksrheinischen Gebiets waren Ende Februar 1945 nur noch das Nordelsass, das Saarland, die Pfalz, der Hunsrück und Rheinhessen in deutscher Hand. Der Otterstadter Pfarrer Josef Pirro notierte im Pfarrgedenkbuch über die Haltung der Ortsbewohner in der Kriegsendphase: „Ende 1944 und Anfang 1945 war dann doch bei der Mehrzahl der Wunsch vorherrschend, dass die Amerikaner bald kämen und der Krieg ein Ende nehmen würde…“

Die Lage von Waldsee und Otterstadt in der Nähe der Industriestadt Ludwigshafen gab von Anfang an zur Besorgnis Anlass, dass beide Orte bei Luftangriffen auf Ludwigshafen auch manches abbekommen würden. In Otterstadt fiel während des ganzen Krieges dennoch nur eine einzige Bombe in das Dorf selbst. Auch in den anderen Dörfern rund um Speyer wurden die Luftangriffe auf die Industriestadt immer mit banger Sorge beobachtet. Immerhin waren es im ganzen Krieg über 120 Angriffe. In Heiligenstein starben bei einem Fliegerangriff am Bahnhof am 22. März 1945 zwei Männer.

In Lingenfeld, wo Anfang März ein amerikanischer Bomber abgestürzt war, rückten die ersten Soldaten der 7. US-Armee der 6. amerikanischen Heeresgruppe am 24. März 1945 zu Fuß vom Wingertsbuckel her in das Dorf. Ihnen folgten wenig später Panzer und Jeeps. Am frühen Morgen war dort die 1761 erbaute Straßenbrücke zwischen Lingenfeld und Germersheim, die über die Druslach führte, gesprengt worden. Beherzte Frauen verhinderten zuvor gegen den Willen des NSDAP-Ortsgruppenleiters die Errichtung mehrerer Straßensperren. Der Lingenfelder Volkssturm, verstärkt von Männern aus der Umgebung, bezog zwar im Oberwald Stellung, kam aber nicht zum Einsatz. Gewehrschüsse einzelner deutscher Soldaten am südlichen Ortsausgang sowie Artilleriebeschüsse seitens der deutschen Truppen aus dem Rechtsrheinischen veranlassten die Amerikaner, die Bevölkerung teils in Keller einzuweisen, teils zu evakuieren. Nicht wenige hasteten mit Handwagen und Fahrräder, vollbepackt mit den nötigsten Habseligkeiten, aus ihren Wohnungen in die Nachbarorte.

Hanhofener Kirche beschossen

Am 22. März 1945 waren die Amerikaner bei Hanhofen auf deutschen Widerstand getroffen. Im Ort selbst richteten drei Granatwerfer beträchtlichen Schaden an der Kirche und an den Wohnhäusern an. Ein amerikanischer Spähtrupp mit zwei Wagen forderte die Öffnung der Panzersperre. Dabei wurde ein Mann getötet. Mit Leuchtspurmunition wurden Scheunen in Brand geschossen. Am 23. März 1945 stand ein Wirtschaftsgebäude der Mühle in Brand. Sogar Gras brannte, weil von Flugzeugen Phosphorblättchen abgeworfen wurden. Zwei Panzer zwischen Aumühle und heutigem Holiday-Park feuerten in Richtung Hanhofen und trafen den Kirchturm und andere Gebäude samt dem Peterhof. Vor Einzug der Amerikaner brannten einige Tabakschuppen ab. Dann nahmen US-Soldaten das Dorf ein. Nach Augenzeugenberichten war Hanhofen schließlich voll belegt und hatte mehr alliierte Soldaten als Einwohner.

Auch Harthausen geriet unter heftigen Beschuss. Schwere Gebäudeschäden waren die Folge. Am 23. März bestiegen einige Männer, darunter Georg Treibel, den hiesigen Kirchturm und hissten aus der obersten nördlichen Luke eine aus Bettlaken gefertigte weiße Fahne. Diese mutige Tat hielt die Amerikaner davon ab das Dorf unter Artilleriebeschuss zu nehmen. Treibel selbst, nach dem heute ein Platz in der Gemeinde benannt ist, drohte die Erschießung durch die Gestapo. Unmittelbar danach rückten amerikanische Verbände in das von der Deutschen Armee geräumte Dorf ein. Am nächsten Tag befanden sich 2000 US-Soldaten im Ort.

In Otterstadt sechs Kühe getötet

Zur gleichen Zeit rückten auch amerikanische Streitkräfte in Otterstadt und Waldsee ein, denen kampflos die Dörfer übergeben wurden. Als erstes Gefühl, das alle im Ort beherrschte, registrierte Pfarrer Pirro „Freude, dass Otterstadt die kritischen Tage und besonders den letzten ohne Zerstörung überstanden hatte und so der Krieg zu Ende war“. Der ungehinderte Einzug der Amerikaner in Otterstadt war nicht zuletzt das Verdienst des Altbürgermeisters Friedrich Zech, der von 1921 bis zu seiner Amtsenthebung durch die NSDAP 1933 an der Spitze des Dorfes gestanden hatte. Er zählte zu denen, auf deren Rat hin die Einwohner von selbstmörderischen Verteidigungsbestrebungen absahen. Am nächsten Morgen, 24. März, gegen 8 Uhr, schlugen auf einmal deutsche Granaten in Otterstadt ein. Menschen kamen nicht zu Schaden, dafür aber sechs Kühe, die getroffen und getötet wurden.

Die Serie

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in der Pfalz. Hobbyhistoriker Bernd Lohrbächer wirft einen Blick auf die letzten Kriegstage im Speyerer Umland.
Ein zerstörter Tabakschuppen in Hanhofen nach Beschuss durch die Amerikaner 1945: Fotografiert hat ihn der damals 14-jährige Edg
Ein zerstörter Tabakschuppen in Hanhofen nach Beschuss durch die Amerikaner 1945: Fotografiert hat ihn der damals 14-jährige Edgar König.
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