Rhein-Pfalz Kreis Klimakatastrophe statt Fegefeuer

Luther wollte mit seinen Thesen damals die innerkirchliche Diskussion ankurbeln. Heute sind sie auf der Thesentür der Wittenberg
Luther wollte mit seinen Thesen damals die innerkirchliche Diskussion ankurbeln. Heute sind sie auf der Thesentür der Wittenberger Schlosskirche verewigt.
Andreas Rubel (48 Jahre), Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinschaft Heiliger Petrus, Bobenheim-Roxheim:

Dass das ganze Leben Buße sein soll, das glaube ich als Katholik nicht. Es ist keine Trostbotschaft. Der Mensch wird klein gemacht, und dieses Motiv findet man bei Luther immer wieder, aber das hat viel mit seiner Zeit am Ende des Mittelalters zu tun. Es mag zwar sein, dass wir leiden und Schuld auf uns geladen haben – deshalb halten wir in der Advents- und Fastenzeit inne. Aber Gott will nicht das Leid für die Menschen, sondern er trägt sie in der Leidensphase. Und Freude gehört dazu: Jesus sagt, dass mit seinem Kommen in die Welt das Reich Gottes schon angefangen hat und dass die Freude der Menschen vollkommen wird. Sabine Tarasinski, protestantische Pfarrerin und Koordinatorin des ambulanten Hospizdienstes Frankenthal-Maxdorf: Luthers reformatorisches Denken ist ohne seine Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben und Tod nicht denkbar. Der Ablasshandel, gegen den er sich in seinen 95 Thesen wandte, war nur möglich, weil über Jahrhunderte ein Gottesbild gepredigt wurde, das mit Gericht und Strafe drohte. Luther erkannte im Lesen der Bibel den Gott, der mit dem Maß des unergründlichen Erbarmens misst. Gerade wenn nach dem Tod Gottes Gnade offenbar wird, ist das „Abzocken armer Menschen“ zugunsten einer Bereicherung weniger umso absurder und erbarmungsloser. Luther war Zeit seines Lebens immer wieder von schwerer Krankheit geplagt, er litt unter Schmerzen. Und er hatte Angst vor dem Sterben: „Mir wird so bang“, hat er sich oft geäußert. Doch vor dem Tod war ihm nicht bang. Bis in seine letzten Stunden hinein hat er aus seinem Vertrauen auf den gnädigen Gott Kraft gezogen. In der Hospizarbeit erleben wir ebenfalls die Unterscheidung zwischen Sterben und Tod. Vielen Menschen erscheint das, was nach dem Tod auf sie zukommt, mit weniger Schrecken besetzt: die Erlösung vom jetzigen Zustand, das ewige Leben in Gnade, das Aufgehen in den Kreislauf der Natur oder das schlichte Nicht-mehr-sein. Eher umtreiben die Gedanken der irdische Verbleib des Leibes, die Grablegung und -pflege. Hier blüht ein Geschäft, das über den Tod hinausreicht um die Versorgung des Leibes, nicht um die Sorge der Seele. Die Angst vor dem Sterben wird heute als Angst vor dem „total pain“, dem mehrfachen Schmerz, beschrieben. Über die Jahrhunderte hinweg ist diese Angst gleich geblieben: Die Angst vor dem Schmerz, der Einsamkeit, dem Verlust, dem Loslassen müssen. Angehörige und Profis können diesen Weg begleiten – die Kernaufgabe der Hospizbewegung heute. Luther hatte seine drei Söhne und Freunde um sich, als er – fern von seiner geistigen und weltliche Heimat Wittenberg – 1564 in Eisleben verstarb, der Stadt seiner geistigen und weltlichen Wurzeln. Ursula Faber (67), Künstlerin in Großniedesheim: Das Geschäft mit dem schlechten Gewissen kann man aus Luthers Zeiten in die Gegenwart transportieren. So drohen heute nicht mehr Fegefeuer und Verdammnis der Seele, sondern Umweltkatastrophen und Klimawandel, hervorgerufen durch den modernen weltweiten Ablasshandel. Der Mensch findet immer wieder neue Wege, sich von seiner Verantwortung zu befreien und kauft sich beispielsweise mit CO2-Emissionszertifikaten frei. Anlässlich des Kultursommer-Projektes in der Zwölf-Apostel-Kirche Frankenthal „Aber der Geist macht lebendig“ habe ich versucht, den Betrachter für dieses immer wichtiger werdende Thema zu sensibilisieren. In 24 geschlossenen Zertifikatrollen und einer großen offenen Hängerolle