Rhein-Pfalz Kreis Immer im Kreis herum

Orakeln statt torkeln: Eine Flasche Landrats-Regent sagt die Zukunft der Rhein-Pfalz-Kreis-Dörfer voraus.
Orakeln statt torkeln: Eine Flasche Landrats-Regent sagt die Zukunft der Rhein-Pfalz-Kreis-Dörfer voraus.
Gepriesen

«Altrip.» Die kommunalen Spitzenverbände beschließen, 2018 erstmals einen Preis an die kämpferischste Gemeinde Deutschlands zu verleihen. Ein Dorf, das sich nichts gefallen lässt. Gesucht wird ein Ort ähnlich dem fiktiven Küstendorf im Nordwesten Galliens, in dem Asterix und Obelix leben. Auserkoren wird Altrip, das zwar nicht am Meer, wohl aber am Ufer des Rheins liegt. Und genau wegen dieses mächtigen Stroms in einen seit Jahren währenden Kampf verwickelt ist – gegen die Pläne der Struktur- und Genehmigungsdirektion in Neustadt. Hochwasserschutz hin oder her, das Örtchen in Beinahe-Insellage will keinen Polder. Und geht deshalb bis vor den Europäischen Gerichtshof und wieder zurück. Doch dieses Instanzen-Geturne ist den Altripern nicht genug. Ebenfalls im Visier der Gemeinde: zwei schrottverarbeitende Betriebe auf der anderen Rheinseite. Und die Stadt Mannheim, die aus Sicht Altrips die Machenschaften der lärmenden Unternehmen deckt. Die kleine Gemeinde spielt gerne David gegen Goliath – und wenn das nicht geht, streiten die Altriper mit sich selbst. Über Ausbaubeiträge an der Blauen Adria. Oder um ein Ärztehaus am alten Friedhof. Ach so, der Preis, den die kommunalen Spitzenverbände ausloben: Die Heldentaten der kämpferischsten Gemeinde werden festgehalten. In Comic-Form. Ende 2018 soll der erste Band „Altrip in Luxemburg“ an allen Kiosken erhältlich sein. Asterix und Obelix samt ihrer fiktiven Küstendorfmitbewohner bekommen Konkurrenz ... Gesteuert «Birkenheide.» Die Gemeindekasse ist klamm. Und Not macht erfinderisch. Deshalb setzt man sich in Birkenheide zusammen, um neben der Pferdesteuer weitere Einnahmequellen für 2018 zu erschließen. Wer Pferde besteuert, kann auch bei Kaninchen die Hand aufhalten, denken sich die Gemeindeoberen Siegmund Hein und Emmi Seitz. Auch eine Luftsteuer kommt ihnen in den Sinn, Vorbild ist das fränkische Fürth. Sind an Privathäusern Kaugummi- oder Zigarettenautomaten angebracht, die mehr als 15 Zentimeter auf den Gehweg ragen, muss jährlich eine Gebühr gezahlt werden. Eine Gardinensteuer wäre doch wohl auch etwas, Vorbild ist eine Legende aus den Niederlanden. Wer Vorhänge hat, müsse blechen, heißt es. Kann man mal machen – oder hat in Birkenheide irgendjemand etwas zu verbergen? Weil sie sich in Birkenheide eine Maschine zur Reinigung der Friedhofswege anschaffen wollen, aber kein Geld dafür haben, führen sie prompt eine Wegepflegegeräte-Benutzungssteuer zur Finanzierung derselben ein. Der große Durchbruch zur Dorfsanierung gelingt aber erst mit der Gegenwind-Steuer, denn der schlägt Bürgermeister und Beigeordneter von allen Einwohnern entgegen. Und irgendwo im vorderen Hintergrund bringt sich Rainer Reiß in Stellung. 2019 ist Kommunalwahl. Gebohrt «Böhl-Iggelheim.» Böhl-Iggelheims Bürgermeister Peter Christ hat zwei Zauberbohrmaschinen. Die Teile hat er sich bereits letzte Weihnachten gewünscht, um dicke Bretter zu bohren. Etwa in Sachen Westumgehung. Es hat geholfen. Das Land hat zumindest seine Zusage gemacht. 