Rhein-Pfalz Kreis „Krieg kann keine Lösung sein“

Die Waffen ändern sich, das Grauen bleibt: Atomtest in Nevada.
Die Waffen ändern sich, das Grauen bleibt: Atomtest in Nevada.
Warum wollen Sie das Gedenken zum Volkstrauertag verändern? Interessiert es die Leute nicht mehr?

Es gibt immer weniger Menschen, die sich durch eigene Erlebnisse oder Verwandte an die Kriegszeiten erinnern, und das hat sich in den Besucherzahlen niedergeschlagen. In den letzten Jahren waren nur noch zwischen 15 und 20 Leuten aus der Generation 70 plus zur Kranzniederlegung gekommen. Der Volkstrauertag ist aber immer noch emotional stark besetzt. Ich denke, dass das Interesse noch da ist, denn es werden ja auch die Sendungen im Fernsehen angesehen. Es geht natürlich nicht um unsägliche Heldenverehrung, sondern man will wissen, was mit den Vätern und Großvätern passiert ist. Mein Großvater ist 1944 gefallen, und ich bin mit meiner Familie im vergangenen Jahr nach Hürtgenwald am Rande der Ardennen gefahren, wo Hunderttausende Soldaten in den letzten Kriegsmonaten verheizt wurden und wo auch mein Großvater beerdigt ist. Wie wollen Sie die Leute besser erreichen? Wir haben uns überlegt: Weg vom Ehrenmal vor der Kirche, wo es arg zugig ist und meistens regnet. Stattdessen legen wir in der Friedenshalle vor einem Bild die Kränze nieder. Das ist keine Abkehr von der traditionellen Veranstaltung, sondern eine Ergänzung. Und wir wollen die Jüngeren erreichen. Daher haben wir nach einer Ausstellung Ausschau gehalten und sind bei der Kriegsgräberfürsorge fündig geworden. In einer knappen halben Stunde kann man sich Informationen auf 40 Quadratmetern anschauen. Unser Beigeordneter Erwin Martin hat außerdem im Bundesarchiv nach Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht, die in einer Slideshow gezeigt werden. Was erhoffen Sie sich von der Ausstellung? Über die persönlichen Schicksale von Soldaten im Ersten Weltkrieg zu lesen, ist bedrückend. Zwischen acht und neun Millionen Soldaten sind im Ersten Weltkrieg gefallen, aber allein durch die Zahl kann man sich keine Vorstellung von dem Grauen machen. Wenn man aber 10.000 Kreuze auf dem Friedhof in Verdun sieht oder das Gebeinehaus mit Abertausenden von Knochen, bekommt die Zahl eine andere Bedeutung. Und wenn man Briefe von Pierre oder Karl liest, die ihren Familien von den Schrecken der Schützengräben berichten, begreift man, dass es nicht nur ein Soldat war, sondern der Ehemann, der große Bruder oder der Sohn. Man staunt auch über die Naivität, wenn ein Soldat 1914 schreibt, zu Weihnachten werde er wieder zu Hause sitzen, und dann steht lakonisch darunter, dass er am 23. Dezember gestorben ist. Von vielen hat man nie wieder etwas gefunden, weil die Schützengräben immer wieder von Granaten umgepflügt wurden. Warum finden Sie das Gedenken immer noch so wichtig? Gerade hatten wir eine Bundestagswahl, und mit der Alternative für Deutschland sind wieder Leute mit einer Gesinnung im Bundestag, die mir Bauchweh verursacht. Wohin Fremdenfeindlichkeit führen kann, wissen wir aus der Vergangenheit. Daher müssen wir sensibilisieren, damit so etwas nie mehr passiert. Der Volkstrauertag steht nicht nur für die Opfer der Weltkriege, sondern alle Opfer von Gewaltherrschaft. Wenn man öfter daran erinnerte, dann würden sich auch der US-amerikanische Präsident Donald Trump und sein nordkoreanischer Widersacher anders gebärden. Krieg kann keine Lösung sein – mögen die Waffen auch andere sein, so sind die Folgen doch gleichermaßen schrecklich, ob man von der Granate zerfetzt oder von der Atombombe verstrahlt wird. Erzählen Sie in der Ausstellung auch von den Kriegserlebnissen Großniedesheimer Bürger? Dieses Jahr noch nicht. Aber wir sind dabei, für nächstes Jahr Material zu sammeln. Durch Fliegerangriffe im Zweiten Weltkrieg gab es mehrere Tote im Dorf. Ein Bomber, der seine Last loswerden wollte, hat versehentlich Großniedesheim getroffen. In den ersten Tagen nach dem Krieg fanden zwei junge Männer Bomben auf dem Feld und sind jämmerlich verbrannt. Auf unserem Friedhof ist ein junger Soldat begraben, der auf dem Rückzug von Tieffliegern erschossen wurde. Um das alles genauer zu recherchieren, brauchen wir noch Zeit. | Interview: Antje Landmann

Britische Soldaten liegen im Juli 1916 während der Schlacht an der Somme in einem eroberten deutschen Schützengraben.
Britische Soldaten liegen im Juli 1916 während der Schlacht an der Somme in einem eroberten deutschen Schützengraben.
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