wurden alchemistische Natursymbole aus dem Mittelalter mit neuzeitlichen Icons für Giftstoffe oder Radioaktivität kombiniert. Ute Napp (66) vom Kulturverein St. Michael Dirmstein. Diese These ist heute immer noch aktuell, denn oft neigen wir dazu, uns mit einer Geldspende freizukaufen, statt persönlich aktiv zu werden. Reformation bedeutet für mich auch, mein Umfeld, unsere derzeitigen Verhältnisse immer wieder zu hinterfragen, ob sie nicht verbesserungsbedürftig sind, und in welcher Form ich dazu beitragen kann. Can Yurtseven (32), Rechtsanwalt und Hockey-Trainer der TG Herren Frankenthal: Als Bürger, der keinen christlichen Hintergrund hat, vermag ich mir keine Beurteilung darüber zu erlauben, ob man Christen lehren solle. Luther sah sich häufig als Lehrender guter Werke und Barmherzigkeit. Gute Werke sind in seinen Augen besser als Ablässe. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das auf die Arbeit mit Menschen und deren Hilfe angewiesen ist. So kann ich als Sporttrainer und Rechtsanwalt mitgeben, dass eine Arbeit an Menschen und die Begleitung von Bedürftigen eine große Erfüllung für mich darstellt. Die Dankbarkeit gibt der eigenen Seele Kraft und eröffnet eine positive Energie, die nicht zu greifen ist. Und in schwierigen Zeiten sind die Bedürftigen diejenigen, die dir dann die Hand reichen werden. Als Ergebnis steht dann eine barmherzige Nächstenliebe, die das Fundament einer besseren Gesellschaft darstellt. Manfred Gräf (65), ehemaliger Bürgermeister Bobenheim-Roxheims (CDU) und Mitglied des Katholikenrats der Diözese Speyer: Der Kauf von Ablassbriefen sollte dem Erlass von Sündenstrafen dienen. Durch Geld sein Seelenheil – oder das anderer – zu kaufen, ist aber nicht möglich. Zudem drückt dies eine ganz und gar ich-bezogene Haltung aus und hat sicher nichts mit der Aussage Jesu zu tun: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Bedürftigen helfen! Dabei geht mein Blick über mich hinaus, und meine Aufmerksamkeit ist dort, wo ich andere Menschen unterstützen kann. Luther war für seine Zeitgenossen sicher widersprüchlicher und kein einfacher Mensch. Aber er hat wichtige Impulse gegeben, das Christentum fortzuentwickeln. Leider ging die Einheit der Christen verloren. Die Zeichen der Zeit wurden nicht erkannt. Auch heute stehen die Kirchen vor großen Problemen der Akzeptanz. Die Kirchen müssen verstärkt dem „Volk aufs Maul schauen“. Was nicht heißt, dem Zeitgeist nach dem Munde zu reden, sondern Kümmerer zu sein, um Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenslagen. Sicher könnten wir besser gemeinsam – als ökumenische Kraft – das Wort Gottes der Welt erfahrbar machen. Das Jubiläum sollte Anstöße dazu geben. Andreas Rubel (48), Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinschaft Heiliger Petrus, Bobenheim-Roxheim: Auf keinen Fall meinte Martin Luther hier, dass man den Krieg in Kauf nehmen sollte. Man könnte das Wort von der „Sicherheit eines Friedens“ und von „vielen Trübsalen “ so missverstehen. Durch die Reformation ist in der Folge viel Blut vergossen worden, aber Luther wollte nicht einmal die Aufspaltung der Kirche, sondern seine Kirche reformieren. Er hat auf Missstände hingewiesen und der Kirche damit einen Gefallen getan. Das war ein Aufrütteln. Die Kirche sollte sich wieder mehr am Evangelium orientieren, und das ist bis heute aktuell. In der evangelischen und katholischen Kirche verbringen wir viel Zeit in Sitzungen und mit der Gebäudeverwaltung. Da bleibt das Evangelium manchmal auf der Strecke. „Trübsale“ sind, wenn Christen mit ihrem Glauben auf Ablehnung stoßen, wenn sie an der Ausübung ihrer Religion gehindert und im schlimmsten Fall verfolgt werden. Leider ist die Christenheit in der Welt immer noch die Gruppe, die in vielen Ländern am meisten verfolgt wird. | Zusammengetragen von Antje Landmann

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