2018 bohrt Christ weiter. Dieses Mal am Rehbach. Und schwups hat er die richtigen Stellen erwischt. Der Bach mäandert friedlich an Iggelheim vorbei – so ganz und gar naturnah. So naturnah, dass plötzlich seltene Pflanzen aus dem Boden schießen. Sie entfalten prachtvolle Blüten mit betäubendem Duft. Bienen sind begeistert. Käfer völlig kribbelig. Dann lassen sich vom Aussterben bedrohte Vogelarten aus aller Welt nieder. Und im Wasser schwimmen Fische, bunt, groß, und prächtig, wie man es in diesen Gefilden noch nie gesehen hat. Das ehemalige Tabakland wird zu einer Naturoase. Die Böhl-Iggelheimer samt ihrem Bürgermeister sind bass erstaunt. Wow. Und jetzt? Geheimhalten oder vermarkten? Da steigt schon Landrat Clemens Körner der Blütenduft in die Nase und er wittert eine Chance. Tourismus im Rhein-Pfalz-Kreis ist sein Steckenpferd. Doch hat er die Rechnung ohne Siegfried Filus gemacht. Den Widersacher in Form eines Oberobernaturschützers im eigenen Haus muss Körner miterleben, wie das Rehbachland zur absoluten Naturschutzzone erklärt und abgeriegelt wird. Christ sucht seine Bohrmaschinen. Irgendwie muss es doch möglich sein, ein Loch – und wenn es nur ein winziges ist – zu bohren. Als Durchschlupf zum Paradies. Gewartet «Dannstadt-Schauernheim.» Die Dannstadt-Schauernheimer warten im neuen Jahr wohl weiter auf ihre Umgehungsstraße, die eigentlich keine ist – da sie nur am Ortsrand entlang führen soll, nicht aber um das vom Lkw- und Traktor-Verkehr geplagte Dorf herum. Genauer gesagt warten sie auf finanzielle Hilfe vom Land. Das könnte ähnlich lange dauern wie in Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“: Besagter kam bekanntlich ja auch nie. Derweil schielen die Verantwortlichen neidisch zu den Nachbarn in Böhl-Iggelheim: Denen hat das Land nämlich Geld für eine nagelneue Umgehungsstraße zugesagt. So etwas wurde doch in grauer Vorzeit auch mal den Dannstadt-Schauernheimern versprochen? Stimmt. Sie haben sich das damals aber nicht schriftlich geben lassen, und spätere Regierungen in Mainz wurden zunehmend vom Gedächtnisverlust heimgesucht, bis von dem einst in Aussicht gestellten Zuschuss gar nichts mehr übrig blieb. Immerhin bekommt die Gemeinde 2018 einen schönen neuen Supermarkt, obwohl der streng betrachtet auf den Keltengräbern Hochdorf-Assenheims eröffnet – aber das sind Formalien. Gesponsert «Fussgönheim.» Sitzungen des Fußgönheimer Ortsgemeinderats sind in der Regel lang. Stundenlang. Das wird sich auch 2018 nicht ändern. Regelmäßig geht es auf Mitternacht zu, bis alle Punkte abgearbeitet sind. Aber sie streiten einfach zu gerne, die Damen und ... – nein, allen voran sind es die Damen in der Runde. Deshalb bekommen die Herren im neuen Jahr allesamt Tablets. Damit sie via Internet-Stream die Live-Übertragung der Ratssitzung von daheim aus verfolgen können. Und dazustoßen können, wenn es notwendig ist. Wir haben uns derweil entschieden, die Berichterstattung über die Kartoffel-Gemeinde sogar noch zu intensivieren. Vielleicht bieten wir sogar einen Live-Ticker aus den Ausschuss- und Ratssitzungen an. Für die ganz Geduldigen. Aber eine Vorwarnung: Für jede Meldung bleibt die Überschrift gleich – „Schon wieder eine Diskussion um des Kaisers Bart“. Gefiedert «Hochdorf-Assenheim.»Die Hochdorf-Assenheimer fiebern der lang herbeigesehnten Umgehungsstraße entgegen. Na ja, zumindest die Assenheimer, deren Ortsteil die neue Asphaltstrecke vom lärmenden und stinkenden Verkehr entlasten soll. Einziger Haken: Die Haubenlerche, die im benachbarten Dannstadt schon manches Bauprojekt ausgebremst hat, hat offensichtlich Nachwuchs bekommen – oder Familiennachzug. Auf jeden Fall scheint sich ein Teil der geschützten Vogelart auf den Assenheimer Feldern ausgebreitet zu haben, die eigentlich der Ost-Umgehung weichen sollen. Anders als die Dannstadt-Schauernheimer lassen sich die Hochdorf-Assenheimer davon weder entmutigen noch aufhalten. Sie werden kreativ. Denn während sie das Federvieh gar nicht brauchen können, fällt ihnen spontan eine Gemeinde ein, der das Vögelchen gerade recht kommen könnte. Einige Anrufe sowie eine Nacht-und-Nebel-Aktion später stellt sich heraus, dass es der Haubenlerchen-Population nach reiflicher Überlegung im geplanten Altriper Polder-Gebiet viel besser gefällt. Gewählt «Limburgerhof.» Laaaaange trudelt die Flasche bei unserem Flaschendrehen auf der Karte des schönen Rhein-Pfalz-Kreises, ehe sie zum Liegen kommt und der Flaschenhals auf das ebensoschöne Örtchen Limburgerhof zeigt. Das passt, geht doch dort im neuen Jahr auch eine laaaaaange Amtszeit zu Ende. 16 Jahre lang wird Bürgermeister Peter Kern die Geschicke Limburgerhofs geleitet haben, wenn der Sozialdemokrat im August sein Amt an seinen Nachfolger übergibt. Das ist zwar nicht so lange, wie sein Vorgänger Heinrich Zier im Büro des Bürgermeisters saß – 30 Jahre –, aber dafür hat es Kern geschafft, mit seinen 72 Jahren ältester hauptamtlicher Bürgermeister in Rheinland-Pfalz zu sein – und zweitältester in der ganzen Bundesrepublik. Dafür erhält der Pädagoge auf dem Bürgermeistersessel im neuen Jahr vom Deutschen Städte- und Gemeindebund den Goldenen Durchhalte-Orden am Bande. Denn schließlich braucht man als Senior der Ortschefs schon einen laaaaangen Atem. Deswegen haben die bis dato zwei Kandidaten, die seine Nachfolge antreten wollen, auch einen laaaaaangen Anlauf genommen. Schon im vergangenen März, ein Jahr vor dem Wahltermin, hat Ralf Michalak für die SPD seinen Hut in den Ring geworfen. Im Mai folgte Andreas Poignée für die CDU. Am 4. März, in neun Wochen also, gilt es, dann wird gewählt in Limbim. Und Peter Kern wird sich zurücklehnen und den Blick von „seinem“ Rathaus über „sein“ Limburgerhof schweifen lassen. Gelotst «Maxdorf.» Albert-Funk-Haus, was sonst. Doch auf das leidige Thema hat Werner Baumann 2018 keine Lust und schiebt es erstmal beiseite. Hat sich der Maxdorfer Bürgermeister doch ein neues Steckenpferd gesucht – das Anwerben namhafter Unternehmen aus der Region für sein Dorf. War der Umzug der Pfalzwerke zunächst eine Schnapsidee, wird der Coup nun Realität. In Ludwigshafen werden sie sich über den Standort des neuen Firmensitzes nicht einig, also zieht der Energieversorger tatsächlich nach Maxdorf. Die Bürgermeisterkollegen klopfen Baumann anerkennend auf die Schulter – und doch schaut der ganze Rhein-Pfalz-Kreis auch neidisch nach Maxdorf. Was das alles Gewerbesteuer bringt! Doch Baumann hat weit größeres im Sinn. Er lotst nicht nur die Pfalzwerke aufs Land, sondern auch die Großbäckereien Görtz und Schall. Als direkte Nachbarn! Ludwigshafen blutet aus, alle fliehen vor dem geplanten Abriss der Hochstraße, sogar das Kreishaus wird versetzt. Und auch die BASF überlegt, umzusiedeln. Maxdorf als Hauptdorf. Baumann reibt sich die Hände – und das ganz große Ding kommt erst noch. Denn auch der Pfalzbau wandert vom Rhein in den Kreis. Ein Veranstaltungshaus können sie in Maxdorf ja doch ganz gut gebrauchen. Problem gelöst. Gefeiert «Mutterstadt.» Eine Flasche als Orakel – das passt für Mutterstadt. Schließlich haben die mehr als 12.000 Mutterstadter das ganze vergangene Jahr über ausgiebig gefeiert und dabei mit so manchem guten Tropfen angestoßen. 1250 Jahre alt ist das Dorf geworden. Aber eigentlich ist das heutige Mutterstadt schon länger besiedelt, denn es ist ja nur die erste Erwähnung in den Unterlagen des Klosters Lorsch, aus denen sich das „Geburtsjahr“ ableitet. Deswegen denken sich die Mutterstadter: Weil es so schön war, können wir gleich weiter feiern. Irgendein Geburtstag stimmt bestimmt immer. Und wenn die Schifferstadter 2018 auch noch Jubiläum feiern, dabei aber ganze 100 Jahre jünger sind – also nur laut Kloster Lorsch, denn dort gab es natürlich auch schon lange vorher schlaue Menschen, siehe Goldener Hut und so ... aber, wir schweifen ab. Wie wäre es dann also in Mutterstadt mit einer neuen Jubiläumsfeier: ein Jahr renoviertes Zentrum? Buden auf dem Rathausplatz, Feuerwerk auf der ampelfreien Kreuzung, Open-Air-Konzert vor dem Palatinum ... Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Geputzt «Neuhofen.» Die Diskussionen um den Supermarkt gehen weiter. Am Standort wird nichts zu rütteln sein, dafür am Vollsortimenter, mit dem die Firma Görtz zusammenarbeiten will. Die hatte eigentlich nur eine Bäckerei am Supermarkt geplant, steigt jetzt aber wegen der, ach nein, für die Neuhofener ins große Lebensmittelgeschäft ein und gründet ihre eigene Kette. Erste Filiale: Neuhofen. Ungünstig ist nur, dass die Firma längst nicht mehr in der Ortsgemeinde ansässig ist, den Firmensitz 2018 von Ludwigshafen nach Maxdorf verlegen wird. Aber die Gewerbesteuer ist ja eh schon seit Jahren futsch. Immerhin fließt Kohle für lokale Projekte in die Gemeinde. Und Neuhofen putzt sich im Laufe des Jahres ordentlich raus, stellt unter Bürgermeister Ralf Marohn wieder große Feste auf die Beine. Der Partnerschaftsplatz und der Waldpark werden zum Anziehungspunkt für Menschen aus der ganzen Metropolregion. Einziger Streitpunkt bleibt der Badeweiher Steinerne Brücke. Die Idee, eine Mauer im Gewässer hochzuziehen, wird zum Glück verworfen. Gestritten «Rödersheim-Gronau.» Die Rödersheim-Gronauer werden sich 2018 weiter über das geplante Gewerbegebiet streiten. Die Gründe sind längst in Vergessenheit geraten, aber Tradition will gepflegt werden. Viel zu tun gibt es sonst ja auch nicht, bis die Assenheimer ihre Umgehungsstraße bekommen und darüber dann auch Rödersheim-Gronau an die Zivilisation angeschlossen wird. Weil der Streit um das immer selbe Thema nach Jahrzehnten aber doch etwas an Begeisterungskraft einbüßt, haben einige Ewig-Kreative eine neue Auseinandersetzung erfunden, die 2018 unterhalten soll: die Pflege des Gedenksteins der ehemaligen Burg im heutigen Ortsteil Gronau. Das Erinnerungsstück ist in die Jahre gekommen und hat, vorsichtig formuliert, schon bessere Tage erlebt. Grundsätzlich herrscht zwar Einigkeit darüber, dass hier ein bisschen neues Make-up angebracht wäre. Doch Stein des Anstoßes ist der Ursprung des Gedankens. Hier streiten sich zwei Seiten um die Vaterschaft. Die Ergebnisse der DNA-Untersuchung werden für 2019 erwartet. Gehütet «Schifferstadt.» Der erste Tag des Goldenen Huts wird am 29. April 2018 gefeiert. Und dank der Schlotten erhält das schnuckelige Schifferstadt zumindest landesweit die verdiente Ehre. Denn: Ministerpräsidentin Malu Dreyer wird am 23. Januar der Saumagen-Orden verliehen – und das Versprechen abgenommen, die rührige Rettichmetropole im Land nach vorn zu bringen. Erste Amtshandlung: ein verpflichtender Huttag für alle rheinland-pfälzischen Gemeinden. Es folgt ein Rettichtag pro Woche in allen Kantinen des Landes – die werden natürlich beliefert von den Schifferstadter Bauern, von wem auch sonst? Aber das ist noch längst nicht alles. Die Mainzer Fasnacht wird Geschichte sein. Übertragen werden stattdessen ab sofort die Milieusitzungen der Schlotten und die Straßenfasnacht. Der Beschluss geht übrigens schnell durch die spontan vorverlegte Stadtratssitzung – was eine Ausnahme bleiben soll. Denn Schifferstadt wird sich einen Namen machen – landesweit, ach was, deutschlandweit. Als Kommune mit den längsten Sitzungen. Die fangen zukünftig bereits vormittags an, damit bis in den späten Abend alles Wichtige durchdiskutiert ist und wirklich jeder zu Wort kommen darf.

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